Von der Kunst geführt: Rundgang durch Schopfheim Freizeit in der Region | 23.05.2019 | Tanja Senn

Schopfheim

Tradition und Moderne, Kunst und Natur: In Schopfheim treffen scheinbare Gegensätze aufeinander. Anhand eines Rundgangs zu den Skulpturen lässt sich die älteste Stadt im Markgräflerland erkunden.

Die Frau sitzt auf einem Bänkchen am Brunnen, ein Baby auf dem Arm, ein Kleinkind stützt sich auf ihren Schoß. Ihr gegenüber hat sich eine Katze genüsslich in der Sonne zusammengerollt, mehrere Gänse starren wie hypnotisiert auf das plätschernde Wasser. „Das Gespräch“ heißt der 1991 von Leonhard Eder erbaute Brunnen im Herzen der Schopfheimer Altstadt.

Hier startet Ulla Schmid ihre Frühjahrstour zur „Kunst im öffentlichen Raum“. Zweimal im Jahr führt die Museumsdirektorin Besucher auf verschiedenen Routen zu den Skulpturen und Denkmälern in Schopfheim. „Eine einzige Tour reicht nicht aus“, sagt Schmid. Ein großzügiger Etat für den Kunstankauf mache die Breite an Werken möglich. „Die Investitionen lohnen sich“, bekräftigt Bürgermeister Dirk Harscher. „Viele Touristen schauen sich die Skulpturen wie die Lenk-Plastik an.“

Kornspeicher-Fassade Schopdfheim

Der Brunnen mit der Markgräflerin und die Plastik von Lenk zur Badischen Revolution (oben) sind zwei Stationen des Kunst-Rundgangs.

Zu ihr führt auch Schmid ihre Gruppen. Zunächst geht es aber zum Gedenkstein am Museumsplatz – einem Mahnmal für die Deportation der Juden, das Jugendliche aus Schopfheim gemeinsam mit der Künstlerin Sybille Ruhnau aus Wehr gestaltet haben. Von hier aus lohnt sich ein Abstecher ins Stadtmuseum. Hier sind nicht nur wertvolle Sammlungen zur adeligen und bürgerlichen Wohnkultur zu sehen, sondern auch unterhaltsame Sondeausstellungen. Noch bis Mitte Juni treiben „Hucky, Yogi, Fix und Foxi“ ihr Unwesen im Ausstellungsraum des Erdgeschosses. Onkel Fax und Lupinchen, Oma Eusebia oder der Picknick-Korb-liebende Yogi-Bär: Auf den bunt illustrierten Comic-Seiten begegnen die Besucher alten Bekannten aus den 50er- und 60er-Jahren wieder.

Alle ausgestellten Hefte stammen aus Schmids Privatbesitz. Auf 200 bis 300 Originalhefte schätzt die Museumsdirektorin ihre Comicsammlung. „Ich habe die Hefte als Kind gekauft und über die Jahre aufgehoben“, erzählt die 63-Jährige. Manche Exemplare wie die Fix & Foxi-Hefte mit Schallplatte, die in einer Vitrine in der Mitte des Raums liegen, sind heute mehr als hundert Euro wert. Darauf kommt es Schmid aber nicht an. „Die Comics haben vor allem einen ideellen Wert – sie sind ein Stück Kindheit.“

Einmarsch der Pickelhauben

Vom Museum und der gegenüberliegenden alten Stadtkirche St. Michael aus geht es zur abstrakten Skulptur „Faust, Mephisto und Gretchen“ von Gerhard König. Nur wenige Meter weiter erreicht man das Rathaus mit seinem bunten Glasfenster im Treppenaufgang und die Plastik von Peter Lenk – einen wahren Hingucker. Hoch über den Köpfen der Betrachter marschieren hier die Pickelhaubenträger der Badischen Revolution von 1848 in Schopfheim ein. Das Anliegen der Revolutionäre war leider nicht von Erfolg gekrönt – nur zwei Schopfheimer und ein Hund schlossen sich ihnen an. Auch ihm hat der 1947 in Nürnberg geborene Künstler einen Platz auf der Skulptur gewidmet, dem „Schopfheimer Mischlingshund, berühmt und berüchtigt als besonders bissig und aggressiv“, wie es auf der Infotafel zur Plastik heißt.

Beim Schlendern von Skulptur zu Skulptur empfiehlt es sich, die Augen auch mal von der Kunst loszureißen. „Besucher sollten sich auf jeden Fall die historische Altstadt anschauen“, rät Harscher. „Sie ist die schönste im Wiesental.“ Im Innern der Häuser finden sich nicht nur Wohnungen, sondern auch kleine Läden, Galerien und Restaurants. „Die Gastronomie bei uns ist hervorragend“, schwärmt der gebürtige Schopfheimer.

Doch nicht nur die Stadt selbst, auch die Umgebung mache den Reiz der Stadt im Wiesental aus: „Man läuft hundert Meter und schon ist man mitten im Grünen.“ Die Lage sorgt nicht nur für einen hohen Freizeitwert, auch wirtschaftlich profitiere die Gemeinde von ihrer Nähe zu Frankreich und der Schweiz. Historisch aus der Textilindustrie kommend, hat sich Schopfheims Industrie mittlerweile sehr breit aufgestellt. Viele kleine und mittlere Unternehmen – zahlreiche aus dem Maschinenbau und der Technologiebranche – haben sich hier angesiedelt. „Diese Breite macht uns resistent“, sagt Harscher, „wenn die Konjunktur krieselt, können wir das besser auffangen als manch andere Städte.“

Ein paar Herausforderungen hat der Bürgermeister, der erst seit drei Monaten im Amt ist, aber auch zu meistern. Ganz oben auf der Liste stehe dabei die Ärzteversorgung. „Bei uns fehlen vier Hausarztsitze“, weiß Harscher, „dafür müssen wir Lösungen finden.“ Vorstellen könne er sich etwa ein Ärztehaus, in dem sich mehrere Mediziner zusammentun.

Wie es mit Schopfheim darüber hinaus weitergeht, das soll bald in einem Zehn-Jahres-Plan festgehalten werden. „Traditionsbewusst in die Zukunft“, so lautet das Motto der Stadt. Denn nicht nur der Blick nach vorne ist in der ältesten Stadt des Markgräflerlands wichtig. „Wir leben Tradition“, macht Harscher deutlich. Dabei ist die Stadt in ihrer heutigen Gestalt noch recht jung. Zwar wurde Schopfheim bereits im Jahr 807 erstmals urkundlich erwähnt, doch erst von 1971 bis 1975 vereinigten sich die vorher selbstständigen Gemeinden Fahrnau, Langenau, Raitbach, Enkenstein, Gersbach, Wiechs und Eichen. Der Bürgermeister weiß: „Jeder dieser Teilorte hat seinen ganz besonderen Reiz.“

Rathhaus Schopfheim

Im Rathaus wird bald ein Zehn-Jahres-Plan für Schopfheims Entwicklung erstellt.

Von Schanzen, Rindern und eiserner Kunst

So lohnt sich etwa ein Abstecher zur Barockschanze im Ortsteil Gersbach. Markgraf Ludwig von Baden ließ hier zwischen 1692 und 1701 eine Reihe von Befestigungsanlagen errichten, die sich auf 200 Kilometern über den gesamten Schwarzwald hinweg ziehen. Die Überreste der barockzeitlichen Schanzen sind von landeshistorisch überragender Bedeutung. Die Verteidigungslinien lassen sich auf dem Gersbacher Schanzenweg erkunden.

Es ist nicht der einzige Themenpfad, auf dem man den Ortsteil entdecken kann. So führt der rund zweistündige Rinderlehrpfad vorbei an zwölf Infostationen und dem Wisentgehege, in dem sich die Tiere betrachten lassen. Doch auch in Gersbach kommt die Kunst natürlich nicht zu kurz. Der eiserne Kunstpfad von Wolfgang Gerstner überrascht mit skurrilen Fantasiewesen, die Steinbrüchen und Bachbetten, Ställen und Werkstätten entsprungen sind.

Zurück führt die Kunst wieder zu Ulla Schmids Tour. Ihre Runde verlässt nun die Altstadt und führt weiter in den Stadtpark. Mitten im Grünen begegnet die Gruppe erneut Leonhard Eder, der auch den Brunnen mit der Markgräflerin gestaltet hat. Seine Großplastik „Evolution“ hat er zwar bereits 1972 geschaffen, ganz fertig wird sie jedoch nie sein: Der Künstler hatte beschlossen, dass sie nie geputzt werden darf. So verändert sich die Patina auf dem Jurakalkstein Jahr für Jahr. Das Motto der Stadt gilt wohl auch für ihre Kunstwerke: Traditionsbewusst in die Zukunft.

Ortsinfo:

Lage: Landkreis Lörrach. Mit dem Auto rund 30 Minuten nach Basel und eine Stunde nach Freiburg.
Gründung: Im Rahmen der Gemeindegebietsreform schlossen sich die Ortsteile 1975 zur Stadt Schopfheim zusammen. Obwohl „Scofheim“ bereits 807 das erste Mal urkundlich erwähnt wird, ist die Stadt damit in ihrer heutigen Gestalt noch sehr jung.
Ortsteile: Eichen, Enkenstein, Fahrnau, Gersbach, Kürnberg, Langenau, Raitbach, Wiechs
Bevölkerung: rund 19.700 Einwohner

Fotos: © Stadt Schopfheim