Helden, Romantiker, Lebensvernichter: Das sind für die chilli-Redaktion die Bücher des Jahres 2019 Kultur | 29.12.2019 | chilli
Lügner, Legenden und lange Nächte: Diese Bücher haben uns 2019 gefesselt.
Der stillste Ort der Welt

Herr Fliegenbein ist ein „Held“, den man von der ersten Seite an ins Herz schließt. Und das, obwohl er ziemlich absonderlich ist: Er trägt zu kurze Anzüge, ist extrem lärmempfindlich – selbst das Geplauder seiner Kollegen nervt, von hupenden Autos ganz zu schweigen – und findet Ruhe allein beim Betrachten seines Lieblingsbildes: einer menschenleeren Alpenlandschaft.
Als eine Abrissbirne seine Wohnung zerstört, macht sich Herr Fliegenbein auf die Suche. Doch wahre Stille findet er weder bei den wortkargen Finnen noch im tiefsten Regenwald oder im Schweigekloster. Erst allmählich wird ihm klar, dass der stillste Ort der Welt auf keiner Landkarte zu finden ist. Und dass manchmal nur lautes Lachen hilft, um mit der Unbill dieser Welt fertig zu werden. Stella Schewe
Astrid Göpfrich, Herr Fliegenbein und die Suche nach der Stille, Pendo Verlag, 2019, 256 Seiten, Hardcover, 16 Euro
Für Fußballromantiker

Die treuen SC-Fans auf der Nordtribüne kennen ihn und seine Schreibe, ebenso die treuen Trinker und Indie-Musik-Fans in der Freiburger Kneipe Swamp. Denn der Wirt Carmelo „Chico“ Policicchio ist Kolumnist der Stadionzeitschrift „Heimspiel“ und schreibt neben Fußball auch über Musik. Und ein Romantiker ist der Kinzigtäler Italiener obendrein, ein mürrisch-charmanter. Nun liegt ein zweiter Band mit seinen Texten vor. „Chico“ nimmt uns mit auf eine feuilletonistische Reise hin zu seinen Helden wie Luigi „Gigi“ Riva, den italienischen Gerd Müller, er führt uns in den Fußballhimmel, wo der Fußballgott manchmal ein Südbadener ist, und erzählt, wie es ältere Männer gerne tun, vom Ruhm der Vergangenheit, also von 1993 und Volker Finke. Großer Sport. Dominik Bloedner
Carmelo Policicchio, Worte kommen meist zu spät. 2. Halbzeit, Strzelecki Books, 2019, 160 Seiten, 14.80 Euro
Meisterhaft erzählt

Egidius Arimond ist Epileptiker. Das bringt ihm nicht nur das Prädikat „wehruntauglich“ ein, sondern auch die Entfernung aus dem Schuldienst und die Zwangssterilisierung: In Zeiten der herrschenden politischen Epilepsie wird sein Leben als „unwert“ kategorisiert. Er schlägt sich mit dem Verkauf der Erzeugnisse aus seiner Bienenzucht durch; das Geld reicht jedoch nicht für die Medikamente, mit denen er die Krankheit unter Kontrolle und sich somit die Lebensvernichter vom Leib halten kann. Also schmuggelt er in präparierten Bienenstöcken jüdische Flüchtlinge von der Eifel nach Belgien. Meisterhaft erzählt. Erika Weisser
Norbert Scheuer, Winterbienen, Verlag C.H. Beck, 2019, 319 Seiten, 22 Euro
Plaisir und Pflicht

Es gibt zwei Arten von Lektüre: Plaisir und Pflicht. Bücher, um mit Kindern das Lesen zu üben, zählen meist zu letztgenannter Kategorie. Nicht so das Buch „Edison. Das Rätsel des verschollenen Mauseschatzes“ von Thorben Kuhlmann. Der Autor und Illustrator erzählt mit wunderbaren Zeichnungen und Texten die Geschichte von zwei Mäusen, die ihre Suche nach einem lang verschollenen Schatz bis auf den Grund des Atlantiks führt. Und beleuchtet dabei die Historie zur Erfindung der Glühbirne durch Thomas A. Edison. Ein absolutes Plaisir-Buch: genial gezeichnet, schön geschrieben – eine Inspiration auch für Erwachsene. Arwen Stock
Torben Kuhlmann, Edison: Das Rätsel des verschollenen Mauseschatzes, NordSüd Verlag, 2018, 112 Seiten, 22 Euro
Wenn das Leben kippt

Die große Schriftstellerin Brigitte Kronauer ist im Juli gestorben. In ihrem letzten Buch brandet ihre erzählerische Kraft noch einmal, ein letztes Mal auf, sie wohnt übergangsweise in einem Häuschen im Wald, draußen hört sie Vögel, drinnen hängen Vogelbilder an der Wand. Kronauer verschränkt Natur und Kultur ebenso wie das präzise Innenleben ihrer 39 Romangeschichtenhelden mit den äußeren Zuständen. Sie nähert sich ihren Figuren fast zärtlich, immer sprachmächtig, aber auch analytisch. Der Untertitel könnte auch „Novellen“ heißen, weil es immer um den einen Moment geht. Der Moment, in dem das Leben plötzlich kippt. Lars Bargmann
Brigitte Kronauer, Das Schöne, Schäbige, Schwankende, Klett-Cotta, 2019, 596 Seiten, 26 Euro
Größer als 2,13 Meter

Sieben Jahre lang hat der Schriftsteller Thomas Pletzinger den Basketballstar Dirk Nowitzki begleitet und pünktlich zu dessen Karriereende keine Biografie vorgelegt. Der Roman erzählt nämlich nicht nur in schöner Sprache, wie aus dem „Weißbrot aus Würzburg“ einer der besten Basketballer der Welt wurde – Pletzinger belegt in eindrucksvollen Bildern darüber hinaus, dass Sport mehr sein kann als Sieg und Niederlage. Dazwischen gelingt es dem Autor, der sich sogar für sein Studienobjekt prügelt, den Menschen hinter dem Maverick kennenzulernen. Emotionale und unkritische Nahaufnahme ohne Kitsch über einen ganz Großen. Philip Thomas
Thomas Pletzinger, The Great Nowitzki, Kiepenheuer & Witsch, 2019, 512 Seiten, 26 Euro
Gedruckte Lügen

Tausend Zeilen Lüge. So nennt Juan Moreno sein Buch über einen der erfolgreichsten Schwindler aller Zeiten: den Spiegel-Journalisten Claas Relotius. Der schrieb fantastische Reportagen am Fließband und gewann damit in fünf Jahren viermal die renommierteste Auszeichnung der Branche, den Deutschen Reporterpreis. Der Haken daran: Ein Großteil war frei erfunden. Aufgedeckt hat das sein Kollege Juan Moreno. Im Werk erzählt der Journalist die atemberaubende Geschichte eines grandiosen Betrügers – und dessen Fall. Doch jetzt steht der Enthüller Moreno selbst am Pranger: Relotius wirft ihm vor, im Buch ebenfalls Unwahrheiten zu verbreiten. Pflichtlektüre. Till Neumann
Juan Moreno, Tausend Zeilen Lüge, Rowohlt Berlin Verlag, 2019, 288 Seiten, 18 Euro
Inspirierend und fundiert

Nach diesem Jahr kennt jeder diesen Namen: Greta Thunberg. Hinter ihm steckt nicht nur eine 16-jährige Klimaaktivistin, sondern eine ganze Generation, die freitags für ihre Zukunft streikt. Das schwedische Mädchen mit den zwei Zöpfen und dem strengen Blick hat weltweit Millionen Menschen, Politik und Medien wachgerüttelt. Giannella erzählt Gretas inspirierende Geschichte und füttert sie mit wissenschaftlich fundierten Fakten. Die Kapitel sind kurz, aber detailreich, von fossilen Brennstoffen bis zu Biodiversität wird alles erklärt, was den Klimawandel betrifft. Aus meiner Sicht ein absolutes Muss für jeden, der auf diesem Planeten lebt. Anna Jacob, Praktikantin
Valentina Giannella, Mein Name ist Greta: Das Manifest einer neuen Generation, Midas Verlag, 2019, 128 Seiten, 12,90 Euro
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