Böllern bis der Arzt kommt: Privat-Feuerwerk bleibt in Freiburg weitgehend erlaubt – Stuttgart ist strenger Szene | 19.12.2025 | Till Neumann & Jannis Jäger

Wichtige Tradition oder gefährliche Zündelei? Wie Freiburg mit dem Böllern umgeht - und Holland es verbietet.

Brandverletzung. Angriff auf Beamte. Häuser beschädigt. Die Schadensbilanz nach der Silvesternacht 2025 liest sich wie ein Grusel-Protokoll. Auch wenn die Mehrheit friedlich feiert: Privat-Böllerei verursacht Jahr für Jahr Schrecken, Schmerz und Leid. Wie weit geht Freiburg, um das einzuschränken? Und was sagen Polizei, Feuerwehr, Umwelt- und Tierschützer·innen dazu? Die Landeshauptstadt Stuttgart ist seit 2019 deutlich restrik­tiver als der Breisgau. Die Niederlande greifen ab 2026 richtig durch. Auch die Initiative „Böller Ciao“ fordert das.

„Nicht mehr bewohnbar“

„Im Bezirk Berlin-Schöneberg sind durch illegale Feuerwerkskörper – mutmaßlich sogenannte Kugelbomben – fünf Personen teils schwer verletzt worden. Außerdem wurden Häuserfassaden und Fenster schwer beschädigt. 36 Wohnungen sind nach Angaben der Feuerwehr vorerst unbewohnbar.“ Das berichtete tageschau.de am 1. Januar 2025.

Auch in Freiburg loderten vor einem Jahr Flammen: „In Freiburg-Betzenhausen brannte die Fassade eines sechsstöckigen Wohn- und Geschäftshauses, mehrere Fenster platzten wegen der großen Hitze. Drei Wohnungen sind vorerst nicht mehr bewohnbar, vier Menschen wurden vom Rettungsdienst wegen möglicher Rauchgasvergiftung untersucht.“ So meldete es der SWR am 1.1.25.

Münsterplatz tabu

Wie schränkt die Stadtverwaltung Privat-­Feuerwerk ein? „Nicht geböllert werden darf im Umfeld von Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altersheimen“, informiert Sprecherin Tabea Krauß. Auch in der Nähe von besonders brandempfindlichen Gebäuden sei Feuerwerk tabu. Der Münsterplatz ist daher rote Zone: „Raketen und Knaller sind auf dem gesamten Platz nicht erlaubt“, erklärt Krauß.

Das Rathaus beruft sich auf bundesweite Regeln. „Ein kommunales Verbot für einzelne Zonen ist daher nicht nötig“, erklärt Krauß. An Hotspots wie dem Bertoldsbrunnen oder auf dem Schlossberg darf weiterhin frei geböllert werden. Es gilt allgemein: Feuerwerk ist lediglich am 31. Dezember und 1. Januar erlaubt.

Niederlande verbieten es

Deutlich weiter gehen die Niederlande: Ab 2026 gilt dort ein landesweites Verbot für privates Feuerwerk. Die Begründung liefert Nine Kooiman von der Niederländischen Polizeigewerkschaft NPB gegenüber tagesschau.de: „Wenn wir uns allein die Zahlen aus dem vergangenen Jahr anschauen: 1200 Verletzte, 16 Millionen Euro an Schäden, 2 Tote. Wie viel Elend brauchen wir denn noch?“

Auch Stuttgart greift härter durch als Freiburg: „In der Innenstadt und insbesondere am Cityring rund um den Schlossplatz ist das Mitführen und Abbrennen von Feuerwerk und Böllern grundsätzlich verboten“, erklärt Pressesprecherin Annika Pernes. Die Einschränkungen gelten seit 2019. Jedes Jahr komme es zu zahlreichen Verletzungen und teilweise auch zu Bränden. „Alkohol ist ein Brandbeschleuniger“, sagt Pernes. „Wenn illegale Böller, Trunkenheit und Unachtsamkeit zusammenkommen, ist das brandgefährlich.“

Böllern verboten: In der Stuttgarter City sind solche Böller tabu – in ganz Holland bald auch

5000 Euro Strafe

Stuttgart schränkt auch das Mitführen von Feuerwerk ein: Zwischen 18 und 3 Uhr ist im City-­Ring nahezu alles verboten, was knallt und brennt. Lediglich Pyrotechnik aus der ­Kinderkategorie ist gestattet: beispielsweise Wunder­kerzen oder Knallerbsen. Wer dagegen verstößt, kann eine Geldstrafe von bis zu 5000 Euro aufgedrückt bekommen.

Anders ist es in Freiburg: „Der städtische Vollzugsdienst kontrolliert insbesondere auf dem Münsterplatz zwischen 22 und 2 Uhr“, erklärt Krauß. „Verstöße werden als Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeld von 50 Euro geahndet.“ Soll heißen: Stuttgart verlangt 100 Mal mehr.

Feuerwehr gefragt

Für die Freiburger Feuerwehr bringt Silvester viel Arbeit: „Das Privatböllern sorgt für den Löwenanteil der Einsätze“, erklärt Philipp Golecki. Der stellvertretende Leiter des Amts für Brand- und Katastrophenschutz sagt: „Ein professionelles Feuerwerk, durchgeführt von zugelassenen Firmen, ist in den allermeisten Fällen sicher.“

Kennt Übergriffe: Philipp Golecki (Feuerwehr)

Kennt Übergriffe: Philipp Golecki (Feuerwehr Freiburg)

Klassische Fälle aus Sicht der Feuerwehr sind brennende Mülleimer, brennende Hecken oder Brände auf Balkonen, so Golecki. Aus Sicht der Integrierten Leitstelle kommen Verletzungen durch Böller hinzu: „Meist Verletzungen an Händen oder Knalltraumata“, erklärt der Experte.

„Mit Raketen beschossen“

Die Entwicklung der Silvesternächte ­findet er problematisch: „Wir stellen eine zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber Einsatzkräften fest.“ In Erinnerung sind ihm zwei Fälle: „Einsatzkräfte wurden von der Wiwilíbrücke aus mit Böllern beworfen, als sie im Bahnsteigbereich einen Mülleimer löschten.“ Und: „Einsatzkräfte wurden bei einem Böschungsbrand von oben mit Böllern und Raketen beschossen.“

Was würde der Feuerwehr helfen? „Nur zugelassenes und geprüftes Feuerwerk verwenden, die Gebrauchsanweisungen befolgen, sich an die Regelungen halten – erlaubte Zeiten, erlaubte Orte“, sagt ­Golecki. Und ganz wichtig: „Hirn einschalten.“ Viele Unfälle entstünden aus Leichtsinn und Unkenntnis, einige aus Vorsatz, oft in Zusammenhang mit Alkohol. Sein Appell: „Wer nicht mehr klar denken kann, sollte keine Böller in die Hand bekommen.

»Risse in Augenlidern«

Auch die Uniklinik Freiburg beschäftigt das Thema. „Alle Arten von Feuerwerkskörpern können Verletzungen verursachen“, sagt Thomas Reinhard. Der Ärztliche Direktor der Klinik für Augenheilkunde rät: „Insbesondere sollte man von Eigenbau oder Konfiguration und dem erneuten Zünden von Blindgängern Abstand nehmen.“

Versorgt  Verletzte: Augenarzt Thomas Reinhard

Versorgt Verletzte: Augenarzt Thomas Reinhard

Feuerwerk kann ins Auge gehen, erklärt der Mediziner: „Im Bereich der Augen sind leichte bis hin zu schweren Verletzungen durch Feuerwerkskörper möglich.“ Im Detail heißt das: „Risse in den Augenlidern, Verletzungen der Tränenwege, Verletzungen mit Eröffnung des Auges bis hin zum Ausriss des Sehnervs“. Seine traurige Bilanz: „Die meisten schweren Verletzungen enden in dauerhaften Sehkrafteinschränkungen.“

Ob er ein Verbot von Privatböllern befürwortet? Reinhard verweist auf die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG). Sie fordere ein Verbot. Die Hauptanliegen der DOG: Die Überarbeitung des Sprengstoffgesetzes mit dem Ziel, den privaten Erwerb und Gebrauch von Pyrotechnik zu Silvester zu beenden und die Unterstützung von Ländern und Kommunen bei der Umsetzung lokaler Verbote und Einschränkungen für privates Feuerwerk.

Polizei wird angegriffen

Auch die Freiburger Polizei hat alle Hände voll zu tun: „Für Silvester 2024 hat das Polizeipräsidium Freiburg etwa 150 Einsätze verzeichnet“, berichtet ­Sprecher Árpád Kurgyis. Darunter fielen im Wesentlichen Körperverletzungsdelikte, Böllerwürfe gegen Personen und Sachen sowie Sachbeschädigungen durch Brände (darunter Kleinbrände, Fahrzeuge, Gebäude). Drei Fälle seien aus der Silvesternacht 2024 bekannt, bei denen Polizeieinsatzkräfte tätlich angegriffen wurden oder Widerstand geleistet wurde. Vier Beamte seien leicht verletzt worden.

Aus Neutralitätsgründen möchte die Polizei keine politische Forderung stellen. Kurgyis sagt nur so viel: „Wir wünschen uns im Sinne aller einen rücksichtsvollen und umsichtigen Umgang mit Feuerwerk.“

Wird auch mal angegriffen: die Polizei

„Nächste Horrornacht“

Offensiver geht das die Gewerkschaft der Polizei in Berlin an. Sie hat Anfang Dezember eine Petition an die Landes- und Bundesinneminister·innen übergeben mit der Forderung eines bundesweiten Böllerverbots. Rund 2,2 Millionen Menschen haben sie unterschrieben. Diese Forderung teilt unter anderem die Deutsche Umwelthilfe DUH. Sie will ein Verkaufsverbot von Feuerwerk für alle, die nicht beruflich damit zu tun haben.

Die DUH ist Initiatorin der Initiative „Böller Ciao“. Mehr als 55 Organisationen haben sich ihr angeschlossen. Unter anderem die Ärzteschaft, Tierschutzorganisationen und das Deutsche Kinderhilfswerk. Ihre klare Forderung: ein Verbot wie in den Niederlanden – zum Schutz von Mensch, Tier und Umwelt. DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch sagt: „Wer jetzt weiter wegschaut, nimmt die nächste Horrornacht billigend in Kauf.“

Freiburg bleibt konservativ

Auch in Freiburg gibt es diese Stimmen: „Immer wieder wenden sich Bürger·innen mit dem Anliegen an die Verwaltung, privates Feuerwerk zu verbieten, insbesondere aus Gründen des Umwelt- und Tierschutzes und zum Schutz geflüchteter Menschen vor (Re-)Traumatisierung“, berichtet Sprecherin Tabea Krauß. Es sei jedoch gesetzlich abschließend geregelt, aus welchen Gründen Feuerwerk eingeschränkt werden kann. Andere Gründe ließen sich nicht rechtssicher heranziehen.

Statt der Privatböllerei auf ein zentrales Feuerwerk oder eine Drohnenshow zu setzen, steht in Freiburg nicht im Raum: „Ein zentrales Feuerwerk ist aktuell nicht geplant.“ Andernorts ist das längst Standard. Paris, New York oder Sydney setzen auf eine große Show für alle. An der Zündschnur sind Profis ohne Alkohol im Blut.

Fotos: pixabay & Uniklinikum Freiburg & privat

Silvester-Feuerwerk: Böllern bleibt in Freiburg auch in Coronazeiten erlaubt

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