Als die SS kam: Helmut Schwarz hat die Juden-Deportation in Freiburg erlebt Kultur | 12.10.2018 | Till Neumann

Mindestens 450 Juden sind am 22. Oktober 1940 aus Freiburg nach Gurs deportiert worden. Zahlreiche Veranstaltungen erinnern in Kürze daran (siehe Infokasten unten). Helmut Schwarz war als 12-Jähriger bei der Deportation dabei. Im chilli-Interview mit Till Neumann erinnert sich der 90-Jährige an das Verschwinden seiner Großmutter und Tante, an die brennende Synagoge und den Bombenangriff.

chilli: Herr Schwarz, Ihr Vater war Jude, die Mutter nicht. Wie ist es Ihrer Familie am Tag der Deportation ergangen?

Schwarz: Wir saßen morgens beim Frühstück. Es war ein Dienstag. Wir wohnten in der Oberau 57, bei der Brauerei Ganter. Da hat die Nachbarin aus der Zasiusstraße bei uns geläutet und gesagt: „Kommen Sie schnell, Herr Schwarz. Man holt Ihre Mutter und Ihre Schwester ab.“ Also Oma Jeanette Schwarz und Tante Toni. Mein Vater ist rübergegangen. Wir waren bedrückt, meine Mutter war auf einer Tagung.

chilli: War Ihnen klar, was da passiert?

Schwarz: Na, gar nicht. Meine Mutter hat später ausführlich geschildert, wie der Vater in die Zasiusstraße kam und läutete. Es machte ein SS-Mann auf und fragte: „Was wollen Sie hier? Sind Sie der Sohn?“ „Ja“, sagte er. Dann wendete sich der SS-Mann einem anderen zu: „Dann nehmen wir den auch gleich mit.“ Mein Vater entgegnete: „Ich bin arisch verheiratet.“ „Dann machen Sie, dass sie fortkommen!“

chilli: Was haben Ihre Eltern gemacht?

Schwarz: Sie sind zur Wohnung von Oma und Tante, die war versiegelt. Meine Mutter ist tags drauf in das Gestapo-Büro in der Kaiser-Joseph-Straße – damals noch Adolf-Hitler-Straße. „Was ist mit meiner Schwiegermutter?“ – „Oh, machen Sie sich mal keine Sorgen. Denen geht’s gut.“ Später haben meine Eltern rausbekommen, dass sie in Gurs sind.
(Anm. d. Red.: Das Camp de Gurs war im 2. Weltkrieg das größte französische Internierungslager.)

chilli: Wie ging es weiter?

Schwarz: Meine Mutter hat auf gut Glück einen Brief nach Gurs geschrieben. Der kam mit einem Schreiben vom Amtsgericht wieder zurück. Es sei unerlaubt, Post ins besetzte Frankreich zu versenden. Darauf würde die Todesstrafe stehen. Das war nur eine Androhung. Später kam die Verfügung, dass man auf internationalen Formularen vom Roten Kreuz über Genf schreiben durfte. Das haben wir gemacht, einmal im Monat. 20 Worte durfte man schreiben. Nach etwa vier Monaten bekamen wir die erste Nachricht von ihnen.

chilli: Ihr jüdischer Vater hat am Tag der Deportation Glück gehabt?

Schwarz: Ja, damals noch. Er war arisch verheiratet. Später kam er ins KZ Theresienstadt. An seinem Geburtstag im Jahr 1945, mit den 13 letzten deportierten Freiburgern.

chilli: Ein Drittel soll die Zeit in Gurs überlebt haben. Auch Ihre Angehörigen?

Schwarz: Ja. Onkel René konnte ein paar Dollars freimachen. Ich glaube, er hat je 30.000 für die Schwiegermutter und Tante Toni flüssig gemacht. Sie kamen in ein Lager. Dort haben sie den Krieg überlebt. Großmutter habe ich nie wieder gesehen. Tante Toni kam ab und zu nach Freiburg.

chilli: Auch Ihr zweiter Onkel wurde inhaftiert.

Schwarz: Ja. Onkel Robert war Erfinder. Bei einer Geschäftsreise in Belgien ist er inhaftiert worden, aber abgehauen und durch ganz Frankreich zu Fuß marschiert. Wir bekamen eine offene Postkarte von ihm. Sie hatte farbige Streifen, man hat damit nach Geheimschrift gesucht. Onkel Robert war aber so schlau und hat gesagt: „Das mache ich nicht so. Ich schreibe das einfach offen. Wer liest denn die ganzen Briefe?“ (lacht lange)

chilli: Die Synagoge, die heute ein Brunnen ist, haben Sie 1938 bei der Reichspogromnacht brennen sehen. An was erinnern Sie sich?

Schwarz: Ich bin zur Schule gegangen und sehe hinter dem heutigen KG I die brennende Synagoge. Die Feuerwehr stand da mit ihren Wasserschläuchen, aber die waren leer. Da habe ich mich gewundert: Wieso löschen die nicht? Ich bin in die Schule und meine mich zu erinnern, dass unser Lehrer gesagt hat: „Wir sollten eine Klassenarbeit schreiben. Aber an einem Tag wie heute können wir das nicht.“

Gut erhalten: Helmut Schwarz zeigt seinen „Wehrpass“ von damals.

chilli: Mit 14 mussten Sie die Schule verlassen. Wie war das?

Schwarz: Es gab den Erlass, dass sogenannte Mischlinge nur die Schulpflicht bis zur 8. Klasse erfüllen durften. In der Pause kam der Hausmeister: „Schwarz, zum Rex!“ König war unser Direktor am Berthold-Gymnasium. Also bin ich raufgegangen, der Hausmeister hat die Tür aufgemacht, ich bin vorgeschlappt bis vor den Katheder, auf dem der Rex thronte. Er hat mich angeschnauzt: „Willst du wohl reinkommen, wie’s sich für einen deutschen Jungen gehört?“ Also bin ich nochmal raus, habe geklopft, „herein!“, bin reingelaufen und stehengeblieben. „Willst du wohl Haltung annehmen!“ Ich wusste: Da muss man die Hacken zusammenschlagen und die Hände an die Hosennaht. Das habe ich gemacht. Er sagte: „Ich habe für dich die Eröffnung, dass du sofort die Schule zu verlassen hast!“

chilli: Was spürt man da?

Schwarz: Ich habe Wut gekriegt und eine Frage gewagt: „Ja, Herr Direktor, heißt es jetzt, dass ich sofort die Schule verlassen muss? Oder darf ich bis zum Ende der letzten Stunde heute bleiben?“ (lacht) Er war Humanist, so durfte ich bis zur letzten Stunde bleiben. In der Pause kamen alle zu mir: „Schwarz, was wollte Rex von dir?“ Dann habe ich es gesagt. „Das lassen wir uns nicht gefallen! Wir gehen rauf, wir beschweren uns!“ (lacht) Da habe ich geantworet: „Das hat doch keinen Sinn!“ Nach der letzten Stunde haben sich alle um mich geschart und mich bis zur Schwabentorbrücke begleitet. Nachher haben sie mich zu Klassennachmittagen eingeladen.

chilli: Wie ging’s weiter?

Nach meiner Konfirmation fing ich 1943 eine Lehre als Betriebselektriker an. Da wollte man mich rausholen zur „Organisation Todt“. Mein Vater hat beim Arbeitsamt erfahren, dass das der unterirdische Stollenbau in Oberschlesien war. Später wusste man, wie das hieß: „Töten durch Arbeit“.

chilli: Am 27. November 1944 wurde Freiburg bombardiert. Wie haben Sie das erlebt?  

Ich wollte gerade Abschied nehmen vor meinem Abtransport nach Oberschlesien. Wir hatten Gruppenstunde in der Gemeindejugend und haben gesungen, als wir plötzlich Bombeneinschläge hörten. Dann kam der Alarm, alles ging in den Keller. Ich dachte: „Ich bin in einer Schiffsschaukel! Ich schlag noch mit dem Kopp an die Deck’ an!“ Als es nach 20 Minuten aufhörte, sind wir rausgegangen. Um die Christuskirche herum stand noch alles. Aber der Himmel über der Stadt war rötlich erleuchtet. Ich habe zu meinem Freund gesagt: „Wir müssen gehen, solange wir noch nach Hause können.“ Wir sind auf die Adolf-Hitler-Straße und durchs Martinstor, da hat man die Häuser in den oberen Stockwerken lichterloh brennen sehen. Am Siegesdenkmal brannten die Häuser bis ins Erdgeschoss. Der Freund ist stehengeblieben: „Unser Haus steht ja gar nimmer da!“ Es war von einer Luftmine getroffen. 

chilli: Was haben Sie gemacht?

Schwarz: Ich war auf dem Heimweg. Als ich über den Karlsplatz gehe, stehen zwei Männer mit einer Trage und versuchen, einen Verletzten draufzulegen. Ich habe geholfen, den Mann raufzutragen und bin wieder zurück. In der Zeit gingen die Zeitzünder los, zwei Stunden nach dem Angriff, also die Bomben, die nicht losgegangen waren. Da sah man plötzlich ein Haus in sich zusammenfallen. Und Blitze. Und so kam ich wieder in die Oberau. Schon bei der Mühlenstraße waren Leute auf der Straße, die bis zur Dreisam runter eine Eimer-Kette gebildet hatten. Ganz vorschriftgemäß haben sie die Wassereimer in der Dreisam geschöpft und zum Haus raufgeschleppt, denn da hat’s noch im Obergeschoss gebrannt. Da war meine Mutter dabei und hat geholfen, unten am Wasser. Sie hat gesagt: „Ach, Helmut, das ist aber gut, dass du da bist.“ Zu Hause habe ich gesagt: „Ich muss noch in die Stadt, die haben mich gebeten, zu helfen.“ Da bin ich durch die Stadt geirrt, es hat so gebrannt, dass meine Haare durch den Funkenflug so verklebten, ich konnte 14 Tage nicht mit dem Kamm durch. Auch meine Schule brannte lichterloh. Da kam man nicht vorbei. Auf der anderen Seite standen zwei Feuerwehrleute und haben mit ihrem Wasserschlauch in das brennende Freiburg hinein gespritzt. (lacht) Als wollten sie damit Freiburg löschen. Ich habe zu denen gesagt: „Legt doch mal einen Wasserschleier über mich, ich muss da durch.“ Sie haben mit vollem Rohr auf mich gezielt und unter dem Regen des Schlauchs bin ich am Bertold-Gymnasium vorbeigerast und kam bis auf die Bertoldstraße. 

chilli: So haben Sie überlebt, weil der Abstransport nicht mehr möglich war.

Schwarz: Ja, der Bombenangriff auf Freiburg im November 1944 war meine Lebensrettung, weil ich dadurch nicht abtransportiert werden konnte. Das hat mich immer sehr stark beschäftigt, beeindruckt und unfassbar dankbar gemacht.

chilli: Heute wird viel über den Platz der Alten Synagoge diskutiert. Wie finden Sie ihn?

Schwarz: Super! Nur eins hätte ich anders gemacht: Die mehrsprachigen Schilder sind nicht so wirksam. Ich hätte bündig mit dem Boden in einem Blau einen Davidstern gelegt, das ganze Areal bedeckend. Daneben könnte man eine Menora stellen, einen jüdischen Leuchter. Symbole sagen mehr als 1000 Worte.

Gedenkmarsch, Stolpersteine & Comic-Konzert

Am 22. Oktober 2018 wird im Gedenken an die Deportation eine kostenlose Führung durch die Wiehre angeboten. Marlis Meckel führt ab 11 Uhr zu Stolpersteinen, die an die Verschleppten erinnern. Mehr Infos auf: stolpersteine-in-freiburg.de.

Am Abend gibt’s eine Gedenkfeier. Sie startet um 18 Uhr auf dem Platz der Alten Synagoge. Nach Redebeiträgen gibt‘ einen Schweigemarsch zum Mantel-Mahnmal auf der Wiwili-Brücke. Mehr Infos: Gedenkfeier und Schweigemarsch

Ein Comic-Konzert mit Graphic Novels gibt’s schon am Sonntag, 21. Oktober, zu sehen. Die liberale jüdische Gemeinde Gescher veranstaltet das Konzert mit dem israelischen Pianisten und Komponisten Itay Dvori. Start ist um 19 Uhr im Kommunalen Kino. Mehr Infos: Comic-Konzert mit Graphic Novels

Außerdem lädt die Israelitische Gemeinde am 21. Oktober ein: Ab 17 Uhr gibt’s es Vortrag, Gebet und Konzert in der Nussmannstraße 14. Mehr Infos: Vortrag, Gebet und Konzert

Fotos: © Till Neumann