„Immer so high!“ – Eisbaden ist Trend – f79-Autorin Lilian probiert es aus Gesund & Fit | 17.12.2025 | Lilian Gerstenmaier und Till Neumann
Die Eisbade-Mannschaft in kleiner Gruppe Wassertemperatur vom 16.11.
Ob TikTok, Instagram oder YouTube – der Trend Eisbaden ist allgegenwärtig. Doch was reizt so viele Menschen an diesem frostigen Hobby? f79-Autorin Lilian wagt ein Selbstexperiment. Jeden Sonntag um zehn Uhr morgens trifft sich eine Gruppe begeisterter Eisbadender an der Seebühne am Freiburger Flückigersee. Sie war dabei.
Schon beim Ankommen wird klar: Auch als Neuankömmling wird man in eine familiäre und freundliche Atmosphäre aufgenommen. Die meisten sind von Kopf bis Fuß eingepackt – nur zwei Herren fallen durch ihre kurzen Hosen auf.
Einer von ihnen ist Constantin Falcoianu, der Mann, der die Freiburger Eisbaden-Community vor etwa fünf Jahren ins Leben gerufen hat. Gleich zu Beginn zückt er sein Thermometer: 11,7 Grad hat das Wasser heute. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Duschtemperatur liegt bei etwa 30 bis 40 Grad. Ein mächtiger Unterschied.
Nachdem er die Temperatur laut verkündet hat, dauert es nicht lange, bis sich alle Richtung Wasser aufmachen. Mir als Anfängerin wird geraten: „Langsam reingehen, akklimatisieren und ganz wichtig: auf die Atmung achten.“
Ute, eine der frischesten Eisbaderinnen, seit Februar 2025 dabei, bleibt an meiner Seite und nimmt mich an die Hand. Die ersten Schritte ins Wasser sind, auch für eine selbsterklärte Warmduscherin wie mich, überraschend gut auszuhalten. Doch je tiefer ich gehe, desto schwerer fällt das ruhige Atmen. Die Erfahrenen um mich herum scheinen das Problem nicht zu kennen: Sie beginnen bereits entspannt mit dem Schwimmen.
Dann heißt es: „Zwei Minuten solltest du drinbleiben.“ Zunächst klingt das völlig unvorstellbar. Doch ein kurzes, nettes Gespräch und viel Gelächter später sind selbst diese scheinbar endlosen 120 Sekunden geschafft. Als Einzige mache ich mich zurück ans Ufer.

Langsames Auwärmen mit Qi-Gong-Übungen
Nun beginnt das langsame Aufwärmen. Dafür wird mir eine Qi-Gong-Übung gezeigt – auch hier spielt die Atmung eine wichtige Rolle. Mit breitgestellten Beinen geht es tief in die Hocke, und die Arme werden dabei schweifend von rechts nach links geführt.
Als sich die anderen langsam wieder auf der Tribüne einfinden, bin ich bereits warm eingepackt. Zwischen 10 und 20 Minuten haben sie im kalten Wasser ausgehalten. In weiteren Gesprächen wird deutlich: Die Regelmäßigkeit macht den Unterschied und härtet ab. Für Constantin ist die Kälte mehr Freund als Feind.
Zum Ausklang des Morgens geht ein Teil der Gruppe, inklusive mir, in ein nahe gelegenes Café. Dort erfahre ich schließlich, warum sie regelmäßig wortwörtlich ins kalte Wasser springen. Für die einen ist es „ein Stück Sommer zurückholen“, für andere eine Art der Meditation. Für alle jedoch wirkt es stimmungsaufhellend und sorgt für echte Euphorie. „Ich fühl mich immer so high nach dem Eisbaden!“, erzählt jemand lachend.
Doch was führt zu einem solchen psychischen Effekt? Constantin erklärt: „Der Körper wird beim Eisbaden in einen Überlebensmodus versetzt und reagiert zunächst mit Stress, den er schnell wieder abbauen möchte.” Dazu schütte er Endorphine und Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin, Serotonin und Dopamin aus. „Das steigert Aufmerksamkeit und Glücksgefühle.” Durch das regelmäßige Eisbaden trainiere man außerdem das Gehirn, gelassener mit Stresssituationen umzugehen, was im Alltag oft zu mehr Ausgeglichenheit führt.
Zum Schluss fasst er es mit einem Augenzwinkern zusammen: „Eisbaden ist wie Koksen – nur gesünder!“ Eins ist klar: Ich habe ein neues Hobby für mich entdeckt!
„Total gesund“
Ins eiskalte Wasser springen, eine gute Idee? f79-Redaktionsleiter Till Neumann hat das Dirk Westermann gefragt. Der 48-Jährige ist Ärztlicher Direktor des Universitäts-Herzzentrums Freiburg. Er sagt: Für gesunde Menschen ist das top.

Dirk Westermann
f79: Ist Eisbaden gesund?
Westermann: Also für gesunde Leute ist das total gesund, wenn man sich langsam rantastet und es vor allen Dingen auch unter Aufsicht macht. Eisbaden kann Entzündungsreaktionen und Grippeerkrankungen oder Erkältungen deutlich minimieren. Wer Herzerkrankungen hat, sollte allerdings vorsichtig sein. Wichtig ist: Nach dem Bad gut abtrocknen und sich schnell wieder in eine warme Umgebung begeben.
f79: Man sollte es also nicht übertreiben?
Genau, nicht übertreiben und vor allen Dingen langsam rantasten. Nicht das erste Mal gleich bei minus 20 Grad reinspringen. Sondern erst mal gucken, wie geht das und es vor allem auch in Begleitung von Freundinnen und Freunden machen. Also nie ganz alleine ins kalte Wasser, wenn man die Reaktion des eigenen Körpers darauf noch nicht kennt.
f79: Minus 20 Grad ist extrem. Was wäre vernünftig?
Ja, das wäre super extrem. Wenn das Wasser nicht zugefroren ist, ist es ja nie unter 0 Grad. Also wenn man keine Eisdecke wegkratzen muss, ist das immer gut.
f79: Wie lange bleibe ich im Wasser, idealerweise?
Das kommt drauf an. Am Anfang ganz kurz, man will auch gar nicht länger, wenn man nicht trainiert ist. Das kann man später ausweiten. Auf jeden Fall darf man nicht unterkühlen. Wenn die Lippen blau werden, war es zu lang.
f79: Was mache ich nach dem Bad?
Nach dem Eisbaden am besten vernünftig abtrocknen, damit man keine Grippe bekommt. Die will man ja abwehren. Dann schnell ins Trockene und Warme gehen. Aber nicht in die Sauna, bis der Körper sich wieder angepasst hat.
f79: Haben Sie einen Tipp für den Rhythmus?
Das kann man genau machen wie mit der Sauna. Einige machen das jeden Tag, das ist total gut. Einige machen das nur hin und wieder. Der gesundheitsfördernde Effekt ist relativ gut nachgewiesen, wenn man das in einer gewissen Regelmäßigkeit macht, gerne auch mehrfach die Woche.
f79: Was raten Sie Sportler*innen?
Auch da ist Eisbaden grundsätzlich gesund, weil die Gefäße sich zusammenziehen und wieder erweitern. Für Sportler hat das noch zusätzliche Vorteile: gerade bei starken Muskeln, das kennt man ja auch aus dem Fußball, dass die danach ins Eisbad gehen. Kälte ist muskelregenerierend, weil Mikroverletzungen, Mikroinflammationen dadurch unterdrückt werden. Also ganz kleine Entzündungen oder Verletzungen, die man hat, wenn man einen Hochleistungssport betreibt. Die Regeneration wird dadurch schneller.









