Nackte Mädchen, purer Wahnsinn: Freiburger Sparkasse zeigt Stones-Sammlung Kultur | 05.05.2018 | Lars Bargmann

Es war eine kluge Mail. Thomas Walz, Veranstaltungsleiter der Sparkasse Freiburg, schickte sie vor einem Jahr ans Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) der Uni Freiburg. Ob man die Sammlung nicht mal in der Meckelhalle zeigen könnte.

Die Sammlung, das ist die „Reinhold Karpp Rolling Stones Collection“, vielleicht die größte auf dem Erdball, die dem ZPKM von Karpps Erben überlassen wurde. Es ist eine Weltpremiere, die im Mai nun im Herzen von Freiburg zu sehen sein wird.

„As years go by“ haben die Kuratoren, Thomas Walz und Michael „Sandy“ Sander, die Ausstellung überschrieben – in Anlehnung an den Song „As tears go by“, den ersten, den Mick Jagger und Keith Richards auf Druck ihres Managers Andrew Loog Oldham selbst komponiert hatten, der aber zuerst von Marianne Faithful gesungen wurde. Die Stones coverten erst später ihr eigenes Stück, das so gar nicht zum bisherigen Repertoire passte. Wie die Jahre vergehen.

Seit 1962 stehen die Stones auf der Bühne, am 22. Juni treten sie im Berliner Olympia-Stadion auf, am 30. Juni in Stuttgart. Die Stones, das sind lebende Legenden; kaum eine zweite Band ist so lange so laut und so erfolgreich, prägte Generationen, begeisterte Millionen von Fans.

Ein ganz besonderer war Reinhold Karpp, Rechtsanwalt aus Bonn, 1964 reiste er zu seinem ersten Konzert ins englische Blackpool. Manager Oldham hatte die Stones gerade zur „Band, die alle Eltern hassen“ stilisiert und das Konzert wurde – wie so oft – wegen Gewalttätigkeiten unter den hysterischen Fans bereits nach vier Songs abgebrochen. „Es roch furchtbar nach Urin, man trat auf nackte Mädchen und ständig (…) wurden Personen über unseren Köpfen nach vorne gereicht. Es war der pure Wahnsinn“, notierte Karpp später in seinem Tagebuch.

Die Ausstellung ist vom 3. Mai bis zum 1. Juni zu bank­üblichen Öffnungszeiten in der Meckelhalle des Sparkassen-­Finanzzentrums in Freiburg zu sehen. Der Eintritt ist frei.

„Die Musik der Stones war für ihn der Inbegriff von Freiheit“, erzählt seine Tochter Annette Lene Karpp. Das krasse Gegenteil vom strengen Jungeninternat auf Spiekeroog, auf das der Vater gegangen war. Persönlich kennenlernen wollte der die Stones aber nie, das hätte er als aufdringlich empfunden.

Als Karpp vor sechs Jahren starb, fanden sich auf seinem Dachboden – in 200 Kartonkisten verpackt – 15.000 Stones-Platten, DVDs, CDs, dazu Tickets und T-Shirts, Bücher und Zeitungen, Sticker, Poster, Bettwäsche, Kappen, Uhren und ein Flipper – einfach alles, was der Mann bei Auftritten und Plattenbörsen in die Hände bekommen hatte. Zu 130 Konzerten war er gefahren oder geflogen, nach New York, nach Johannesburg, nach Tokio, nach Buenos Aires. Es ist ein bemerkenswerter Schatz, der da seit einem Jahr in den Kellergängen der Uni steht und liegt. Für zehn Jahre haben Karpps Erben die Sammlung für Forschungszwecke der Freiburger Uni überlassen.

ZPKM-Direktor Michael Fischer sagte bei der Übergabe, dass die Sammlung für die Erforschung der Popkultur der letzten Jahrzehnte „einzigartig“ sei, da sie etwa zeige, wie Fan-Artikel „identifikatorische Momente“ im Leben eines Menschen werden würden.


Neue Forschungsergebnisse im engeren Sinn gebe es bis heute aber noch nicht. Damit wäre das Zentrum auch überfordert. Die Ausstellung sei aber fürs ZPKM „ein Glücksfall, weil wir diese Sammlung der Stadtöffentlichkeit und der Region präsentieren können“. Walz und Sander sichteten und sichteten, bewerteten, siebten aus, aber immer noch kistenweise holen sie das Material nun ans Finanzzentrum. Inszeniert wird, passend zu den Kisten, in vier Themenräumen aus Karton. Es gibt eine kleine ­Kneipe, ein Freakzimmer mit Bett, einen Kiosk, einen Merchandising-Stand. „Für uns war das Visuelle, nicht das Wissenschaftliche der Gratmesser“, sagt Walz. Dabei gilt, „nur schauen, nicht anfassen“, sagt Sander. Im Zentrum steht eine Karton-Pyramide, die der Ausstellung in Zahlen, vor allem aber Reinhold Karpp gewidmet ist. Obwohl die Meckelhalle schon viele Ausstellungen gesehen hat, es spricht sehr viel für einen Besucherrekord.

Die Sparkasse hat für die Ausstellung noch eigens vier Graffitis der noch lebenden Stones (Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ronnie Wood) anfertigen lassen, Sander und Walz haben viel recherchiert und wichtige Zitate gefunden, die etwas über die Stones und ihre Wirkungsgeschichte erzählen.

Zur Eröffnung werden auch Tochter Annette Lene, die bei ihrem ersten Stones-Konzert erst acht war, ­Karpps Schwester Ellen Sessar-­Karpp, die hier in der Region lebt, und auch Stones-Fan und Karpps Freund Klaus Ritzner aus Essen anreisen. Das Einzige, was fehlt, dürfte die Stones-Musik im Hintergrund sein. Aber schließlich ist die Sparkasse immer noch eine Bank. 

Fotos: © Max Orlich, Sandra Meyndt