Die Gefahr lauert zu Hause: 448 Gewalt-Anzeigen allein in Freiburg STADTGEPLAUDER | 22.12.2018 | Stella Schewe

Fühlen sich Frauen (noch) sicher, wenn sie in Freiburg unterwegs sind? Diese Frage bestimmt nach der Gruppenvergewaltigung einer jungen Frau Mitte Oktober die öffentliche Diskussion. Doch dabei wird häufig übersehen, dass die viel größere Gefahr an anderer Stelle lauert: nämlich zu Hause, in den eigenen vier Wänden.

140.000 Fälle häuslicher Gewalt wurden 2017 bundesweit gezählt, die meisten der Opfer sind Frauen. Um ihnen schnellstmöglich zu helfen, arbeiten auch in Freiburg Beratungsstellen, städtische Ämter, Polizei und Staatsanwaltschaft zusammen – schon seit 20 Jahren und mit Erfolg.

„Eigentlich beginnt für eine Frau die größte Gefahr, wenn sie die Tür ihres Zuhauses hinter sich zumacht.“ Martina Raab-Heck von der 1998 gegründeten Freiburger Fachstelle Intervention gegen Häusliche Gewalt, kurz FRIG, bringt auf den Punkt, „was uns leider häufig nicht präsent ist“. Selbstverständlich sei es wichtig, dass Gewalt an Frauen im öffentlichen Raum thematisiert wird, aber: „Ich würde mir wünschen, dass das, was zu Hause stattfindet, auch Beachtung findet.“

„Das, was zu Hause stattfindet“ – das waren in Freiburg 448 Fälle im Jahr 2017, die zur Anzeige gebracht wurden. Dazu gehören Straftaten gegen das Leben, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Körperverletzung, Nachstellung oder Freiheitsberaubung. Das heißt, die in den überwiegenden Fällen Frauen wurden von ihren Partnern geschlagen, eingesperrt, gestalkt oder in einem Fall sogar getötet: Ein Mann erstach seine Frau und nahm sich anschließend mit Tabletten das Leben. Laut Jerry Clark von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Freiburg gingen die Zahlen in den vergangenen Jahren mal hoch, mal runter, sind aber „weiterhin besorgniserregend hoch“.

Häusliche Gewalt hat viele Gesichter.

Von der Dunkelziffer ganz zu schweigen, denn längst nicht jede betroffene Frau erstattet Anzeige oder sucht Hilfe. Häusliche Gewalt hat viele Gesichter, auch psychische Gewalt gehöre dazu, ergänzt Raab-Heck: „Niedermachen, terrorisieren oder drohen, nach dem Motto ‚Wenn du gehst, bringe ich mich um. Oder dich, oder die Kinder’. Manche Frauen können gar nicht richtig einschätzen, ob es tatsächlich Gewalt ist, was sie erfahren.“

Auch Anne Becker (Name von der Redaktion geändert), die im Frauen- und Kinderschutzhaus Freiburg arbeitet, kennt solche Fälle. „Wir haben immer wieder Frauen am Telefon, die sagen, noch sei ja nichts passiert, der Partner habe sie nur ein paar Mal eingeschlossen oder ihnen das Handy weggenommen.“ Eine Eskalation drohe meist, wenn die Frau versuche, sich zu trennen. „Die Trennungszeit ist die gefährlichste“, weiß Becker. 68 Frauen kamen bis Anfang Dezember dieses Jahres im Freiburger Frauenhaus unter, im vergangenen Jahr waren es insgesamt 81, 90 weitere wurden an andere Frauenhäuser weitervermittelt – weil die Situation vor Ort zu gefährlich war oder weil es keinen Platz gab.

53 Männer Ohne Schlüssel

Das Besondere an Freiburg: Alle, die beruflich mit Häuslicher Gewalt zu tun haben, treffen sich regelmäßig und tauschen sich aus. Die Fachstelle gibt es bereits seit 20 Jahren. „Seither gibt es bei jeder Institution, egal ob Jobcenter, Staatsanwaltschaft oder Polizei, jemanden, der mit dem Thema vertraut ist“, sagt Raab-Heck. „Dadurch ist die Haltung den Frauen gegenüber eine andere geworden.“

Auch Thomas Schüler, seit 1981 bei der Polizei und seit 14 Jahren Schwerpunktsachbearbeiter für Häusliche Gewalt beim Polizeirevier Freiburg-Süd, hat „noch andere Zeiten“ erlebt. „Früher mussten wir die Frau fragen, ob sie bleiben oder ins Frauenhaus gehen möchte“, erinnert er sich. Seit 2002 dagegen gibt es den sogenannten Wohnungsverweis: Wenn Polizisten zu einem Fall Häuslicher Gewalt gerufen werden, können sie dem Täter den Schlüssel wegnehmen und ihn für bis zu vier Tage der Wohnung verweisen. 53 Mal haben Schülers Kollegen davon im vergangenen Jahr Gebrauch gemacht: „mit das beste Instrumentarium, das wir haben“, sagt er. „Die Position des Opfers hat sich dadurch wesentlich verbessert.“

Das Freiburger Modell ist aus seiner Sicht „eine große Stärke, die das Arbeiten ungemein erleichtert. Schließlich geht es uns allen ja darum, Häusliche Gewalt zu ächten und zu bestrafen.“ Auch Raab-Heck zieht nach 20 Jahren eine positive Bilanz: „Hier wird viel dafür getan, dass die Täter Konsequenzen spüren und es zur Strafverfolgung kommt“, sagt die Psychologin. „Das Thema Häusliche Gewalt wird in dieser Stadt auf jeden Fall ernst genommen.“