Tränen als Tauschware – Performing Democracy: Freiburg-Festival neu gewichtet Kultur | 03.06.2024 | Lars Bargmann

SPAfrica SPAfrica: Das erste „Empathiegetränk“ der Welt

Der bisherige Untertitel ist nun die Headline des Freiburg-Festivals: Performing Democracy. Das internationale Festival der darstellen Künste geht vom 6. bis 16. Juni über viele Bühnen in der Stadt. Das Theater Freiburg, das Theater im Marienbad und das soziokulturelle Zentrum E-Werk haben es kuratiert. „Wir werfen uns hier für die Demokratie künstlerisch in den Ring“, sagte Sonja Karadza vom Theater im Marienbad bei der Programmpräsentation.

Während die Demokratie mehr und mehr in die Defensive gedrängt wird, sind vielerorts aggressive, rechtsextreme Akteure im Angriffsmodus. 2006, so steht es im Demokratieindex, der im selben Jahr erstmals von der englischen Zeitschrift „The Economist“ veröffentlicht wurde, gab es unter 167 untersuchten Ländern immerhin 28 vollständige und 53 unvollständige Demokratien. Die Zahl der autoritäre Regime ist seither von 55 auf 59 gestiegen, die der vollständigen Demokratien auf 23 gesunken.

Weltweite Verschlechterung des Demokratie-Zustands

Die Dakh Daughters

Die Dakh Daughters: Schräg, wild und subtil

„Diese weltweite Verschlechterung des Zustands der Demokratie wurde insbesondere durch negative Entwicklungen in Nicht-Demokratien verursacht, beispielsweise durch den dortigen Anstieg gewaltsamer Konflikte und autoritärer Übergriffe“, meldet die Forschungsgruppe der Zeitschrift. Es ist nachvollziehbar und auch klug, dass der Untertitel zur neuen Headline wurde. Noch klüger wäre es indes gewesen, dass Festival mit etwas mehr Vorlauf zur kommenden EU-Wahl am 9. Juni steigen zu lassen.

Eröffnet wird der Demokratie-Parcours mit Encantado, der neuen Tanzproduktion der brasilianischen Choreografin Lia Rodrigues, die schon vor zwei Jahren am Freiburger Theater gastierte. Ebenfalls im E-Werk-Saal kommt SPAfrica auf die Bühne, eine Performance, die untersucht, wie Kapitalismus und Rassismus verbunden sind. Julian Hetzel und Ntando Cele zeigen Tränen als Tauschgut und loten die Grenzen der Empathie aus.

Die Dakh Daughters – die seit ihrem Auftritt auf dem Maidan-Platz 2014 Kultstatus haben und seit Kriegsbeginn im Exil leben – zeigen mit Ukraine Fire „Freak Cabaret“ aus ukrainischer Folklore, Kabarett, Prog-Rock und Klassik. „Schräg, wild und subtil“, wie die Kuratorinnen wissen.

Eindrucksvoll auch die Idee von Thomas Kruppa, der Marlen Haushofers Roman „Die Wand (360 Grad)“ neu in Szene setzt und dabei dem Zuschauer eine VR-Brille auf den Kopf setzt. Silke Huysmans und Hannes Dereere zeigen den letzten Teil ihrer Trilogie über den Bergbau – den Tiefseebergbau als umkämpften Zukunftsmarkt.

Wo sie sich um Kopf und Kragen reden

Encantado – die neue Tanzproduktion von Lia Rodrigues

Encantado – die neue Tanzproduktion von Lia Rodrigues: Kreaturen, die die Zeit durchqueren

Krieg aus Kinderaugen gesehen: Das zeigt „Irgendwo anders“ mit Puppenspiel, Live-Video und Kreidezeichnungen des slowenischen Ljubljana Puppet Theatre. Das Stück „vermittelt die Absurdität des Krieges aus den Augen eines Kindes“, wie Sandro Lunin vom Theater Freiburg erzählte. Eine bislang wenig beleuchtete Perspektive.

Sehens- und hörenswert sicher auch das Junge Theater Basel, das sich mit dem Zitieren von Hannah Ahrendt, Ulrike Meinhof, der Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst, der Kinderrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai oder auch Friedrich Schiller „um Kopf und Kragen“ (so der Name der Performance) redet.

Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll kommt mit Schulbesuch Europa in die Staudinger Gesamtschule (für die Öffentlichkeit nur ein Auftritt), Soya the Cow alias Daniel Hellmann wird mit Try walking in my Hooves einen Kunstspaziergang durch Freiburg unternehmen, der palästinensische Künstler Basel Zaara erzählt mit Dear Laila eine Familiengeschichte von Vertreibung, Krieg und Exil im Alltag, not standing & Alexander Vantournhout zeigen eine chaotische Bewegungslandschaft, in der auch eine Wand zur Tanzpartnerin wird.

In Depois do silêncio (After the Silence) beschäftigt sich die brasilianische Theater- und Filmregisseurin Christiane Jatahy anhand einer Romanadaption mit den Auswirkungen der Sklaverei in ihrer Heimat.

Möglich macht das Festival mit einem Budget von 330.000 Euro nahezu allein das Freiburger Rathaus. „Das Land hat nicht die Möglichkeit gefunden, das zu bezuschussen“, kritisierte E-Werk-Geschäftsführer Jürgen Eick – in vornehmer Diplomatensprache.

Perfoming Democracy bietet an- und aufregende Gastspiele aus den Grenzbereichen zwischen Tanz, Performance, Schauspiel, Installation und Medienkunst. Es stellt wichtige Fragen nach einem demokratischen Miteinander, nach dem Verhältnis zu Natur und Klima, Krieg und Vertreibung. Ein Desiderat wäre eine Demokratie-Dystopie, wo auf dem Erdball nur noch ­autoritäre Regime markiert wären, der Demokratieindex schon lange nicht mehr erhoben wird – und was daraus dann für die Menschen folgt.

Info

Die Veranstaltungen gehen im Theater Freiburg, im E-Werk und im Theater im Marienbad über die Bühnen. Das ambitionierte und mit vielen Akteuren der Stadtgesellschaft gut vernetzte Rahmenprogramm spielt auch an anderen Orten in Freiburg, etwa im DELPHI_space.

Mehr Infos:
www.performing-democracy.de

Fotos: © Anouk Maupu, Oleksandr Kosmach, Sammi Landwehr