IHK und wvib beklagen Fachkräftemangel STADTGEPLAUDER | 02.04.2016

Jeweils mehr als 1000 Mitgliedsunternehmen haben die Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein (IHK) sowie der Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden (wvib) zur aktuellen Lage befragt. Ergebnis: IHK-Präsident Steffen Auer spricht von einem „Allzeithoch“, wvib-Geschäftsführer Christoph Münzer von einer „guten bis sehr guten Lage“. Kritik gibt es wegen des Fachkräftemangels.
 
Christoph Münzer: Dreifach-Doping für die Wirtschaft.
 
Die regionale Wirtschaft schätzt die aktuelle Situation – trotz ökonomischer Probleme in China und Massenzuwanderung – so gut wie lange nicht ein: Der IHK-Konjunkturklima-Index liegt zehn Punkte über dem langjährigen Mittelwert von 120 Punkten. 22 Prozent der Unternehmen wollen weiter einstellen (bei den Industriebetrieben: 17), 14 Prozent Mitarbeiter abbauen. Vielstimmig wird der Fachkräftemangel beklagt. So habe sich die Zahl der offenen Stellen von 5400 auf 7700 erhöht. Als starke Ursache hierfür machen die Betriebe die „Rente mit 63“ aus – bundesweit nutzten 400.000 Arbeitnehmer diese Möglichkeit, im IHK-Gebiet sind es 6000 Fachkräfte, die den Unternehmen „vorzeitig entzogen wurden“, so Auer.
 
Die Investitionsbereitschaft sei weiter hoch, 36 Prozent der Betriebe wollen mehr investieren, nur elf Prozent zurückfahren. Vor allem die Baubranche sei bester Stimmung: 58 Prozent bezeichnen ihre Geschäftslage als gut, 40 Prozent als zufriedenstellend. Über 90 Prozent erwarten sich noch bessere Geschäfte. Bei den Dienstleistern melden 65 Prozent eine gute Geschäftslage, nur drei Prozent sind unzufrieden. In der Gastronomie sprechen 54 Prozent von einer guten Lage, 46 Prozent nennen sie befriedigend.
 
Die Konsumfreude ist ungetrübt: Sinkende Energiepreise, steigende Löhne und praktisch Null-Zinsen führen dazu, dass sich die Menschen etwas gönnen.
 
Auer fordert von der Politik drei Dinge: Bei der Bildung solle es keine weiteren Systemwechsel mehr geben, Zahl und Qualität des Lehrpersonals müssten gestärkt werden. Die Duale Ausbildung müsse mehr gefördert werden: „Wir brauchen in der Region mehr ausgebildete Facharbeiter als studierte Ingenieure.“ Und schließlich müsse mehr Geld in die Infrastruktur gesteckt werden: „Nur mit Erhalt und Neubau von Straßen und Brücken kann die Wirtschaft im wahrsten Sinne fließen!“
 
Beim wvib meldeten die Unternehmen der sogenannten Schwarzwald-AG für 2015 ein Umsatzplus von 5,1 Prozent und 4,4 Prozent mehr Aufträge. „Trotz der zahlreichen globalen Risiken und Hindernisse auf den Absatzmärkten der wvib-Mitglieder ist die wirtschaftliche Lage stabil und weiterhin gut bis sehr gut“, so Münzer. Die Mischung aus niedrigen Zinsen, preiswertem Erdöl und starkem Dollar – von Münzer als „3-fach Doping“ bezeichnet – wirke noch immer. 45 Prozent der Betriebe erwarten im ersten Halbjahr 2016 steigende Umsätze, nur 12 Prozent rechnen mit sinkenden Zahlen. Die Mehrheit der wvib-Firmen ist direkt oder indirekt vom Export abhängig. Konflikte und politische Spannungen weltweit sorgen hier für Verunsicherung, erschweren Planungen und bergen Zusatzrisiken. So berichten einige Unternehmen, dass lukrative Geschäfte mit Russland eingebrochen seien; die konjunkturelle Abkühlung in China macht der Automobilindustrie und ihren Zulieferern sowie dem Maschinenbau Sorgen, der Nahe Osten berge kaum kalkulierbare Risiken, ebenso der Fall der Ölpreise.
 
Ausweichchancen sind rar: Die Wirtschaft in den Schwellenländern gewinnt verhalten an Dynamik, gleiches gilt für die Ökonomie des Euroraumes, der laut einer Prognose des Instituts für Weltwirtschaft nur maximal zwei Prozent zulegen werde. Lediglich die USA und England locken mit einem Produktionsanstieg und vermehrter Kaufkraft; auch der Iran dürfte nach den Sanktionslockerungen wieder interessant werden.
 
Text: Stefan Pawellek / Foto: © wvib