Nomade im Bus:

 Warum ein Freiburger Student seit zwei Jahren im Wohnmobil lebt Unterwegs | 05.03.2021 | Lars Nungesser

Lars Nungesser und seine ­fahrbaren acht Quadratmeter

Acht Quadratmeter. 75 Euro im Monat. Der Freiburger Student Lars Nungesser lebt im Wohnmobil. Er ist überzeugt: Das ist nicht nur günstiger als eine WG, es bietet auch mehr Freiheiten. Ein bisschen fehlt ihm die Geselligkeit dann aber doch.Und die Polizei war bereits da. Ein Erlebnisbericht.

„Guten Tag, wo geht die Reise denn hin?“ Nach fast einem Jahr des Unterwegsseins sollte sie eigentlich vorerst in Freiburg enden, als ein Polizeibeamter kurz nach meiner Ankunft an meine Autotür klopft. „Wie lange haben Sie vor, zu bleiben? Wir haben hier leider oft Probleme mit Dauercampern.“ Spontan ändere ich meine Pläne und versichere, dass ich am selben Tag noch wegfahre. Das Gespräch ist freundlich, trotzdem wird klar: Ich bin hier nicht erwünscht.

Dauercamper hin oder her – die Corona-Verordnung verbietet derzeit nicht nur touristische Übernachtungen in Hotels und auf Campingplätzen, sondern auch auf kostenfreien Stellplätzen. Kein Wunder, dass ich mit meinem ortsfremden Kennzeichen – mangels konventioneller Wohnung habe ich keine Meldeadresse mehr in Freiburg – das Interesse der Behörden geweckt habe. Dabei bin ich doch gar kein Tourist. Seit Herbst 2017 bin ich in Freiburg und seit knapp zwei Jahren lebe ich in einem alten, zum Wohnmobil ausgebauten Mercedes-Transporter. Warum? Ich möchte selbstbestimmt und so nachhaltig wie möglich wohnen.

In meiner alten WG durfte ich nichts an meinem vormöblierten Zimmer verändern. Neue Mitbewohnende hat unsere Vermieterin für uns ausgesucht. Wer neu nach Freiburg zieht, nimmt, was er kriegen kann. Im Bus gestalte ich mir meinen Wohnraum ganz nach meinen Vorstellungen. Meine laufenden Kosten von rund 75 Euro im Monat für Steuer, Vollkasko, Propangas und Internet sind auf dem Freiburger Wohnungsmarkt wohl nicht zu schlagen.

Wie alle Eigenheimbesitzer habe ich aber auch mehr Verantwortung. In den letzten zwei Jahren habe ich viel Zeit, Geld und Energie in Reparaturen gesteckt. Gelernt habe ich dabei zwar jede Menge, leisten konnte ich mir das aber nur, weil ich mir die Miete gespart habe.

Wohnmobil von Lars Nungesser

Unterm Strich lohnt es sich für mich aber – nicht nur finanziell. Mein Lebensstil gibt mir Freiheit. Ich muss neben dem Studium weniger arbeiten, mache nur noch Nebenjobs, die ich sinnvoll finde und die mir Spaß machen. Im Corona-Sommer konnte ich dank Onlinevorlesungen inmitten der schwedischen Natur studieren.

Insgesamt spielt sich ein größerer Teil meines Lebens an der frischen Luft ab, mein Ziel ist größtmögliche Autarkie. Momentan bin ich ab und zu noch auf Freunde angewiesen, was Duschen und Müllentsorgung betrifft. Mein Strom kommt aus dem Solarmodul, das reicht selbst an grauen Wintertagen für Licht und Smartphone. Die nächsten Schritte Richtung Nachhaltigkeit werden eine Trenntoilette und die Aufbereitung von altem Pflanzenöl als Dieselersatz. Das ist nicht nur CO2-neutral, sondern verbraucht – anders als Biodiesel – keine wertvollen Agrarflächen.

Das Leben auf engem Raum zwingt mich außerdem, Ordnung zu halten. Ich verbringe weniger Zeit damit, Dinge zu suchen und überlege mir gut, was ich mit mir herumfahre. Minimalismus bedeutet mir aber mehr als Zen und stille Konsumverweigerung: Haben oder Sein ist für mich eine grundlegende, gesellschaftliche Frage. Wenig Platz kann aber auch nerven. Vor der Pandemie hätte ich gerne mal mehr als drei Freunde zu mir eingeladen. Das ist besonders im Winter nicht möglich. Mittelfristig möchte ich deshalb nicht allein, sondern in Gemeinschaft leben.

Raum dafür zu finden ist schwierig –Freiburg hat eine lange und konfliktreiche Geschichte in Sachen Wagenplätze. Diese Wohnform war unter Oberbürgermeister Dieter Salomon politisch schlicht nicht gewollt. Das neue „Gesamtkonzept bezahlbares Wohnen“ sieht seit November allerdings die „konzeptionelle Bereitstellung von ausreichenden Wagenstellplätzen“ vor. Eine Gruppe junger Menschen, die in Wagen wohnen, nennt sich „Radlager“. Sie setzen sich seit letztem Sommer für einen Wagenplatz ein und treiben nun gemeinsam mit der Stadtverwaltung die Suche voran. Der neue Ton lässt mich auf ein Umdenken hoffen.

Foto: © tln