Das »bierernste« chilli-Horoskop: Die Lockerungs-Edition von Hobby-Astronaut Philip Thomas Kultur | 08.07.2020 | Philip Thomas

Horoskop

Vor lauter Corona sieht chilli-Okral Philip Thomas schon Sterne. Nach genauem Studium dieser Himmelskörper durch ein Mikroskop verrät er, was die Zukunft geschlagen hat und was die ersten Lockerungen dieses Jahr so bringen.

Corona-Partys, Massenproteste, Falschmeldungen, Verschwörungstheorien, kaputtgesparte Gesundheitssysteme, bayrische Kneipentouren, ungenutzte Textkapazitäten, unerprobte Malaria-Medikamente und ein amerikanisches Staatsoberhaupt, das empfiehlt, sich hochgiftiges Bleichmittel zu spritzen. Zugegeben: Wir machen es dem Virus auch echt einfach …

Du denkst die Krise zu Ende: Woche 1: Shutdown, Woche 2: erste Maßnahmen, Woche 3: Kurzarbeit, Woche 4: Solidarität und Nachbarschaftshilfe, Woche 5: Netflix, Woche 9: Beifall für Krisenhelfer, Woche 24: Hygiene-Demos, Woche 25: Diktatur und Bill Gates!!, Woche 26: Kein Bock mehr auf Maske, Woche 32: Zweite Welle. Woche 33: Shutdown.

Endlich Lockerungen. Toll, dass dich in der Krise allerlei Schauspieler, Musiker und Politiker aus ihren fetten Villen heraus zur Solidarität animiert haben. Mit den Anfeuerungen konntest du in deiner 14-Quadratmeter–Bude nur leider nix anfangen. Das Haus musstest du trotzdem verlassen: für 14-Stunden-Schichten im Krankenhaus. Danke für nichts, liebe Promis!

Normalerweise fliegst du um diese Jahreszeit immer in den Urlaub. In der Pandemie hast du umgebucht: Weil dir die Bewohner von Haustralien aber alle zu nervig waren, bist du weiter nach Balkonien gejettet. Als dort das Wetter nicht mitgespielt hat, hast du deine letzte Option gezogen: Einen Abenteuerausflug nach Parkistan.

Leere Supermarktregale, Kontaktverbot, geschlossene Geschäfte. Sowas Verrücktes hast du noch nie erlebt – mitten in der Pandemie herrschte bei dir der absolute Ausnahmezustand. Was bist du froh, dass dich der Büro-Alltag nun wieder hat: Meetings, Deadlines, Fitnessstudio. Der ganz normale Wahnsinn, eben.


Grundschule, Gymnasium, Abitur, vier Semester Medizinstudium, erste ärztliche Prüfung, drei weitere Jahre Arbeit in einer Klinik, praktisches Jahr, Arztzulassung, Laborleitung, Promotion und Lehrstuhl. Das hast du alles nicht gemacht. In der Pandemie bist du trotzdem Virologe. Sei doch während der WM lieber bloß Bundestrainer.

Du steigst durch die unterschiedlichen Regelungen der Bundesländer nicht mehr durch: Im Nachbarland Bayern dürfen keine vier Menschen mehr ein Dortmund-Trikot tragen, im baden-württembergischen Stuttgart darfst du dich hingegen mit bis zu zehn Leuten treffen, aber in Berlin sind Aufkommen von bis zu drei Schwaben bis heute tabu.

Nie im Leben lädst du dir die Corona-App runter. Hallo? Die verfolgt deinen Standort und sammelt deine Daten! Am besten warnst du alle deine Freunde. Via Post auf Facebook, Foto auf Instagram und drei Nachrichten in deinen Whatsapp-Gruppen. Dazu setzt du noch zwei witzige Tiktok-Videos ab. Datenschutz ist dir eben wichtig.

Wegen der Lockerungen bist du vorsichtig: Im Supermarkt trägst du brav Maske, und deine Oma hast du seit dem Ausbruch der Pandemie nicht mehr besucht. Auch im Büro achtest du peinlich genau auf Abstand. Zum Beispiel in der Raucherpause. Vor einer todbringenden Lungenkrankheit muss man sich schließlich schützen.

Jeder, der nicht im Kurzurl…, pardon, in Kurzarbeit ist, ist deiner Meinung nach eine verantwortungslose Virenschleuder. Mitmenschen, die dir auch nur ein bisschen kränklich erscheinen, werden direkt den Behörden gemeldet. Dein Nachbar, der morgens um 8 Uhr den Rasen mäht, ist doch auch ganz grün um die Nase?!

Nach langem Ausharren und der völligen Verwahrlosung nun also Lockerungen in Deutschland. Dabei hast du noch nicht mal das brennende Australien, die Proteste in Hong Kong und den USA sowie den neuen Haarschnitt deiner Freundin verarbeiten können. Das hast du nun davon, dass die Friseure wieder geöffnet haben.

Geöffnete Kneipen, Prämien für Autos, Billigfleisch und endlich wieder Fußball-Bundesliga. Was will man in Deutschland eigentlich mehr? Und auch in anderen Ländern werden Erfolge gefeiert. In den USA gab es einen Raketenstart aus privater Hand: Die Astronauten haben die Erde verlassen. In Anbetracht der Tatsachen: Eine gute Wahl.

Foto: © Fotolia