»Schweigen ist Zustimmung«: »Gesichter gegen Rechts« ist mehr als ein Fotoprojekt Gesellschaft | 01.08.2025 | Till Neumann

Will was ändern: Das Projekt "Gesichter gegen Rechts" von Dita Whip lässt Menschen mit Fotos Farbe bekennen. Will was ändern: Dita Whip lässt Menschen mit Fotos Farbe bekennen.

Fotos, Statements, Interviews. Mit „Gesichter gegen Rechts“ (GgR) laden Dragqueen Dita Whip und Fotograf Christian Künstle Menschen ein, Flagge zu zeigen. 300 Personen haben sie seit März 2024 fotografiert. Inzwischen ist die Freiburger Plattform auch ein Ort der Information und des Austauschs. Mit Gegenwind: Whip hat so viele Strafanzeigen gestellt, dass sie aufgehört hat zu zählen.

„Nichts ist passiert“

Aktivistin: Dita Whip

Aktivistin: Dita Whip

Die Protestwelle war groß Anfang 2024. Nach dem „Potsdamer Treffen“ und „Remigrationsplänen“ aus Kreisen Rechtsextremer demonstrierten Hunderttausende in Deutschland. 35.000 versammelten sich im Februar auf dem Platz der Alten Synagoge. Doch der Ansturm ließ nach. „Nichts ist passiert nach den Demos, das fand ich schlimm“, erinnert sich Dita Whip. Der Frust brachte die 32-Jährige auf eine Idee: Wie wäre es, Menschen aller Couleur zu fotografieren und Porträts mit Statements und Kurzinterviews zu veröffentlichen?

Dem befreundeten Fotografen Christian Künstle sagte sie: „Du machst die Fotos, ich den Rest.“ 50 Personen schrieb Whip kurzerhand an: Wollt ihr dabei sein? Die Reaktionen waren eindeutig: „Alle haben sofort ja gesagt.“ Bombastisch sei auch das Feedback zur ersten Fotoserie auf Instagram gewesen. „Wir hatten super schnell 300, 400 Likes und hunderte Follower·innen.“ Sie habe gemerkt: „Die Leute haben ein extremes Bedürfnis, dass etwas gesagt wird.“ Und zwar nicht nur von einigen wenigen. Whips Überzeugung: „Zu sehen, dass es viele andere gibt, die sich das trauen, das macht Mut.“

„Kein Arschloch sein“

Die Freiburgerin sagt über sich selbst: „Ich bin extrem politisch.“ Sie will daher Welle machen gegen Rechtsextremismus. Und für ihre eigene Kunstfigur: „Selbstvermarkung ist eine meiner Hauptaufgaben. Also muss ich das perfektionieren.“ Networking sei das Einfachste. Wichtig sind ihr daher Reichweite und Dauerhaftigkeit.

Die Porträts gab‘s bei einer Ausstellung im Artik zu sehen.

Auch offline verfügbar: Die GgR-Porträts gab‘s bei einer Ausstellung im Artik zu sehen.

Rund zwei Arbeitstage steckt sie wöchentlich ins Projekt. Etwa 300 Menschen seien fotografiert. 200 Porträts bereits online. Doch GgR will mehr: Mit einer Ausstellung im Artik ging das Projekt im Februar raus aus dem Netz. „Wir hatten mehr als 1000 Besucher·innen“, berichtet Whip. Zudem postet sie auf Instagram inzwischen auch „Handlungsoptionen, was du im Alltag gegen rechts tun kannst!“ Zu den Tipps zählen Patenschaften für Geflüchtete, Petitionen starten oder kommunalpolitisches Engagement. Den 3000 Follower·innen möchte Whip zeigen: Es gibt mehr Möglichkeiten als nur „wählen gehen und kein Arschloch sein“.

„Einen Preis gewinnen“

Viel Liebe und Ehrenamt stecken in GgR. Fördergelder seien für das politische Projekt aber knifflig. „Niemand von uns bekommt auch nur einen Cent Geld“, betont Whip. Dafür gibt es viel Feedback. Positives, aber auch Anfeindungen. „Du musst bei so etwas damit rechnen, dass Vollidiot·innen Dinge drunter schreiben – bedrohen, beleidigen, hassen.“ So viele Strafanzeigen habe sie schon gestellt, dass sie aufgehört hat zu zählen. Doch ohne Wirkung. „Langsam bin ich stark sauer auf unsere Strafvefolgungsbehörden“, schimpft Whip. Denn passiert sei nichts. Was im Internet geschehe, werde offenbar nicht ernst genommen.

Whips Wunsch für die Zukunft: „Einen Preis gewinnen.“ Nicht um zu sagen, sie sei besser als andere, sondern für die Preisgelder. Die würden ermöglichen, Plakate aufzuhängen, an Schulen zu gehen oder das Team zu erweitern. Bis dahin geht’s weiter mit Fotos: Im Herbst und Winter kommen die Shootingrunden sechs und sieben. 

Fotos: © Christian Künstle & Christoph Nadler; Grafiken von Anke Leucht