Zerbrechliche Träume – Der Glasbläser Dirk Bürklin Land & Leute | 13.12.2025 | Kornelia Stinn

Glasvasen

Der Freiburger Dirk Bürklin hat vor über 30 Jahren das Glasbläser-­Handwerk in der Wolfacher Dorotheenhütte erlernt. Heute haucht er seinen gläsernen Farbträumen in seiner eigenen Werkstatt Leben ein. Gegenüber dem Freilichtmuseum Klausenhof in Herrischried können Besucher ihm dabei zuschauen und mitmachen.

Bald ist es wieder so weit: Dann schmücken Dirk Bürklin und seine Freunde den Tannenbaum vor dem Klausenhof mit roten Kugeln, die aus der eigenen Werkstatt stammen. Wenn es geschneit hat, leuchtet das Rot besonders schön. Der Glasbläser mit dem blonden Pferdeschwanz liebt es, mit Farben zu spielen. Seinen Kugeln und Vasen haucht er schimmernde Farbkontraste ein, lässt in der gläsernen Haut Andeutungen von Erde, Himmel und Meer aufleuchten. Ein Jongleur, der mit Farbspuren Visionen schafft, zarte Träume, so zerbrechlich wie das Glas selbst.

All die feinen, von Hand geschaffenen Kunstwerke bevölkern still die Regale, während im Ofen unaufhörlich ein Meer aus Flammen lodert. „Der Ofen brennt Tag und Nacht und wird nie ausgeschaltet, es sei denn, ich verreise eine Zeit lang“, sagt Bürklin. 1200 Grad Hitze hält dieser Schmelz­ofen. Unaufhörlich glüht darin ein Gefäß, der sogenannte „Glasschmelzhafen“, gefüllt mit flüssigem Klar­glas. Mehrere Eisen stecken zugleich mit ihren Spitzen im Feuer – stets einsatz­bereit. So kann der Glasbläser sofort loslegen und flüssiges Glas zum Bearbeiten herausholen.

Formen- und Farbenvielfalt: Glaskugeln hat Dirk Bürklin ebenso im Angebot wie Vasen und Skulpturen.

Formen- und Farbenvielfalt: Glaskugeln hat Dirk Bürklin ebenso im Angebot wie Vasen und Skulpturen.

Doch es braucht viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl, um den perfekten Moment zu erkennen – jenen flüchtigen Punkt zwischen flüssig und fest, in dem sich das Glas bändigen lässt, ohne zu zerfließen oder zu brechen. Noch schwieriger als das Arbeiten mit Klarglas ist die Herstellung von Farbglas. Das muss zunächst sorgfältig vorgewärmt werden. Von farbigen Glasstangen, die in einem Regal lagern, bricht Bürklin mit einem Meißel die benötigten Stücke ab, genau jene Farben, die er für eine Arbeit verwenden möchte. Anschließend legt er sie in den Vorwärmofen, wo sie langsam auf 510 Grad erhitzt werden. Bürklin demonstriert, wie er die glühenden Glasstücke mit einem Eisen aufnimmt und im Schmelzofen weiter erhitzt, bis sie den idealen Schmelzgrad erreicht haben. Jetzt wird es spannend: Der Glasbläser kann die Farben ineinander verschmelzen und verdrehen – es entsteht ein lebendiges Muster. „Das Ergebnis wird immer eine Überraschung sein“, sagt er lächelnd. „Kein Muster gleicht je dem anderen.“

Der „Glaspuster“ zaubert  mit sanfter Hand

Mit der sogenannten „Pfeife“ bläst Bürklin nun vorsichtig Luft in die glühende Masse – eine Kugel wächst, von orangenen Effekten durchsetzt. Jetzt kommt eine Holzform zum Einsatz. Mit ruhiger Hand legt er die Kugel hinein, wo sie sanft ihre endgültige Form annimmt. Zuvor schon hat der „Glaspuster“, wie Bürklin sich nach dänischem Vorbild gerne nennt, eine feine Kerbe in das Werkstück gesetzt, an der die Kugel nun vom Eisen gelöst wird. Ein Aufhänger wird noch angesetzt und mit einem kleinen Eisen ausgeformt. Das Werk ist vollendet. Dann wandert die Kugel in den Kühlofen – zur Entspannung. Nur so übersteht sie den Temperaturwechsel, ohne zu zerspringen. Über Nacht kühlt sie langsam auf Raumtemperatur ab.

Welch künstlerische Vielfalt an Formen und Farben! Gläser, Schalen, Kugeln, Lampenständer und Tiere warten in den Regalen und Auslagen auf die Besucher. Sogar im Garten des gegenüberliegenden Klausenhofes überraschen Pinguine und Fische aus der Werkstatt Bürklins. Der Glasbläser schafft damit eine Verbindung zwischen dem musealen Gebäude, das seinen Ursprung im Jahre 1424 hat, und dem uralten, im Schwarzwald beheimateten Handwerk des Glasbläsers, das vom Aussterben bedroht ist.

INFO

Öffnungszeiten Werkstatt & Laden:
Di.–Sa.: 14–17 Uhr
Individuelle Kurse nach Absprache
www.glaswerkstatt-herrischried.de

Sehenswert:
Im preisgekrönten Kurzfilm „Der nutzlose Glaspuster“ von Holger E. Metzger öffnet Dirk Bürklin die Türen zu seiner Werkstatt – und zu seiner Philosophie. Das Porträt ist online über die genannte Website zu sehen.

Fotos: © Winfried Stinn