Fehler, Fortschritte, Vorwürfe Die Aufarbeitung des Spanner-Falls an der Uni Freiburg Gesellschaft | 21.08.2026 | Till Neumann

klo

Mehr als 800 Frauen hat ein Uni-Mitarbeiter über Jahre hinweg heimlich gefilmt – auch an der Uni Freiburg. Die Kameras versteckte Michael W. (57) unter anderem in Klos. Die Uni hat nicht nur ihn entlassen, sondern auch der Personalchefin Ursula Seelhorst fristlos gekündigt, die nun gegen ihren Ex-Arbeitgeber klagt. Und sie hat ein Sicherheitspaket geschnürt. Was ändert sich? Einschätzungen aus dem Rektorat und von Aktivistinnen.

Ein Jahr und neun Monate auf Bewährung. Das war das Urteil Anfang März in erster Instanz für W. Die Uni hat einen Aktionsplan gestartet. „Wir setzen Detektoren ein, um Kameras zu suchen“, erklärt Unikanzlerin Christina Leib (61). Zuständig sind eine externe Firma und der Hausdienst. Treffer gab es bisher keine. Zudem setzt die Uni auf mehr Sicherheitskräfte – „insbesondere in den sensiblen Morgen- und Abendstunden“, so Leib. Ein weiterer Hebel: Mehr Personal für Anlaufstellen für Betroffene oder Besorgte und Workshops zur Sensibilisierung.

Uni-Kanzlerin Christina Leib

Uni-Kanzlerin Christina Leib

Der Aufruhr war groß, als W. aufflog. Demos an der Uni, Proteste im Netz. Der Hauptvorwurf: Die Uni hat Betroffene zu spät informiert, zu wenig Hilfe angeboten. Leib: „Ich nehme wahr, dass die ersten Schritte zur Beruhigung beigetragen haben.“ Marina Rombach vom Frauenkollektiv Freiburg (FK) widerspricht: „Unser Ärger ist nicht verflogen, grundlegende Probleme sind längst nicht gelöst.“ Was als Beruhigung wahrgenommen werde, würden viele Beschäftigte und Studierende keineswegs als Lösung erleben.

Das FK würden weiterhin Berichte von Beschäftigten erreichen, die Kritik fürchten und sich aufgrund befristeter Verträge und des bestehenden Klimas nicht öffentlich äußern. Rombach: „Wenn Menschen Angst haben müssen, wenn sie Missstände ansprechen, dann ist das keine Beruhigung, sondern Einschüchterung.“

Leib setzt auf Dialog: „Wir wollen eine Kultur fördern, in der Menschen ihre Wahrnehmungen kommunizieren.“ Ihr sei wichtig, dass wir aufeinander aufpassen, uns Hilfe holen und andere unterstützen. Dazu Rombach: „Es stimmt, dass der öffentliche Druck Bewegung gebracht hat.“ Doch es reiche nicht, Schutzstrukturen auf dem Papier zu haben: „Entscheidend ist, ob sie funktionieren.“

Kanzlerin Leib gesteht Fehler ein: „Wir haben gelernt in dem Kontext, dass unsere internen Prozesse in diesem Punkt nicht schnell genug waren.“ Und sie verspricht Besserungen: „Wir arbeiten mit Hochdruck an der Optimierung unserer Meldewege.“

Aktivistin Marina Rombach

Aktivistin Marina Rombach

Die wird auch die externe Gutachterin Barbara Havliza unter die Lupe nehmen. Sie soll ihre Ergebnisse Ende Oktober veröffentlichen. Leib: „Mein Ziel ist es, ihren Bericht zu nutzen, um unsere Strukturen nachhaltig zu verbessern.“

Den Spannerfall nennt sie eine abscheuliche Straftat. Zur Aufarbeitung sagt sie: „Ich entschuldige mich für alles, was ich hätte besser machen können.“ Sie möchte eine Universitätskultur fördern, in der wir mehr miteinander sprechen: „Unabhängig von Hierarchieebenen – einfach von Mensch zu Mensch.“

Für Rombach kein Grund, leise zu sein: „Solange patriarchale Gewalt, Machtmissbrauch und institutionelles Wegsehen bestehen, werden wir laut bleiben.“

Anmerkung: Der Beitrag war als Interview mit Kanzlerin Christina Leib geplant. 183 Überarbeitungswünsche des Wortlauts durch die Unipressestelle haben das jedoch unmöglich gemacht.

Fotos: © tln, Torben Nuding, privat