„Liquidität is King“: Mathias Hecht über Gretchenfragen, Riesenprogramme und die große Verunsicherung Politik & Wirtschaft | 30.06.2020 | Lars Bargmann

Mathias Hecht

Die Bundesregierung hat am 3. Juni das größte Konjunkturpaket in der deutschen Nachkriegsgeschichte beschlossen. 130 Milliarden Euro kostet es. Die Reaktionen sind vielstimmig, überwiegend positiv, aber auch kritisch. Über den Wert des Pakets aus steuerlicher Sicht sprach chilli-Chefredakteur Lars Bargmann mit dem Freiburger -Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Mathias Hecht. 

chilli: Herr Hecht, wie bewerten Sie das Paket aus steuerlicher Sicht für Unternehmen und Verbraucher?
Hecht: Es gibt mehr Licht als Schatten.

chilli: Wie sehen Sie die Senkung der Mehrwertsteuer auf 16/5 Prozent bis zum Jahresende?
Hecht: Die Gretchenfrage ist, ob der Verbraucher wirklich etwas davon hat? Und der Aufwand für manche Branchen ist extrem. Der Lebensmitteleinzelhandel hat angekündigt, es weiterzugeben. Das hilft dem Verbraucher. Aber es wird sicher Branchen geben, die das nicht machen. Bei der jüngsten Gastronomiesteuersenkung hatte die Regierung gesagt, das stärkt die Branche, weil die wussten, dass die Hoteliers und Gastronomen die Steuerersparnis selber behalten. Jetzt lautet die Botschaft, es wird für alle billiger. Das beißt sich ein bisschen.

chilli: Richtig lohnen könnte es sich etwa, wenn sich Verbraucher neue Küchen oder Autos kaufen.
Hecht: Ja, aber wenn ich heute einen VW-Bus bestelle, wird der bis Jahresende auch geliefert?

chilli: Im Paket enthalten sind auch mögliche Verlustrückträge für Unternehmen. Was kann das bringen?
Hecht: Das bringt im Augenblick nur mehr Liquidität, das wird aktuell etwas verkannt. Man konnte ja schon immer ein Jahr zurücktragen und dann die Vorauszahlungen anpassen. Jetzt wurde eigentlich nur beschlossen, dass man sich im vereinfachten Verfahren auf die prognostizierten Verluste aus 2020 teilweise die bezahlten Steuern für 2019 zurückholen kann. Das verschiebt die Liquidität nach vorne. Was sehr wichtig sein kann, Liquidität ist King, gerade in dieser Zeit. Aber mehr ist es auch nicht.

chilli: Ist die Verbesserung der Abschreibung für Geringwertige Wirtschaftsgüter zielführend?
Hecht: Im Grunde ja. Aber wenn ich 2020 negativ prognostiziere, dann kann ich damit die Verluste nur erhöhen. Das wird den kriselnden Branchen nicht helfen. Die haben nicht das Problem von Abschreibungen, sondern einfach zu wenig Einnahmen.

chilli: Der Bund will Umsatzausfälle kleiner und mittlerer Unternehmen teilweise ausgleichen, bis zu 80 Prozent der fixen Betriebskosten von Juni bis August übernehmen. Bis maximal 150.000 Euro. Kostet Berlin 25 Milliarden Euro.
Hecht: Wenn das so kommt, als echter Zuschuss, dann wäre das ein Riesenprogramm, sucht seinesgleichen in Europa. Das wäre auch für viele Freiburger Betriebe ein absoluter Segen. Die hatten von März bis Mai null Umsätze, jetzt erleben sie die Konsumzurückhaltung, so lange, bis das Vertrauen der Verbraucher und auch das Einkaufserlebnis wieder möglich sind. Da wird unsere Kanzlei jetzt kräftig tätig werden.

chilli: Welches Stimmungsbild zeichnet sich in Ihrer Mandantschaft ab?
Hecht: Das ist nicht repräsentativ, weil wir nur ganz wenige Mandanten aus den extrem betroffenen Branchen haben. Bei den meisten ist eine ganz große Verunsicherung zu sehen. Wie lange dauert die Rezession an? Wie kann ich meine Produktion aufrechterhalten? Wie entwickelt sich die Auftragslage? Viele hinterfragen aber auch Prozesse oder Personalschlüssel, die sich in den fetten Jahren aufgebaut haben. Für manche ist das vielleicht strukturell auch hilfreich. Man muss Strategien finden, um besser zu sein als die Konkurrenz.

chilli: Herr Hecht, vielen Dank für dieses Gespräch.

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