Lauter kleine Demokraten: Wie funktioniert politische Bildung in Freiburg? Politik | 12.12.2025 | Jannis Jäger

Kinder Besprechung

Die Demokratie ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Allerdings sinken, so die Leipziger Autoritarismus-Studie von 2024, ihre Zustimmungswerte in der Bevölkerung. Oder wie es der FAZ-Autor Justus Bender kürzlich formulierte: Manchmal wird vergessen, dass in einer ­Demokratie nicht nur Demokraten leben.“ Gerade deshalb sind jene Orte wichtig, an denen Tag für Tag das Fundament unserer demokratischen Gesellschaft gestärkt wird. In und um Freiburg gibt es davon viele.

Die Demokratiebildung steht seit geraumer Zeit im Bildungsplan. Seit dem Schuljahr 2019/2020 werden Lehrkräfte aller Fächer und Jahrgangsstufen dazu angehalten „demokratiebezogenen Kompetenzerwerb“ zu ermöglichen.

An der Hermann-Brommer-Schule in Merdingen ist so beispielsweise der Schülerrat entstanden – aber auch, weil sich die Kinder selbst einen Weg gewünscht haben, etwas zu verändern. Einmal in der Woche treffen sich die gewählten Klassensprecherinnen und Klassensprecher, insgesamt 14 Kinder, mit den Klassenlehrern. Die Kinder sagen, es sei ihnen wichtig, selber mitzubestimmen. Sie lassen sich aufstellen, um als Klassensprecher gewählt zu werden und vertreten dann die Interessen der Kinder im Schülerrat – richtige kleine Volksvertreter.

Im täglichen Schulbetrieb kümmert sich der Schülerrat um die Ausgabe des Pausenspielzeugs und darum, dass alles hinterher wieder an seinen Platz kommt und aufgeräumt ist. Spielsachen holen sie an einer Art Theke ab, von Hula-­Hoop-Reifen bis Lauf-Stelzen, und bringen sie nach der Pause dorthin auch wieder zurück.

Demokratie aktiv lernen

Die Kinder im Schülerrat sind aber auch kleine Demoskopen. Sie gehen durch die Schule und führen Umfragen durch, was für Themen ihren Mitschülern auf der Seele brennen. Und laut den Lehrkräften nutzen sie den Raum, der sich ihnen so bietet, gerne aus. Auf dem Hof und auf den Gängen mag es wuseln und munter zugehen, doch ganz leise lernen die Kinder hier, aktive Demokraten zu sein.

Das kann auch zu ganz konkreten Ergebnissen führen. Der Schülerrat hatte etwa die Idee, dem Bürgermeister von Merdingen, Martin Rupp, einen Brief zu schreiben. Der Grund: fehlendes Pausenspielzeug. Und das Resultat war aus Sicht der Kinder ein voller Erfolg. Zwei Wochen dauerte es, da stand der Bürgermeister in der Schule und überreichte Tore, Bälle und Schläger. Für die Schüler an der Hermann-Brommer-Schule ist Demokratiebildung also schon einmal eine Erfolgsgeschichte.

In den anderen Schulen gibt es außerdem die Schülermitverantwortung (SMV), Schüler- und Klassenrat, Schülerkonferenzen und Projekte. Überall dort entstehen Situationen, in denen junge Menschen selbst entscheiden, gestalten und Verantwortung übernehmen können. Viele Schulen in Freiburg nutzen diese Möglichkeiten auf ganz unterschiedliche Weise.

„Demokratie kann nicht gelehrt werden“, sagt Ronja Posthoff, stellvertretende Geschäftsführerin des Jugendbüros Freiburg, „sie kann nur gelernt werden.“ Was zuerst ein wenig abstrakt klingt, meint etwas sehr Konkretes: Menschen müssen die Erfahrung machen, dass sie selbst etwas bewirken können. Viele erleben Demokratie in einer passiven Rolle, ohne zu erkennen, wie sehr diese Passivität selbst gewählt ist.

Ronja Posthoff ist stellvertretende Geschäftsführerin des Jugendbüros – eine wichtige Stelle für jugendpolitische Beteiligung in Freiburg.

Ronja Posthoff ist stellvertretende Geschäftsführerin des Jugendbüros – eine wichtige Stelle für jugendpolitische Beteiligung in Freiburg.

Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche früh dabei zu unterstützen, selbstständige und aktive Demokraten zu werden. Das Jugendbüro funktioniert als Leitstelle. Es berät und vermittelt bei Fragen zu jugendpolitischen Themen. „Das Team des Jugendbüros organisiert, begleitet und regt daher Beteiligungsprojekte von und mit Jugendlichen an“, heißt es auf der Website des Büros. Dafür ist es wichtig, ein Netzwerk aus relevanten Akteuren zu bilden – etwa Schulen, Jugendeinrichtungen, Jugendverbänden.

Konkret kann das dann so aussehen: Am 2. Dezember veranstaltete das Jugendbüro unter dem Titel „Freiburg zockt“ ein Twitch-Event und hieß dazu Oberbürgermeister Martin Horn willkommen, der bei Mario-Kart ein ganz gutes Ergebnis erzielen konnte. Daneben diskutierten die Jugendlichen mit dem OB über den Zustand der Sportplätze und die Wehrpflicht.

Derlei Anlässe, an denen aktuelle Themen besprochen werden können, sind sehr wertvoll. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, wann Menschen beginnen, sich politisch zu engagieren. Demnach werden nur rund fünf Prozent ohne äußeren Anlass aktiv, erklärt Posthoff – übrigens unabhängig von der Altersgruppe. Die meisten finden ihren Weg in die politische Beteiligung über ein konkretes Thema, das sie unmittelbar betrifft. Bei jungen Menschen können das zum Beispiel kaputte Schultoiletten sein oder ein unzureichendes Angebot im öffentlichen Personennahverkehr, das ihren Alltag in Freiburg erschwert.

Mit an Bord: SC Freiburg

Kinder und Jugendliche haben viele Anliegen, von denen sie einfach noch nicht wissen, dass sie politisch sind. In solchen Fällen, so Posthoff, besteht die Aufgabe des Jugendbüros Freiburg darin, ihnen zur Seite zu stehen, durch Netzwerkarbeit, Beratung und das Öffnen von Türen. Denn junge Menschen haben kein Wahlrecht und nur indirekte Einflussmöglichkeiten. Damit ihre Anliegen Erfolg haben, müssen jene gesellschaftlichen Akteure, die „am Hebel“ sitzen, bereit sein, ein Stück ihrer Macht abzugeben oder sich stellvertretend für die Interessen der jungen Menschen einzusetzen, selbst dann, wenn diese nicht den eigenen Prioritäten entsprechen.

Auch andere Akteure des Freiburger Stadtlebens engagieren sich für die demokratische Bildung von Kindern und Jugendlichen. So ist das Dreisamstadion des Sport-Club Freiburg seit Mitte November zum Lernfeld für demokratische Selbstbestimmung geworden. Mit dem neuen Projekt „Lernort Dreisamstadion“ entsteht dort ein außerschulischer Bildungsraum, in dem Jugendliche in Workshops zu Themen wie Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlichem Zusammenhalt ins Gespräch kommen und eine eigene Haltung entwickeln können.

Pizza Macht Schule

Gemeinsam mit dem Fanprojekt Freiburg und der Albert-Schweitzer-Schule II startet der Sport-Club derzeit in die Pilotphase. Für Doris Lauer, Geschäftsführerin des Internationalen Bunds Baden, hat das Projekt eine besondere Dringlichkeit: „Ich mache mir wirklich Sorgen, wenn ich mir die gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre anschaue und glaube, es reicht einfach nicht mehr, nur zuzuschauen, sondern wir müssen auch wirklich aktiv werden – und genau hier setzt der Lernort Dreisamstadion an.“

Die Albert-Schweitzer-Schule II ist von Beginn an als Bildungspartner dabei. Schulleiter Joachim Diensberg sieht im Projekt eine wertvolle Ergänzung schulischer Arbeit: „Wertevermittlung im schulischen, aber auch im außerschulischen Kontext ist wichtiger denn je.“ Die Workshops werden vom Fanprojekt Freiburg umgesetzt, das umfangreiche Erfahrung in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen mitbringt und die Jugend­lichen dort abholt, wo sie stehen.

Doch zur Demokratiebildung zählen auch Lektionen, die für Kinder und Jugendliche nicht so leicht zu lernen sind. Denn aus dem demokratischen Prozess geht man nicht immer als strahlender Gewinner vom Feld. Die meisten Kompromisse sind wohl als Ergebnis für keine Verhandlungspartei nur zufriedenstellend. Professor Michael Wehner, Leiter der Außenstelle Freiburg der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, betont: Demokratie ist kein Wunschkonzert. „Eine gewisse Frustrationstoleranz zu entwickeln gehört dazu“, sagt Wehner. Kinder und Jugendliche müssen lernen, trotz Rückschlägen nicht zu resignieren. In einer demokratischen Gesellschaft kann nicht jede Entscheidung ein für alle hundertprozentig befriedigendes Ergebnis bringen.

„Hilfreich kann hier das Pizza-Beispiel sein“, erklärt Wehner. Die Kinder müssen dabei überlegen: Es gibt nur eine Pizza für alle – welcher Belag kommt drauf? Gemeinsam mit ihren Mitschülern und Mitschülerinnen zu verhandeln, sei eine wichtige Lektion. Dabei lernen die Schüler·innen nicht nur, sozial sensibel zu sein, sondern auch, dass andere Menschen eigene Interessen oder Bedürfnisse haben, die mit den eigenen in Einklang gebracht werden müssen.

 

Fotos: © Stock.com/Jacoblund; Jugendbüro Freiburg