Der Holzflüsterer – Werkstattbesuch bei Simon Stiegeler Land & Leute | 12.02.2026 | Kornelia Stinn

In Simon Stiegelers Werkstatt, wo eine Maske den letzten Schliff bekommt. In Simon Stiegelers Werkstatt, wo eine Maske den letzten Schliff bekommt.

Unweit der Glottertäler Weinhänge jubilieren Simon Stiegelers Rebengel im Feld, während in der Werkstatt des Holzvirtuosen wilde, mythische Wesen, Fratzen und Masken Gestalt annehmen – als seien sie geradewegs der Unterwelt entstiegen. Hochkonjunktur haben derzeit die Fasnachtsmasken.

Wer die Werkstatt des Holzbildhauers Simon Stiegeler in Grafenhausen betritt, trifft den Meister inmitten einer Welt voller mysteriöser Gestalten an: Mit einem Schnitzmesser über eine Maske gebeugt, haucht er dem Holz Leben ein. Rund 250 Exemplare muss er bis zu den Umzügen fertigstellen, manche auch reparieren. Die Anfragen kommen von Vereinen und Einzelpersonen zwischen Bodensee und Karlsruhe. Darunter etliche von Hästrägern mit kunstvoll geschnitzten Masken, wie sie für die Schwäbisch-Alemannische Fasnacht typisch sind, die 2014 in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde. 

Stiegeler schaute bereits als Kind seinem Vater in der Holzschnitzerwerkstatt beim Maskenbau über die Schulter. „Es steckt in mir drin!“, sagt er. Später besuchte er eine Bildhauerschule in Tirol und studierte Kunst in Freiburg.

Präzisionsarbeit in weichem Holz

Ausschließlich Lindenholz verwendet der Fünfzigjährige für seine Masken, weil dieses weich ist und eine feine Maserung hat. Um Erhöhungen ausarbeiten zu können, verleimt er das ausgewählte Holzstück mit einem kleineren Holzpflock. Mit grobem Schnitzmesser und Klöpfel haut er als Erstes grob Rundungen und Strukturen an. Anschließend legt er die Gesichtskonturen fest und arbeitet sich dann mit feineren Schnitzmessern immer detailreicher vor. Das kleinste Messer erlaubt Präzisionsarbeiten im Millimeterbereich, gut geeignet etwa, um Gesichtsfalten herauszuarbeiten. Schließlich höhlt er das beinahe fertige Werk mit einem löffelförmigen Schnitzmesser aus. Nach zwei bis drei Tagen kann er es seiner Frau Lillian übergeben, die das Gesicht mit Acrylfarben bemalt.

Waldgeist und Flügelwesen

Waldgeist und Flügelwesen

Weltumspannende Bildwelten

Viele neu entstandene Fasnachts­vereine schätzen es, wenn der Bildhauer seine unkonventionellen Ideen einbringt. Da kann seine Fantasie richtig aufblühen. Wichtig aber ist für den Kunstschaffenden stets der Bezug zur Region und dass eine Geschichte damit verbunden ist.

So, als wolle er seinem Schaffen zusehen, macht es sich ein wilder Waldgeist auf seinem Stammplatz in der Werkstatt gemütlich. „Er ist der Hauswächter“, erklärt Stiegeler, „und steht für die Kraft der Natur.“ „Blackest Forest“, heißt das Logo, das der Meister eigens für seine T-Shirt-Marke ersann, es passt auch gut zu diesem wüsten Burschen. Direkt vor dessen Nase schweben zarte Flügelwesen. Die Schönen promenieren schwebend wie auf einem Laufsteg durch himmlische Sphären. So tummeln sich in Stiegelers Kosmos wüste Gestalten neben sanften Flügelwesen.

Rebholzengel im Glottertal warten auf den Frühling.

Rebholzengel im Glottertal warten auf den Frühling.

Sein Kosmos weitet sich nur wenige Meter von seinem Haus entfernt auf dem Hügel der Grafenhausener Skulpturenwiese. Dort blicken Stiegelers Sternensucher ins Universum. Den Sphären, in denen Raum und Zeit ihre Unfassbarkeit entfalten, widmen sich auch seine Arbeiten im Haus der Sinne, gleich nebenan. Stiegelers weltumspannende Gedanken umfassen zudem nicht nur sein Engagement für plastikfreie Ozeane, auch für die Vereinigung Kinderhospiz e.V. sind er und seine Frau aktive Botschafter.

Wundert es da, dass der Ruf des Holzschnitzers als Botschafter des Schwarzwalds längst in die Welt hinausgeht? Inzwischen sind seine Werke bei Museen und Sammlern gefragt. Für die Sendung „The Masked Singer, Germany“ sowie die Spiele-Show „Murmel-Mania“ stellte er die Siegerpokale her. Harry Styles zählte zu seinen Kunden ebenso wie Heavy-Metal-­Bands, die auf seine Masken schwören.

So grüßt aus dem „Blackest Forest“ der Kosmos des Holzflüsterers in die weite Welt hinein.

Info

Simon Stiegeler
Kirchsteig 5
79865 Grafenhausen
Tel.: 07748/283
www.holzkunst-schwarzwald.de
www.fluegelwesen-stiegeler.de

Fotos: © Winfried Stinn