Bürgermeisterbank sucht frisches Personal – In Freiburg wirft auch die OB-Wahl schon erste Schatten voraus Politik | 16.05.2025 | Lars Bargmann
In der kleinen Großstadt Freiburg liegen kurz nach der Verabschiedung des Doppelhaushalts schon wieder zwei politisch brisante Themen auf dem Tapet: Die CDU sucht nach einem Nachfolger für den scheidenden Finanzbürgermeister Stefan Breiter und auch nach einem Oberbürgermeister-Kandidaten, die SPD hat mit Roland Meder schon einen Kandidaten für das Erbe von Kultur- und Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach gefunden, die Grünen werden sicher einen Kandidaten gegen Amtsinhaber Martin Horn ins Rennen schicken.



Ein Kommen und Gehen: Für Ulrich von Kirchbach hat die SPD Roland Meder nominiert. Für Stefan Breiter gibt es noch keinen Kandidaten.
Es war ein Plan mit geringer Halbwertszeit: Als die Christdemokraten 2018 einen Nachfolger für den langjährigen Finanzdezernenten Otto Neideck suchten, wurden sie beim gebürtigen Freiburger Stefan Breiter in Remshalden fündig. Ist der im Gemeinderat mehrheitsfähig? Nach Gesprächen mit Grünen um OB Dieter Salomon signalisierten die, dass sie Breiter unterstützen, wenn die CDU auch Salomon im Wahlkampf unterstützt. Breiter, so das Kalkül seinerzeit, könnte dann nach Salomons dritter Amtszeit 2026 als OB-Kandidat ins Rennen gehen. Daraus wurde nichts.
Am 6. Mai gewann Horn deutlich gegen Salomon und beendete dessen politische Karriere. Breiter erklärte jetzt am frühen Abend des 5. Februar öffentlich auf Facebook, dass er sich für eine weitere Amtszeit „aus persönlichen Gründen“ nicht zur Wiederwahl stellen wird. Öffentliche und politische Ämter seien nur schwer mit Familie und Freundschaften in Einklang zu bringen.
Seither sucht der CDU-Kreisverband um den Vorsitzenden Bernhard Rotzinger einen Nachfolger, denn die CDU hat das Vorschlagsrecht für den Posten. „Wir brauchen einen geeigneten Kandidaten oder eine Kandidatin, eine reputative Persönlichkeit, die im ersten Wahlgang unter die ersten Zwei kommen kann“, sagt Rotzinger auf chilli-Anfrage. Man schrieb das Jahr 2002, als die Freiburger CDU zuletzt um den wichtigsten Stuhl im Rathaus kämpfte. Damals verlor Gudrun Heute-Bluhm gegen Salomon. Bekommt die CDU dieses Mal jemanden in die Manege? Eine Bewerbungskommission sondiert. Für Rotzinger kommt das Thema – öffentlich – aber zu früh: „Ein ganzes Jahr lang gegen den Amtsinhaber kämpfen, ist nicht klug. Weißen Rauch gibt es bei uns daher noch nicht.“
Die SPD hat Roland Meder als Nachfolger für von Kirchbach präsentiert. Mit dem Leiter des Haupt- und Personalamts können sich offenbar auch die anderen Fraktionen arrangieren. „Roland Meder hat viel Erfahrung, hat die fachliche Expertise, um die Themen des Dezernats voranzubringen. Er ist wahnsinnig gut vernetzt und steht auch von seiner Vita her für die SPD“, sagt die Fraktionsvorsitzende Julia Söhne.
Steht mit Vita für SPD
Meder, geboren in Unterfranken, hat nach der Realschule erst eine Ausbildung zum Kfz-Elektriker gemacht, sich über den zweiten Bildungsweg die Allgemeine Hochschulreife erworben. Er verließ die Freiburger Universität als Diplom-Forstwirt, wurde 2001 Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Freiburger Rathaus. Vier Jahre später wechselte er ins Dezernat von von Kirchbach, erst als stellvertretender und von 2013 bis 2020 als Büroleiter des Bürgermeisters. In der Hochzeit 2014/15 war Meder Projektleiter für die Versorgung der Geflüchteten und auch federführend bei der Konzeption und Gründung des Amtes für Migration und Integration. Seit Oktober 2020 leitet der zweifache Familienvater das stadtpolitisch wichtige Haupt- und Personalamt.
Die 32-jährige Söhne war selber auch schon als mögliche Sozialbürgermeisterin gehandelt worden. Und hätte wohl auch gute Chancen gehabt. Doch die junge Mutter hat sich aus familiären, aber auch beruflichen Gründen anders entschieden. Meder ist 57, sicher nicht ausgeschlossen, dass sich Söhne in acht Jahren anders entscheidet.
Dass die Sozialdemokraten zudem noch einen eigenen Kandidaten in die OB-Wahl schicken, ist aber unwahrscheinlich: „Es wird dazu eine Mitgliederversammlung geben“, sagt Söhne, „aber wir als Fraktion sind sehr zufrieden mit Martin Horn, der in der Bevölkerung sehr beliebt ist und einen guten Job macht.“
Diese Einschätzung ist bei den Grünen im Rathaus aktuell nicht mehrheitsfähig. „Wir haben mit Martin Horn in den vergangenen Jahren sehr gut zusammengearbeitet“, sagt Sophie Schwer, die bei der Kommunalwahl 2024 mit 79.339 Stimmen deutlich die meisten bekommen hatte und den Fraktionsvorsitz übernahm. Zuletzt aber sei das nicht immer so gewesen. Bei der lautstark umstrittenen Verpackungssteuer, die am 6. Mai gegen den Willen von Horn mit knapper Mehrheit beschlossen wurde, zeigte sich das besonders deutlich.


Machen sie gemeinsam weiter? Martin Horn wird für eine zweite Amtszeit kandidieren, Martin Haag hofft auf eine dritte.
Auch bei der Freiburg-Bewerbung als ein Austragungsort für die Frauen-Fußball-EM 2029 konnte sich Horn – gemeinsam mit Breiter und von Kirchbach –, nicht durchsetzen: Per Pressemitteilung hatte das Rathaus Ende November schon verkündet, dass sich Freiburg bewerben wird. Im Indikativ. Der Gemeinderat aber spielte den Ball am 10. Dezember beherzt ins Aus. Mit 31 zu 13 Stimmen. Und der kompletten Grünen-Fraktion.
So wird aktuell ein erfolgversprechender Gegenkandidat gesucht. „Wir führen schon lange intensive Gespräche, die Entscheidung wird aber nicht vor dem Sommer erfolgen“, sagt die grüne Kreisvorsitzende Laura Spudeit. Nicht wenige sehen in der – übrigens social-media-abstinenten – Stimmenkönigin selbst eine aussichtsreiche Kandidatin. Eine Frau an der Spitze der Verwaltung hatte die Stadt noch nie.
Wenig Gegenwind dürfte der Vorschlag der Grünen finden, den amtierenden Baubürgermeister Martin Haag – die Grünen hatten ihn 2011 ins Amt gebracht – für eine dritte Amtszeit zu nominieren. „Wir arbeiten sehr gerne mit Haag zusammen, das ist, wenn Ulrich von Kirchbach nicht mehr da ist, die große Stütze auf der Bürgermeisterbank, ein Fels im Gemeinderat“, sagt Schwer. Haag sagt dem chilli: „Für Ruhestand ist es zu früh. Ich möchte ein paar Dinge, die ich angefangen habe, auch zu Ende bringen.“ Da er dann der dienstälteste Dezernent wäre, würde er zudem den Titel Erster Bürgermeister bekommen. So ist es in Freiburg Tradition.
Die spannendste Frage ist aktuell die nach der neuen Führung im Finanzdezernat. Neben rein privaten Gründen für sein Abwinken war es für Breiter auch die Arbeit an sich. Anders als Dieter Salomon und Otto Neideck, die sich oft blind verstanden, ist das Verhältnis zwischen Horn und Breiter – auf der politischen Ebene – nicht von überbordender Harmonie gekennzeichnet.
„Wer so ein Amt ausführt, das ja oft schon am Mittwoch die 40 Stunden erreicht hat, der braucht auch Gestaltungsspielräume und am Ende auch die Bestätigung, dass sich Dinge zum Guten drehen. Das Gewicht meines Wortes war dafür aber nur bedingt geeignet“, sagt Breiter dem chilli. Er gehe aber ohne jeden Groll: „Ich darf auf ein maximal spannendes und außergewöhnliches Berufsleben zurückblicken. Aber weitere acht Jahre passen nun nicht mehr in meine Lebensplanung.“
Die CDU-Fraktionsvorsitzende Carolin Jenkner hat sich bei den Beratungen zu den beiden jüngsten Doppelhaushalten der Stadt durchaus auch wirtschaftspolitisch profiliert. Gut rechnen kann die 37-Jährige auch: Sie ist studierte Mathematikerin und arbeitet als Biostatistikerin an der Universität Freiburg. Breiter jedenfalls kann sich diese Personalie vorstellen: „Jenkner ist politisch gut vernetzt, leitet die Fraktion, kann führen und hat einen guten politischen Instinkt.“
Freiburgs OB-Wahlen
2002
1. Wahlgang
Dieter Salomon, Grüne, 36,7 %
Gudrun Heute-Bluhm, CDU, 32,4 %
Michael Moos, Linke, 14,3 %
Bernhard Zepter, SPD, 16,5 %
2. Wahlgang
Dieter Salomon 64,4 %
Gudrun Heute-Bluhm 34,5 %
2010
1. Wahlgang
Dieter Salomon, Grüne, 50,5 %
Ulrich von Kirchbach, SPD, 29,2 %
Günter Rausch, WIR, 20,2 %
2018
1. Wahlgang
Martin Horn, parteilos, 34,7 %
Dieter Salomon, Grüne, 31,3 %
Monika Stein, parteilos, 26,2 %
2. Wahlgang
Martin Horn, 44,2 %
Dieter Salomon, 30,7 %
Monika Stein, 24,1 %











