Wort- trifft Ballkunst: Die Schweiz hat eine Fußball-Nationalelf nur mit Schriftstellern Freizeit in der Region | 03.09.2019 | Erika Weisser

Autorenfussball

Am zweiten September-Wochenende findet in Basel der Tag der Poesie statt. Fester Bestandteil dieser jährlichen Veranstaltung ist ein ungewöhnliches Länderspiel der Schweizer Schriftsteller-Fußballnationalmannschaft.

Samstag, 7. September, kurz vor 13 Uhr. Aufgeregt, doch hoch konzentriert warten 22 nach roten und blauen Trikots sortierte Menschen unter dem schäfchenwolkigen Himmel über dem Basler Rankhof-Stadion auf den Anpfiff. Der Schiedsrichter betritt den Naturrasen des Spielfelds, die Frauen und Männer hüpfen und tänzeln sich in Position. Auf den voll besetzten Zuschauerrängen brandet Beifall auf. Der schrille Triller ertönt, die Spannung steigt. Anstoß – der Disput um den Ball nimmt seinen Lauf.

Noch ist diese Szene rein fiktiv: Beim Match der Schriftsteller-Fußballer lassen sich bisher nur zu Ort und Zeit konkrete Angaben machen. Und zu den Spielern: Als gegnerische Teams treffen Autoren aus Israel und der Schweiz aufeinander. Schiedsrichter ist Antonio Loprieno, Ägyptologe und bis 2015 Rektor der Universität Basel. Den Anstoß gibt Ehrenspielführer Peter Bichsel – im üblichen Outfit: Leder-Gilet, Zigarette, Schiebermütze.

Patrick Tschan, Präsident der Schweizer Schriftsteller-Nationalmannschaft („Nati“), würde sich über Schäfchenwolken und moderate Temperaturen „natürlich sehr freuen“. Damit das literarische Länder-Freundschafts-Spiel „nicht zur Ochsentour“ wird. Auch auf Regen kann er verzichten – es soll ja nicht schütten beim Schutten. Schutten oder tschutten heißt auf schwyzerdütsch kicken. Und das tun die Lyriker, Romanciers, Spoken Worder, Kabarettisten, Liedermacher, Poetry Slammer, Erzähler und sonstigen schreibenden Wort- und Ballkünstler nach seiner Erfahrung „mit großem Vergnügen“.

Patrick_Tschan

Fußballspielender Schriftsteller: Patrick Tschan, Präsident der „Nati“.

Etwa 30 Autoren aus der ganzen Schweiz tschutten in der 2006 gegründeten „Nati“. Doch sie treten nicht nur gegen andere Schriftsteller-Ländermannschaften an, die es nach Auskunft des Präsidenten inzwischen „fast überall in Europa gibt“. Zu den acht bis zehn Matches, die seine Equipe pro Jahr bestreitet, zählen sowohl Begegnungen mit regulären Vereinsmannschaften als auch mit besonderen Teams wie dem FC Weltreligionen, der Obdachlosen-Auswahl oder den Banker-Clubs. Gerne spiele der „wilde Haufen an Männern und leider wenigen Frauen“ auch bei den jährlichen Solothurner Literaturtagen gegen die dortigen „Raketen“.

Lyrik nach dem Spiel

Dennoch, sagt der gebürtige Basler, seien die Länderspiele beim Tag der Poesie in Basel „schon die Highlights“. Denn nach der nicht immer lyrischen Auseinandersetzung auf dem Rasen gebe es immer ein Stelldichein auf der Bühne – mit gemeinsamen Lesungen oder Slams, in regem und kurzweiligem Austausch sowie Musik. Dieses Jahr findet diese Begegnung im Club Atlantis statt. Tschan freut sich immer sehr auf diese Abende, die er mitorganisiert. Und er ist bei fast jedem Match dabei. Wenn auch nicht besonders lange: „D’Chnie schaffe das nümm so guet“, bedauert er. „Ma isch halt nümm de Jüngscht.“

Das sei er, lacht der 57-Jährige, eigentlich schon nicht mehr gewesen, als er 2010 mit dem Schreiben anfing. Als er sich nach Jahren in der „extrem stressigen Werbebranche“ erinnert habe, dass er eigentlich immer Schriftsteller werden wollte. Doch so einfach war es nicht getan. Denn anfangs habe er nicht in seine Sprache gefunden. Eine ganze Weile und viele Versuche habe es gebraucht, bis er den gewünschten „Groove, den coolen Rhythmus draufhatte“.

In Patrick Tschans viertem, jüngst erschienenem Roman „Der kubanische Käser“ ist davon nichts zu spüren. Unbändige Fabulierfreude und fantastischer Wortwitz ziehen die Leser in das „wunderbarliche“ in den Wirren des 30-jährigen Krieges angesiedelte „Leben und Lieben des Noldi Abderhalden“ hinein. Jenes Toggenburger Simplicissimus, der sternhagelvoll in den Sold der spanischen Armee gerät, nach Kuba verbannt wird und dort Toggenburger Käse herstellt. Und der all seine Gefühle in die Welt hinausjodelt. Schade, dass seine Jodler beim Poeten-Abend nach dem Literaten-Match nicht zu hören sein werden.

Info

Tag der Poesie Basel
6. bis 8. September,
verschiedene Orte
Programm:
www.tagderpoesie.ch

Foto: © Stefan Bohrer, Verein Poesietag