»Ich glaube an nichts. Ich untersuche« – Seit 75 Jahren erforscht das Freiburger IGPP das Paranormale Kultur | 10.08.2025 | Philip Thomas
Dem Unerklärlichen auf der Spur: Eberhard Bauer (links) und Jürgen Kornmeier vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene
Telepathie, Erscheinungen, Spuk. Das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene untersucht seit 1950 scheinbar unerklärliche Phänomene. Das Freiburger Forschungsteam bewegt sich dabei zwischen etablierten wissenschaftlichen Modellen und einem esoterischen Sumpf.
An einem kalten Winterabend im Jahr 1966 lernt der 22-jährige Eberhard Bauer den Freiburger Psychologieprofessor Hans Bender kennen. Vorstellen müsste sich der als charismatisch beschriebene Bender eigentlich nicht: Seine nur spärlich beleuchtete Dienstagsvorlesung ist als „Benders Märchenstunde“ über die Fakultätsgrenzen hinaus bekannt. Nach den Vorträgen tummeln sich neben Bauer weitere Studierende um den Professor und bombardieren ihn mit Fragen und Schilderungen persönlicher Erlebnisse, die sie sich einfach nicht erklären können.
Um Antworten zu finden, folgt Bauer einer Einladung Benders in sein 1950 gegründetes Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP). Das villenähnliche Gebäude an der Eichhalde 12 in Freiburg-Herdern betritt der Student erstmals im Januar 1967. Bis zum Umzug des Vereins im Jahr 1996 in zwei Stockwerke an der Freiburger Wilhelmstraße wird es zum Zentrum seines beruflichen Lebens.
»Benders Märchenstunde«
Heute zählt Bauer zur „alten Garde“ des Instituts. Verschrieben hat es sich der Erforschung von unzureichend verstandenen Phänomenen und Anomalien an den Grenzen des bekannten Wissens: Telepathie, Hellsehen, Nahtoderfahrungen oder Geisterscheinungen. In Kooperation mit der Universitätsbibliothek Freiburg führt das Institut mit rund 69.000 Bänden und 2200 Zeitschriften zur Parapsychologie und Grenzgebieten der Psychologie eine der weltweit größten Bibliotheken zu diesen Bereichen.
Als stellvertretender Institutsleiter hält Bauer die Maxime des 1991 verstorbenen Gründers noch heute hoch: Diese Phänomene betrachten und Möglichkeiten finden, die Spreu vom Weizen zu trennen. „Was ist Aberglauben oder falsch verstandene Psychologie?“, fragt der 81-Jährige. Und was ist möglicherweise tatsächlich unerklärlich?
Das Problem: Diese Erzählungen und Phänomene stehen im Widerspruch zu etablierten Erklärungsmodellen der Wissenschaft. „Die Frage ist nun: Wie gehen wir damit um?“, sagt Institutsleiter Jürgen Kornmeier. „Denn wenn wir annehmen, dass es solche seltenen Phänomene gibt, bekommen Betroffene, die unter solchen Phänomenen leiden und psychologische Hilfe suchen, falsche Diagnosen.“
Das IGPP sammelt und klassifiziert diese sogenannten „außergewöhnlichen Erfahrungen“. 220 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet wandten sich in den Jahren 2022 und 2023 an den kostenfreien Beratungsservice des Instituts. Hinzu kommen Hunderte unverbindliche Anfragen und Schilderungen.
»Bewegen uns an einer grenze«
Diese geschilderten Erfahrungen eint, dass sie oft spontan und ohne erkennbare Ursache auftreten und häufig durch Konflikte oder Krisen induziert werden. Psychologe Bauer erläutert: „Das System kann ein Problem nicht lösen, und das manifestiert sich dann in der Welt. Wird das Problem gelöst, verschwindet auch der Spuk.“ Nicht immer sind diese Erscheinungen für das interdisziplinäre Team nachvollziehbar. „Unter den Ratsuchenden gibt es auch einige, die Anzeichen für eine akute Psychose aufweisen und vielleicht in der Psychiatrie besser aufgehoben wären als bei uns“, sagt der Neurobiologe Kornmeier.
Laut Kornmeier haben mehr als zwei Drittel aller Menschen mindestens einmal in ihrem Leben eine außergewöhnliche Erfahrung gemacht. Auch haarsträubende Geschichten haben Bauer und Kornmeier schon zu Protokoll gebracht.
„Wir bewegen uns auf einer Grenze zwischen etablierten wissenschaftlichen Modellen und einem Sumpf“, sagt Kornmeier. Der Sumpf, das sind Verschwörungstheorien, Esoterik, aber auch Personen, die Aufmerksamkeit suchen. „Und das macht dieses Thema so schwierig“, sagt der 57-Jährige.
Wissenschaft habe auch politische Aspekte: Sein Doktorvater habe ihm empfohlen, lieber nicht über das Thema Bewusstsein zu sprechen. „Das sei karriereschädlich“, erinnert sich Kornmeier. Zwar sei die Forschung zu menschlichem Bewusstsein mittlerweile „salonfähig“. Das gelte aber nicht für die Grenzwissenschaften. Allein die Beschäftigung damit kann dazu führen, dass der Status Wissenschaftler abgesprochen wird. Bauer betont: „Es ist nach wie vor ein Tabuthema, das Menschen herausfordert.“
Denn wie passen fliegende Steine in die Forschung, wenn sie niemand geworfen hat? „Viele solcher Phänomene sind nach wie vor nicht erklärbar“, so Kornmeier. „Viele Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft sagen: ‚Das gibt es nicht‘. Aber das ist zu kurz gegriffen.“ Sicher ist für den Institutsdirektor: „Im Zentrum steht immer eine Psyche. Wenn wir diese Phänomene verstehen wollen, müssen wir Bewusstsein verstehen.“
Im Zentrum steht die Psyche
Kornmeier liegen zahlreiche Berichte vor, die ihm eine Existenz des Paranormalen „wirklich nahelegen“. „Aber ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, ob es das gibt“, sagt er. Und fügt hinzu: „Als Wissenschaftler sollte man das ohnehin nie sein.“
„Believer“ sein oder ein Bekenntnis zu Spuk und Co. ablegen müssen IGPP-Mitarbeiter nicht. „Wir haben hier ein breites Meinungsspektrum. Niemand ist verpflichtet, etwas zu glauben“, sagt Kornmeier. Konsens bestehe nur darin, Erfahrungen von Menschen vorurteilsfrei zu untersuchen. Der Institutsleiter sagt: „Mein Job ist nicht, die Leute davon zu überzeugen, dass es diese Phänomene gibt. Mein Job ist es einzukalkulieren, dass es diese Phänomene geben könnte.“
Ob es das Paranormale tatsächlich gibt, ist für Bauer nach 58 Jahren am Institut eine Frage der Evidenz. „Was braucht man, um daran zu glauben?“, fragt er. Diese Messlatte liege bei jedem Menschen woanders. Benders ehemaliger Assistent sagt über sich: „Ich glaube an nichts. Ich untersuche.“
Info:
Zum Jubiläum hält das IGPP ab September eine Vortragsreihe: dienstags zwischen 18.00 Uhr und 19.30 Uhr im Vortragssaal der UB Freiburg. Anmeldung via kolloquium@igpp.de








