Vererbtes Trauma: Workshop für Kriegsenkelinnen STADTGEPLAUDER | 17.05.2019 | Stella Schewe

Sabine_Lerner_c-Alexandra-Heneka

74 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs lädt die Volkshochschule Freiburg zu einem Kriegsenkelinnen-Seminar ein. Warum, erklärt Kursleiterin Sabine Lerner im Gespräch mit Redakteurin Stella Schewe.

Lust au REGIO: Frau Lerner, an wen genau richtet sich das Seminar?

Sabine Lerner: „Kriegsenkelinnen“ macht man an Jahrgängen fest: Sie sind ungefähr zwischen 1960 und 1975 geboren, ihre Eltern zwischen 1930 und 1945, die sogenannten „Kriegskinder“. Inzwischen gibt es dazu viel Literatur und Forschung, denn es hat sich gezeigt: Der Krieg hat zwar 1945 geendet, aber Schrecken und Verwüstung leben in den Seelen weiter. Auch in den Seelen der Nachkommen.

Lust au REGIO: Wie kann es sein, dass „Kriegsenkel“ an etwas leiden, das sie gar nicht selbst erlebt haben?
S. Lerner: Man nennt das transgenerative Weitergabe und dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Das kann etwas Erlerntes sein, zum Beispiel, wenn ich mit jemandem aufwachse, dem die Angst noch in den Gliedern sitzt, etwa mit einer im Krieg traumatisierten Mutter. Vielleicht geht sie immer nur mit Angst aus dem Haus – und so etwas schauen sich Kinder natürlich ab, Eltern sind ja Vorbilder. Dann gibt es Spiegelneuronen, das bedeutet: Ich fühle, was mein Gegenüber fühlt. Kinder haben ganz feine Antennen dafür, wie es ihren Eltern geht. Wenn diese etwas geheim halten wollen und nicht darüber sprechen, dann ist das fast wie eine Garantie, dass es weitergegeben wird. Darüber hinaus gibt es inzwischen Forschung zur Epigenetik, die besagt, dass traumatische Erlebnisse genetische Veränderungen hervorrufen.

Lust au REGIO: Was sind die Symptome?
S. Lerner: Zum Beispiel Heimatlosigkeit. Es gibt Menschen, deren Eltern flüchteten oder vertrieben wurden, die sind schon 20 Mal in ihrem Leben umgezogen. Sie sind einfach entwurzelt. Auch ein starkes Gefühl existenzieller Unsicherheit, große Selbstzweifel, starker Leistungsdruck und das Gefühl der Einsamkeit können dazugehören. Und nicht wirklich verbunden zu sein mit den eigenen Eltern.

Lust au REGIO: Und wie kann ich erkennen, dass diese Symptome tatsächlich damit zu tun haben, dass ich „Kriegsenkelin“ bin?
S. Lerner: Ich würde das nie pauschalisieren. Aber wenn es solche Symptome gibt und man fragt, was die eigenen Eltern während des Zweiten Weltkriegs erlebt haben, findet man vielleicht Spuren, die auf diesen Zusammenhang hinweisen. Es ist ja auch nicht so, dass alle „Kriegskinder“ traumatisiert sind. Schätzungsweise ein Drittel ist traumatisiert, ein Drittel belastet und ein Drittel vielleicht auch heil durchgekommen, das hängt von den damaligen Lebensumständen ab.

Lust au REGIO: Was passiert denn an dem Wochenende in der Volkshochschule?
S. Lerner: Erst mal sammeln wir: Was ist typisch für „Kriegsenkel“ und für unsere Vorfahren? Wie ticken sie, was haben sie für „Macken“? Zum Beispiel, immer alles aufzuessen, nichts wegwerfen zu können oder kein Maß zu haben, auch Sucht kann ein Thema sein. Früher gab es ja gar keine Möglichkeit, das Erlebte aufzuarbeiten. Ich gebe viele Informationen und biete Raum für Austausch, was die Frauen oft als sehr wertvoll erleben. Auch Achtsamkeits- und Körperübungen gehören dazu. Es geht darum herauszufinden: Was hilft mir und was stärkt mich?

Lust au REGIO: Und was genau hilft?
S. Lerner: Sich mit sich selbst und dem eigenen Gewordensein zu beschäftigen. Zu verstehen: Was in meinem Leben hat vielleicht mit meinen Vorfahren zu tun? Was ist weitergegeben worden? Das können auch Aufträge sein, die ich bekommen habe, etwa den, unerfüllte Sehnsüchte meiner Mutter zu leben. Vielleicht konnte sie wegen des Krieges nicht studieren, und dann muss ich studieren oder das Instrument lernen, das sie nicht spielen konnte. Wenn ich solche Muster durchschaue, kann ich entscheiden, ob ich den Auftrag annehme oder nicht.

Lust au REGIO: Warum richtet sich Ihr Seminar ausschließlich an Frauen?
S. Lerner: Das erste Seminar war offen für alle, es kamen aber ausschließlich Frauen, und daraufhin habe ich entschieden, es in diesem Rahmen zu belassen. Unter den Frauen entsteht schnell eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der sie sich öffnen können. Aber ich überlege, ob ich es nicht doch noch mal in gemischtem Rahmen anbiete.

Lust au REGIO: Was kann so ein Wochenende bewirken?
S. Lerner: Das Wesentliche ist, dass sich etwas wandeln kann, und zwar vom Schweren zum Leichten. „Das Schwere leicht machen“ hat die Trauma-Expertin Luise Reddemann einmal gesagt, und genau darin liegt die Chance: Wenn das Schwere ausreichend Raum bekommt, wandelt es sich. Zwar sind wir aktuell von Krieg und Vertreibung verschont, aber das Thema geht ja weiter, Flüchtlinge kommen aus genau diesen Gründen zu uns. Wichtig ist, auch ihnen Hilfe zukommen zu lassen. Nur so lässt sich die transgenerative Weitergabe unterbrechen.

Info

Kriegsenkelinnen – ein schwieriges Erbe?
Mit Sabine Lerner

Sa. und So., 25. und 26. Mai
Infos und Anmeldung:
VHS Freiburg,
Tel. 0761/3689510 oder
www.vhs-freiburg.de

Foto: © Alexandra Heneka