Geflohen aus Butcha: zwei Ukrainerinnen über ihre Heimat und ein neues Leben in Freiburg STADTGEPLAUDER | 16.04.2022 | Till Neumann

Angela Riabezhenko (links), ihr Sohn Kiril und Liudmila Vitman. In Freiburg gelandet: Angela Riabezhenko (links), ihr Sohn Kiril und Liudmila Vitman.

Mehr als vier Millionen Menschen sind aus der Ukraine geflohen. So auch Liudmila Vitman und Angela Riabezhenko. Die jungen Frauen kamen Mitte März mit der „Direkthilfe-Ukraine“ in den Breisgau. Das chilli hat sie zwei Wochen begleitet. Die Ukrainerinnen berichten von einer abenteuerlichen Flucht, von Gastfreundschaft und vom Leid in ihrer Heimat: Beide kommen aus Butcha – der Stadt, die mit schrecklichen Bildern von sich reden macht.

Sie kannten sich schon lange bevor der Krieg kam: Liudmila Vitman und Angela Riabezhenko arbeiteten gemeinsam in einem Casino in der ukrainischen Kleinstadt Butcha. Vitman hat dort gelebt. Riabezhenko pendelte aus Borodjanka an den Ort, dessen Bilder zuletzt um die Welt gingen: Russische Truppen wüteten dort offenbar in unfassbarem Ausmaß – auch gegen Zivilisten.

Jetzt sitzen die Frauen in einer schicken Wohnung im Freiburger Viertel Vauban. Sie trinken Tee und erzählen auf Russisch, was sie erlebt haben. Dolmetscher übersetzen ihre Worte. Englisch oder Deutsch sprechen die Frauen nicht. Hin und wieder lachen sie, doch die Gesichter sind meist ernst. Hört man ihre Geschichten, wird klar, warum.

Gefährliche Flucht

Am 24. Februar hat Russland die Ukraine angegriffen. „Ich habe das erst auf die leichte Schulter genommen“, berichtet Riabezhenko. Die 29-Jährige fuhr zur Arbeit nach Butcha. Drei Stunden später sei das Casino geschlossen worden. „Ich kam nicht mehr nach Hause, es sind keine Züge mehr gefahren“, sagt sie. „Die Gleise waren zerbombt.“ Ihr acht Jahre alter Sohn Kiril war noch zu Hause.

Liudmila Vitman und Melanie Woggan

Neues Leben: Liudmila Vitman mit ihrer Freiburger Gastgeberin Melanie Woggan.

Zwei Wochen blieb sie im Hotel, musste im Keller Schutz suchen: „Wir wussten nicht, ob die Russen nach Butcha kommen.“ Dann fiel eine Bombe ins Hotel. Soldaten brachten sie zum Bahnhof. Von dort fuhr sie ins westukrainische Lviv, Freiburgs Partnerstadt. Ehrenamtliche brachten auch Kiril dorthin. Weiter ging’s nach Polen. „Die Autos wurden beschossen“, berichtet Riabezhenko. Teilweise mussten sie zu Fuß durch den Wald laufen. In Polen stieß sie auf das Freiburger Team der Direkthilfe Ukraine. „Ich wollte schon lange in Deutschland leben, das war mein Traum“, schwärmt Riabezhenko. Ihre Mutter habe zwei Jahre hier gelebt und viel davon erzählt.

Als sie hier landet, machte sich auch ihre Freundin Liudmila Vitman auf den Weg. Am ersten Kriegstag hatten sie sich beim Schichtwechsel gesehen. Vitman schaffte es nach Hause. Dann rief ihre Freundin an: „Es ist Krieg.“ Sie wollte es nicht glauben. Doch von ihrer Wohnung im 9. Stock sah sie schwarze Rauchwolken. Panzer rückten näher, Putins Soldaten kontrollierten Pässe. Als Bomben fielen, sprangen Türen und Fenster auf. „Die Möbel haben gezittert“, erzählt Vitman. Bei ihrer Flucht sah sie Leichen, der Konvoi wurde beschossen. Tränen kullern, als sie das sagt. Angela Riabezhenko hatte ihr von der Direkthilfe-Ukraine erzählt. So kam auch sie nach Freiburg.

Holprige Landung

Für beide ging es turbulent los: Angela Riabezhenko lebte mit Kiril für zwei Tage bei einer Freiburger Familie, dann kam sie in die Landeserstaufnahmestelle (LEA). Doch die Verteilung in andere Unterkünfte machte ihr Angst. In Freiburg-Kappel fand sie eine weitere Gastfamilie. Doch auch das entpuppte sich als Fehlgriff. Das Haus war abgelegen, die Kommunikation schwierig. Erst der vierte Umzug zu einem russisch sprechenden Freiburger passte: „Ich fühle mich wie zu Hause jetzt“, berichtet Riabezhenko. Ihr Host Alexej hilft bei Behördengängen und kümmert sich mit um den Sohn Kiril.

Auch Liudmila Vitman landete zuerst in der LEA – ein Irrtum. Nach nur wenigen Stunden konnte sie zur Erleichterung ihrer Helfer·innen in einer Hauruck-Aktion zu Melanie Woggan ins Vaubanviertel ziehen. Dort fühlt sie sich super aufgehoben: „Melanie war meine Rettung.“ Sie kommunizieren per Google Translator oder mit Händen und Füßen, berichtet Woggan. Ein oder zwei Gläser Wein machten die Gespräche leichter. „Je später der Abend, desto besser klappt es“, scherzt die Freiburgerin. Kürzlich haben sie zu dritt einen „Mädelsabend“ gemacht. Auch in Frankreich waren sie schon.

Angela Riabezhenko

Früher in der Ukraine: Angela Riabezhenko arbeitete in einem Casino in Butcha.

Erste Schritte

Die Bilder aus Butcha waren ein Schlag für Vitman und Riabezhenko. Sie leiden enorm darunter. Vitmans Mutter lebt in der Nähe des Unglücksortes. Erreichbar ist sie nicht: „Entweder das Mobilfunknetz ist kaputt oder der Strom fehlt.“ Den Tag verbringt Vitman meist zu Hause mit Nachrichten aus der Heimat: „Mein Leben wurde in zwei Hälften geteilt, ich weiß nicht, was morgen ist.“ Eine Wanderung am Nachmittag ist da schon ein Highlight. Auffällig für sie in Freiburg sind die vielen Fahrräder. „In Kiew würde man vom Auto überfahren“, scherzt sie und lacht. Ein seltener Moment der Entspannung.

Etwas optimistischer ist Riabezhenko: Sie hat es geschafft, Kiril für die Schule anzumelden. Der erste Tag in der Integrationsklasse lief gut. Ihr Sohn ist von der neuen Heimat begeistert: „Ich würde sogar bleiben, wenn es kein Internet oder Handy gebe“, schwärmt Kiril. Er hat bereits erste Freunde gefunden, seine Mutter sagt: „Er liebt Freiburg.“ Auch ihr geht es so. Nur dass sonntags die Supermärkte geschlossen sind, findet sie gewöhnungsbedürftig.

Die junge Mutter ist voller Tatendrang. Ihr größter Wunsch ist, Deutsch zu lernen und einen Job zu finden. Für einen Sprachkurs ist sie angemeldet. Ein erstes Vorstellungsgespräch für einen Job in der Gastronomie hatte sie schon. Für Vitman ist die Lage eine andere: Freude kann sie gerade nicht empfinden: „Meine Gedanken sind in der Heimat.“ Dahin möchte sie schnellstmöglich zurück. Wann das möglich ist, weiß sie nicht.

Info
Geflohene in Freiburg

950 Geflohene aus der Ukraine haben sich laut Rathaussprecher Sebastian Wolfrum bis zum 5. April in Freiburg registriert. 290 weitere Termine für die folgenden 14 Tagen waren zu dem Zeitpunkt bereits vereinbart. Bis Mitte April haben sich damit mehr als 1200 Ukrainer·innen hier registrieren lassen. Das Rathaus hat bis zum 1. April 340 vor dem Krieg Geflohene in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. 138 Personen seien in private Unterkünfte vermittelt worden.

In der Freiburger Landeserstaufnahmestelle (LEA) hat der Andrang nachgelassen, meldet Heike Spannagel, Pressesprecherin des Regierungspräsidiums (RP) Freiburg. Täglich seien Anfang April zwischen 10 und 30 Menschen dort eingetroffen. Am 8. April waren 525 Plätze belegt, davon sind 333 Geflüchtete aus der Ukraine.

Die Kapazität der LEA liegt bei 800 Plätzen. Am 10. März hatte das RP bis zu 180 Neuankommende am Tag gemeldet. Dass nach den anfänglichen Engpässen nun mehr Raum ist, erklärt Spannagel so: „In den vergangenen Wochen haben alle Landkreise und viele Kommunen im Regierungsbezirk Freiburg große Anstrengungen unternommen haben, um Unterkünfte zu schaffen.“ Somit seien schon viele Geflüchtete aus der Ukraine von der LEA aus weiterverlegt worden, unter anderem auch in Unterkünfte der Stadt Freiburg.

Fotos: © tln, privat

Hotspot der Helfenden: Freiburg unterstützt die Ukraine