„Bin kein Wunderkind“: Ausnahme-Pianist Robert Neumann steht vor Durchbruch Kultur | 01.07.2018 | Till Neumann

Gerade mal 17 Jahre alt ist Robert Neumann. Und studiert bereits im 4. Semester an der Musikhochschule Freiburg. Jetzt hat das Ausnahmetalent einen Vertrag bei der international tätigen Konzertdirektion Schmid unterschrieben.

Schwarze Haare, schwarzes Hemd, schwarze Hose. Mit geschlossenen Augen sitzt Robert Neumann an einem Steinway-­Flügel der Musikhochschule. Rund 25 Zuhörer lauschen gebannt. Chopin steht auf dem Programm. Die Finger des jungen Mannes fliegen über die Tasten. Mit atemberaubendem Tempo und der Präzision eines Uhrmachers füllt er den Raum mit Musik. In wilden Passagen bebt sein Körper – mal lehnt er sich wie ein Surfer in die Kurve, dann vibriert der Kopf zur Musik. In ruhigen Momenten schaut er meditativ in die Ferne.

Was Robert Neumann Anfang Juni in kleinem Rahmen vorführt, verblüfft selbst seine langjährige Lehrerin Elza Kolodin: „Ich traue Robert alles zu, was für eine erfolgreiche internationale Karriere notwendig ist.“ Die renommierte Pianistin unterrichtet ihn an der Hochschule für Musik Freiburg. Seit seinem zehnten Lebensjahr arbeitet sie mit ihm und ist beeindruckt: Mit „rasanter Geschwindigkeit“ erweitere er seine pianistischen Mittel. Beglückt sei sie über seine Gaben: Intelligenz, Kreativität, Begeisterung, Mut und Ernst.

Sein Arbeitsplatz ähnelt „Beethovens Besenkammer“

Neumann ist kein gewöhnlicher 17-Jähriger, das zeigt sich schnell beim chilli-Gespräch an der Musikhochschule. Er weiß viel, denkt schnell und redet wie ein Professor. „Neben meinem Klavier sieht es aus wie in Beethovens Besenkammer“, ist einer seiner Sätze. Ein Klischeepianist sei er, doch gewillt, etwas gegen den Fachidiotismus zu tun. Gerade habe er deswegen bei den Dirigenten der Musikhochschule reingeschaut und nehme Improvisationsunterricht.

Der Vertrag mit der Konzertdirektion Schmid ist ein großer Schritt. „Andere Musiker würden mit 30 Jahren alles geben, um da hinzukommen“, ist er überzeugt. Über eine Empfehlung sei er dort ins Gespräch gekommen und sehr dankbar für die Chance. „Der Vertrag ist keine Garantie für irgendwas“, stellt er klar. Es tue sich aber viel, unter anderem seien Begegnungen mit bekannten Musikern geplant.

„Wir sehen großes künstlerisches Potenzial bei diesem jungen Künstler“, sagt Erdmuthe Pirlich, Senior Artist Manager der Konzertdirektion Schmid. Sowohl auf rein pianistischer als auch auf musikalischer und intellektueller Ebene sei man von Neumann überzeugt. Erwartet werde, dass er offen sei für musikalische Anregungen, aber auch seinen eigenen Weg finde. Internationale Institutionen sollen für Förderungen angefragt werden, um ihm die bestmögliche Unterstützung zu bieten.

Lebt für die Musik: Student Robert Neumann will trotzdem kein Fachidiot werden.

Neumann weiß, dass die Erwartungen groß sind. Er selbst hat diese: „Ich hasse ungenutztes Potenzial.“ Doch tage- und nächtelanges Proben ist nicht seine Sache: „Ohne emotionale Erosion kann man nicht länger als eine Stunde am Tag üben.“ Dennoch sitze er viel am Klavier, komponiere, improvisiere, denke nach.

Das Piano begleitet ihn seit Kindestagen. Die Mutter ist Pianistin, der Vater Cellist beim SWR-Symphonieorchester. „Dass ich Piano spielen will, war schon immer klar“, sagt der Student, der auch intellektuell die meisten Kommilitonen überragen dürfte.

Sein Tempo ist atemberaubend: Aufgewachsen in Stuttgart, lernte er dort im Begabtenzug des Karls-Gymnasiums. „Wir hatten alle mindestens einen Knacks“, sagt er und lacht. „Es gab Goethes, Einsteins, Klitschkos …“ Und er? „Ich betrachte mich im Geiste als Schüler Beethovens, nicht als seine Reinkarnation.“

„Wir hatten alle mindestens einen Knacks“

Schon mit 14 war er in der 11. Klasse. Das reichte ihm – er ging von der Schule, widmete sich ganz dem Klavier. Mit 15 nahm er ein Studium an der Musikhochschule auf. Und pendelt seitdem zwischen Freiburg und Stuttgart, zwischen Lehrsaal und Bühne.

Auf Studentenpartys trifft man ihn selten. „Ich habe mich gut unter Kontrolle“, sagt Neumann. Prüde sei er aber nicht. Und wenn er mal die Nase voll hat von Musik? „Das passiert selten“, antwortet er prompt. Nach zwei Stunden Chopin gebe es dann eben zwei Stunden Bach. Abgesehen davon begeistern ihn antike Literatur und Antiquitäten. Zudem zeichnet er mit Bleistift – unter anderem Beethoven. Das Bild hat er mit dem Smartphone abfotografiert und griffbereit.

Sein Talent streitet er nicht ab: „Ich mache sicher nicht mehr als andere“, sagt Neumann. Er habe den Weg bis hierhin eben schneller geschafft. Über langfristige Pläne plaudert er dafür ungerne. „Eine törichte Frage“, sei das, erwidert er dem Journalisten. Wichtiger ist ihm, den Moment zu nutzen, daraus das Beste zu machen.

Dass er das meisterhaft beherrscht, stellt er beim Konzert in der Musikhochschule eindrücklich unter Beweis. „Er liebt und lebt das, was er macht“, schwärmt Elza Kolodin. Für sie hat er das Potenzial, einer der großen Interpreten der Zukunft zu werden. Entscheidend sei aber, Demut, Bescheidenheit und Dankbarkeit zu behalten. Wie zum Beweis unterstreicht ihr Schützling: „Bar­tók, Mendelssohn oder da Vinci, das waren Wunderkinder. Ich bin es sicher nicht.“

Fotos: © wildundleise.de, Musikakademie Liechtenstein