Gengenbach: Kleine Stadt mit großen Träumen Freizeit in der Region | 09.06.2019 | Stella Schewe

International berühmt geworden ist Gengenbach durch sein Rathaus: Dessen 24 Fenster werden jedes Jahr im Dezember mit Kunst geschmückt, beleuchtet und bilden so den laut Guinness-Buch der Rekorde weltgrößten Hausadventskalender. Doch auch im Sommer lohnt ein Besuch der verwinkelten Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern und Türmen.

„Willkommen, welcome, bienvenue. Willkommen, ob groß oder klein …“ Der Grüß-August – eine mechanisch in Szene gesetzte Marionette – sorgt neuerdings im Museum Haus Löwenberg für einen herzlichen Empfang. Er ist Teil der Ausstellung „Wunderland. Löwenberg“, deren Untertitel „Spaß – Spiel – Gefühl“ Programm ist: Spätestens bei der großen Kugelbahn oder dem Spiegelkabinett wird der Spieltrieb geweckt. „Wir zeigen Kunst zum Anfassen, hier können Sie spielen“, verrät Museumsleiter Reinhard End augenzwinkernd. „Neudeutsch heißt das interaktiv.“
Gezeigt werden außerdem viele Sammlerstücke, darunter ein böhmisches Marionettentheater und Karussellpferde. Auch über „großes Kino“ im kleinen Städtchen erfährt man etwas: Immer wieder mal diente die 11.000-Seelen-Gemeinde nämlich als Filmkulisse, zuletzt im vergangenen Jahr für „25 km/h“ mit Lars Eidinger und Franka Potente: ein Roadmovie über zwei Brüder, die sich als Erwachsene ihren Jugendtraum erfüllen und mit ihren Mofas quer durch Deutschland fahren. „Viele Szenen wurden hier gedreht“, erzählt End vor dem Filmplakat, etwa die Weinfestszene: „Da sieht man die Gengenbacher tanzen.“

Johnny Depp kam leider nicht persönlich

„Eine verrückte Geschichte“ seien auch die Dreharbeiten zu „Charlie und die Schokoladenfabrik“ gewesen, erinnert sich der Vorsitzende der Kultur- und Tourismus GmbH Lothar Kimmig lachend: „Ich bekam einen Anruf aus München: Die Warner Bros. aus Hollywood würden gerne kommen – ich dachte, die machen einen Scherz.“ Weit gefehlt. Zwar kam Hauptdarsteller Johnny Depp nicht persönlich, doch dafür rückte ein komplettes Filmteam mit Regisseur Tim Burton an und castete Einheimische samt Hunden, die als Statisten gebraucht wurden – alles in allem ein „Wahnsinns-Aufwand“ für die gerade mal drei Sekunden, in denen Gengenbach in dem Hollywood-Streifen zu sehen ist.

Auch von den drei Sonnen, die an einem Sommertag im 16. Jahrhundert über der Stadt standen, erzählt die Ausstellung. Ein Teil von ihr bleibt dauerhaft zugänglich, die Exponate im Obergeschoss des Palais Löwenberg dagegen machen im Spätherbst Platz für „Der kleine Prinz“. Antoine des Saint-Exupérys kindlicher Held ist nämlich Thema des nächsten Adventskalenders, wird also in den Fenstern des Rathauses zu sehen sein. Und von bis zu 120.000 Menschen bestaunt werden – so viele kommen jedes Jahr im Dezember nach Gengenbach.

Das 1996 mit Bildern von Otmar Alt gestartete Projekt ist eine Erfolgsgeschichte, „die wir uns niemals hätten träumen lassen“, so Kimmig. Werke von Marc Chagall, Tomi Ungerer und Andy Warhol waren schon in den Fenstern zu sehen – was dem „weltgrößten Adventskalenderhaus“ 1997 einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde bescherte. Drei Jahre hintereinander werden die Bilder jeweils gezeigt, begleitet von Aktionen, die weit über die Adventszeit hinausgehen. So wurde, passend zum Kalender mit Illustrationen aus den Jim Knopf- und Räuber Hotzenplotz-Büchern, ein „Räuber Hotzenplotz Pfad“ eingerichtet, ein Erlebnisweg für kleine und größere „Räuber“.

Neben den Räuberspuren gibt es noch weitere, denen zu folgen sich lohnt: „Auf den Spuren des Ritters“ heißt ein Stadtrundgang, bei dem 130 im Boden eingelassene Bronzetafeln mit einem Rittersymbol zu Gengenbachs Sehenswürdigkeiten führen. Vom Rathaus aus etwa zum Kinzigtorturm: dem höchsten der fünf Türme, von denen aus die Freie Reichsstadt einst bewacht wurde. Direkt gegenüber erinnert das am Fluss gelegene Flößereimuseum an die Geschichte der Flößer – im 19. Jahrhundert ein wichtiger Beruf im Kinzigtal.

Floeßermuseum

Im 19. Jahrhundert spielten die Flößer eine wichtige Rolle in der Stadt – heute erinnert ein Museum an sie.

Nächste Station ist die ehemalige Benediktinerabtei und ihr idyllischer Kräutergarten. Durch eine Pforte in der Klostermauer betritt man ein kleines Paradies – mit duftenden Blumen, Heil- und Gewürzpflanzen sowie schattenspendenden alten Bäumen. Wer zur Ruhe kommen möchte, ist hier richtig. Ebenso wie in der angrenzenden Stadtkirche St. Marien mit ihrem barocken Glockenturm, in der mit etwas Glück gerade Orgelmusik erklingt. Doch nicht nur hier, auch an vielen anderen Orten ist den Sommer über Musik zu hören: Noch bis Ende Juli läuft der 20. Gengenbacher Kultursommer – mit Comedy, Jazz, Tango und Literatur ein weiterer Höhepunkt im regen Kulturleben.

Kleinstadtidylle mit Studentenflair

Gengenbach ist eine „Stadt der kurzen Wege“, sagt Bürgermeister Thorsten Erny, der nach seiner Wiederwahl im Februar kürzlich die zweite Amtszeit angetreten hat: Von der Stille in Kräutergarten und Kirche sind es nur ein paar Schritte bis zum wuseligen Treiben in der ehemaligen Abtei, die heute von rund 1450 Studierenden bevölkert ist. Sie dient als Außenstelle der Fachhochschule Offenburg. Hinzu kommen die Fachschule für Sozialpädagogik der Erzdiözese Freiburg und das Ausbildungszentrum Mattenhof für angehende Forstwirte aus ganz Baden-Württemberg. Die Stadt sei Anziehungspunkt für „viele junge Menschen“, freut sich Erny, und mit ihrer guten Infrastruktur in Sachen Kindertagesstätten und Schulen auch für Familien – allerdings mangele es an Bauplätzen. Abhilfe soll das ehemalige Firmengelände des Polstermöbelherstellers Hukla schaffen: Gerade mal 300 Meter vom kleinen Bahnhof entfernt, ist hier auf 17 Hektar ein neues Wohn- und Gewerbegebiet geplant.

Stolz ist der Bürgermeister darauf, dass die einst Freie Reichsstadt viel in die Gegenwart retten konnte: „Wir haben den Anspruch, weiter in Selbstständigkeit zu leben.“ Das zeige sich an der nach wie vor eigenständigen Sparkasse ebenso wie an den kommunalen Stadtwerken, die Strom, Gas, Wasser und Wärme liefern und an einem Windpark mit vier Windrädern beteiligt sind. „Was wir machen können, machen wir selbst“, betont er und lobt den „städtischen Zusammenhalt“ und die mehr als 140 Vereine, „ohne die wir vieles hier gar nicht stemmen könnten“. Auch der Adventskalender wird übrigens von einem Verein, also mit viel bürgerschaftlichem Engagement, organisiert.

Engelgasse Gengenbach

Unbedingt anschauen: die historische Engelgasse.

Ob Schwedenturm, Narrenmuseum oder die romantische Engelgasse mit ihren blumengeschmückten Fachwerkhäusern – in Gengenbach gibt es viel zu entdecken. Für alle, die nach dem Stadtrundgang noch nicht müde sind, lohnt sich der Aufstieg zur Wallfahrtskapelle St. Jacobus auf dem „Bergle“ – die Sicht übers Kinzigtal bis hin zum Straßburger Münster ist fantastisch. Oder ein Ausflug zum Mutterhaus der Franziskanerinnen: mit Kerzenwerkstatt, Paramentenmuseum – und guten Wünschen. „Möge der Heilige Geist Sie begleiten“, sagt Schwester Margareta zum Abschied. Es gibt wohl wenige Städte, in denen man so herzlich empfangen und verabschiedet wird …

Ortsinfos:

Lage: Ortenaukreis. Mit dem Auto rund 15 Minuten nach
Offenburg, 50 Minuten nach Freiburg.
Gründung: 73/74 n. Chr. legten die Römer auf dem Gengenbacher „Bergle“ eine Verpflegungs- und Übernachtungsstation an. Um 725 wurde das Kloster Gengenbach, 1230 die Stadt Gengenbach gegründet.
Ortsteile: Bermersbach, Reichenbach, Schwaibach
Bevölkerung: rund 11.000 Einwohner

Fotos: © Dieter Wissing