Buch-Tipp: Königin der Nacht – Menschliche Abgründe Kultur | 19.06.2026 | Erika Weisser
Vom Tod der Mutter erfährt der gut situierte Sohn durch ihren letzten Kontoauszug. Das Guthaben beträgt 60 Franken – und die hätten noch 13 Tage reichen müssen. Bis zum Monatsende, wenn die nächste Rentenauszahlung überwiesen wird.
Allmählich wird ihm das Ausmaß des Elends klar, in dem die Mutter gelebt haben muss. Schließlich gesteht er sich ein, dass es ihm die ganze Zeit bewusst war. Spätestens seit dem Tag, da sie in die Dominikanische Republik auswanderte, um der sicheren Armut zu entgehen, in die sie mit ihrer geringen Rente in der Schweiz geraten wäre. Und er fragt sich, ob er ihr nicht hätte helfen sollen.
Ob er nicht hätte Verantwortung übernehmen müssen für die einstige Bardame, für die er in der Kindheit ein lästiges Anhängsel war, die ihn allein in der bis dahin gemeinsamen Wohnung zurückließ, als er 15 war. Die einkalkuliert hatte, dass er auf der Straße landen würde. Und die keinen Anteil daran hatte, dass er nicht unterging und es später gar zu einem wohlfeilen und preisgekrönten Schriftsteller brachte.
Das Gewissen plagt ihn – denn er entdeckt bezüglich des zähen Überlebenswillens erstaunliche Parallelen zu ihr. Und schlüssig analysiert er den Zusammenhang von gesellschaftlicher Ächtung und privater Verrohung.

Königin der Nacht
von Lukas Bärfuss
Verlag: Rowohlt, 2026
127 Seiten, Hardcover
Preis: 22 Euro










