Heimspiel: Ein besonderer Zauber Kultur | 22.12.2025 | Erika Weisser

Günther Roth

Wer durch das kleine Schaufenster in der Schusterstraße 13 blickt, fühlt sich wie in eine kunterbunte Puppenstube versetzt oder einen liebevoll eingerichteten Kinder-Kaufladen. Mit alten Möbeln, schönen Spielsachen und viel weihnachtlichem Kerzenglanz weckt der schmale Raum stimmungsvolle Kindheitsträume, die von traditionellen Krippenfiguren, musizierenden Engeln und schimmernden Christbaumvögeln bevölkert sind. Noch bis zum Frühjahr betreibt Günther Roth (88) seine Kunsthandwerkhandlung.

„Seit 42 Jahren bin ich Mieter in diesem Haus – den Zeitungsartikel von der Eröffnung habe ich sogar noch. Mein Geschäft betreibe ich aber schon seit 60 Jahren, seit ich nach Freiburg kam. Ich habe den Laden weder geerbt noch geschenkt bekommen, sondern mir allein erarbeitet. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf bei Coburg, ganz nah an der damaligen innerdeutschen Grenze. Dort habe ich eine Schreinerlehre gemacht. Doch schon früh hatte ich den Wunsch, die bedrückende Enge dieser Grenzregion hinter mir zu lassen, in die weite Welt zu gehen, mich selbstständig zu machen.

Ich war dann neun Jahre in der Schweiz und habe mich dort auf die Restaurierung antiker Möbel spezialisiert. In dieser Zeit bin ich in die Welt des regionalen Kunsthandwerks hineingewachsen. Ich habe Kontakte geknüpft zu Manufakturen im Erzgebirge, in Bayern oder im tschechischen Gablonz, die bis heute bestehen. Bei mir gab es noch nie billige Nachahmungen hochwertiger Handwerkskunst oder Massenware. Jedes Stück, das bei mir im Laden steht, habe ich direkt beim Hersteller ausgesucht. Darunter sind viele Dinge, die ich aus meiner eigenen Kindheit kenne.

Damit habe ich nicht nur mir selbst, sondern über die Jahre ganzen Generationen von Kindern eine Freude gemacht. Denn zu meinen heutigen Kunden zählen Frauen und Männer, die ich schon als Kind erlebt habe – damals kamen sie mit ihren Müttern und Großmüttern zu mir. Und nun entdecken sie für ihre eigenen Kinder und Enkel bei mir immer noch die Bücher, Guckkästchen, Spielsachen und Weihnachtsartikel, mit denen sie selbst aufgewachsen sind. Darüber freue ich mich sehr.

Zu meinen Kunden gehören natürlich auch Leute, die – wie ich selbst – leidenschaftliche Sammler sind. Da gibt es etwa eine Dame aus New York, die alle zwei Jahre eigens hierher reist, um bei mir die besonderen Stücke zu kaufen, die sie zu Hause nicht kriegt. Und dann war da dieser russische Mogul, der mit seinem Leibwächter anrückte und kartonweise Räuchermännchen, Christbaumschmuck und anderes Kunsthandwerk aus dem Laden tragen ließ. Ein gern gesehener Stammgast war zudem der frühere Oberbürgermeister Rolf Böhme. Er kam jedes Jahr vorbei, kaufte manchmal seltene Kugeln und schweres Lametta.

Mit dem Gedanken, in ein paar Monaten nur noch Ruheständler zu sein, habe ich mich noch nicht anfreunden können. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, nicht mehr zu arbeiten. Ich stehe täglich im Laden und bin mit großer Freude hier – nach wie vor mit Leib und Seele. Denn es gefällt mir, mich mit netten Menschen auszutauschen und mit ihnen die Begeisterung für die schönen Dinge des Lebens zu teilen. Und zu diesen Dingen gehört für mich auf jeden Fall Weihnachten und der besondere Zauber, der gerade von diesem Fest ausgeht.“

Fotos: © Erika Weisser