Das Nudelhaus: Feinkostmanufaktur in Trossingen Land & Leute | 18.01.2023 | Dorothea Wenninger

Nudeln und Backwaren vom Nudelhaus

Mit der Produktion von Nudeln fing die Geschichte der Feinkostmanufaktur an, genauer gesagt: mit vier Nudelmaschinen. Aus vorwiegend regionalen Zutaten entstehen seither in viel Handarbeit Pasta & Co. – mit Mehrwert: Das Nudelhaus ist ein vorbildlicher Arbeitgeber.

In dem hallenartigen Raum mit den Maschinen für die Nudelherstellung ist neben dem Brummen der Elektromotoren und dem Laufen der Ketten ein deutliches Pfeifen zu hören. Das bedeutet: Da werden gerade Spaghetti geformt. Das Nudelhaus stellt alle länglichen Nudeln mit der Walze her und lässt sie bei niedrigen Temperaturen langsam trocknen. Gewalzte Teigwaren nehmen während des Kochens mehr Wasser auf und durch ihre rauere Oberfläche mehr Soße, was sie schmackhafter macht. Durch die Walze laufen hier: Spaghetti und Spaghettini, Fettuccine und Pappardelle, also Bandnudeln in unterschiedlicher Breite.

In einer anderen Ecke wird Teig durch verschiedene Matrizen gepresst: etwa zu Fusilli, Maccheroni oder Radiatori, die aussehen wie Heizkörper und deshalb so heißen. Es gibt auch Matrizen für Nudeln in außergewöhnlicher Form wie winzige Engel oder  Ziehharmonikas und Notenschlüssel – ein optimales Mitbringsel für Musikbegeisterte.

Die Pasta gibt es traditionell, mit Gemüsepulver oder Kurkuma bunt eingefärbt, mit Ei, aus Vollkorn- oder Dinkelmehl, mit Zutaten aus biologischem Anbau. Diese mehr als 50 Sorten getrockneter Teigwaren werden ergänzt durch ein breites Sortiment an frischer Pasta: über 20 Raviolisorten, Panzerotti, Lasagne, Spätzle – und das ist noch nicht alles. In der Kochküche werden nicht nur die Maultaschen und die Spätzle gekocht, sondern auch frische Soßen hergestellt und für den Transport vakuumiert.

Ein herrlicher Duft nicht nur nach Cantuccini und Schokokeksen oder herzhaften Pizza-Bastoncini und Bio-Dinkelcrackern kommt aus der Backstube im Raum nebenan und beglückt die Häuser in der näheren Umgebung.

Zum Verkauf kommen die Waren in Ladengeschäften in Trossingen und Rottweil, außerdem auf Wochen-märkten der Region, und das sogar bis nach Friedrichshafen und Freiburg. Abnehmer sind zudem Eine-Welt-Läden, Metzgereien oder Gaststätten. Einige zugekaufte Produkte hat das Nudelhaus für den Handel ins Programm genommen, darunter Balsamico-Essig und Olivenöl.

Leben in der Gemeinschaft

Beim Sortiment wird schnell klar: Die Produkte sind alle italienisch angehaucht. Das hat seinen guten Grund. Um den zu verstehen, muss zuerst die Geschichte des Trossinger Lebenshauses erzählt werden: 1985 gründete ein Freundeskreis aus in der Friedens- und der Anti-Atomkraftbewegung engagierten Menschen den Verein „Lebenshaus, ökumenische Gemeinschaft für soziale Integration e.V.“. Der Verein wollte Menschen in schwierigen Lebenssituationen und solchen mit körperlichen Einschränkungen ein Zuhause und eine Gemeinschaft auf Zeit geben. Er kaufte ein wunderschönes Backsteingebäude im Osten von Trossingen, das ehemalige Kontorgebäude einer Mundharmonikafabrik, und baute es zum Wohnhaus um. Seit das Lebenshaus seine Türen 1987 öffnete, konnten hier im Laufe der Jahre etwa 150 „Gäste“ wieder Mut fassen, unterstützt von Ehrenamtlichen, die mit einzogen – im Moment eine Familie mit drei Kindern und eine Einzelperson. Während dieses besonderen Zusammenlebens stellte sich bald heraus, dass die Bewohner dem enormen Leistungsdruck in der normalen Arbeitswelt nicht gewachsen waren. Es entstand die Idee, ihnen eine Beschäftigung zu verschaffen, die ihre besonderen Fähigkeiten berücksichtigt.

Verpacken der Nudeln

Pasta in Handarbeit

Da kam Anfang der 1990er-Jahre eine Hausbetreuerin mit italienischen Wurzeln auf die Idee, Pasta in viel Handarbeit herzustellen. Sie wusste, wie es geht. Der Verein kaufte ein weiteres Haus an und stieg mit zwei Leuten und vier Nudelmaschinen in die Produktion ein.

Anfangs wanderten die Nudeln ausschließlich in die Küche des Lebenshauses, dann auch auf den örtlichen Markt und schließlich in einen kleinen Ladenverkauf. Schnell stand fest, dass eine größere Sache daraus werden könnte, dass mehr Menschen aus dem Lebenshaus hier Arbeit finden könnten. Letztes Jahr musste das Nudelhaus in ein größeres Gebäude, einen umgebauten alten Bahnhof, umziehen, weil es aus allen Nähten platzte. Und die Belegschaft ist inzwischen auf 30 Mitarbeitende angewachsen, von denen mindestens ein Viertel im Besitz eines Schwerbehindertenausweises ist. Es können sich ausdrücklich Menschen mit oder ohne Handicap bewerben. Sie erhalten einen Job, bei dem jede und jeder – egal, ob mit oder ohne Beeinträchtigung – ein vollwertiges Teammitglied ist.

Selbstverständlich ist das Nudelhaus kein Sozialamt, sondern in erste Linie eine Produktionsstätte. Aber die soziale Einstellung ist immer zu spüren. Die erste Vorsitzende des Lebenshauses, die Ärztin Ingrid Dapp, drückt es so aus: „Wir haben natürlich schon auch einen Leistungs-druck, schließlich müssen wir schwarze Zahlen schreiben. Wir müssen die Material- und Personalkosten erwirtschaften. Aber trotzdem weht bei uns ein anderer Geist.“ Und beißt in ein würziges Stück Käsegebäck: „Also das macht wirklich süchtig“, verrät sie, „das Käsegebäck ist unser absoluter Verkaufsschlager.“

www.nudelhaus.com

Fotos: © Nudelhaus; Bence Boldogh