Nachgewürzt: Kolumnist Volkmar Staub über Schamlippenbekenntnisse Kultur | 01.11.2019

Volkmar Straub

Shame on you. Scham ist das Thema der Stunde. Scham ist in. Da gibt es Politiker, die schämen sich nicht, ihre Umweltscham wie eine Monstranz vor sich herzutragen. Markus Söder, der letztes Jahr noch ganze Wälder hat abholzen lassen, um daraus Kruzifixe zu schnitzen und in seinen bayrischen Amtsstuben aufhängen zu lassen, will jetzt 30.000 Bäume pflanzen lassen, um der Gretafizierung seiner Politik Amtshilfe und Vorschub zu leisten.

Die Schamhaare müssten ihm aus den Ohren wachsen. Da schleicht sich bei mir Fremdscham ein.

Wir, die wir uns nicht billig herausreden wollen wie die „Derfliegerfliegtjaauchohne- michheuchler“ oder die „IchhabnochnieeinePlastiktüteinsMeergeworfenichwohngar- nichtamMeer“-Argumentierer, wir also, die Umweltbewussten im Vauban und die Sensiblen in Schallstadt, wir verschmutzen mit unserem Alltagsverhalten die Umwelt genauso stark wie die anderen, aber wir garnieren unsere Umweltsünden gerne mit Flugscham, Plastikscham, Amazonbestellscham oder SUV-Scham.

Ich bin jetzt einer Scham-Selbsthilfegruppe beigetreten, den „Zeugen Gretas“ in der Greta-Fabrik, wo wir uns gegenseitig unsere Scham zeigen. Bei einem Therapeuten lass ich mir dort per Reflexzonenmassage einfach meinen negativen ökologischen Fußabdruck wegmassieren. Und wenn man sich in so einer Gruppe öffnen kann, dann schämt man sich gegenseitig bis zur Schamlosigkeit. Solche Schamlippenbekenntnisse entlasten und verbinden. Die eine schämt sich für ihren Wochenendflug nach Ibiza, und ich gestehe meine Fleischeslust und schäme mich für meine monatlichen 17 Entrecôtes. (Eigentlich müssten sich ja die Vegetarier schämen. So ein Rehrücken z.B. kann ja theoretisch der Kugel entgehen und davonlaufen, aber ein Salatkopf, der extra in holländischen Salat-Zuchthäusern vor sich hin veganisiert, der wird einfach chancenlos geköpft – ratsch – weshalb er ja auch Kopfsalat heißt.)

In der Gruppe bestätigen wir uns gegenseitig, dass jeder, der sich schämt, damit ja auch zeigt, dass er ein Gewissen hat. Langsam entwickle ich eine unverschämte Schamscham. Und wenn wir genug darüber gesprochen haben, dann haben wir das Gefühl, damit auch schon sehr viel fürs Klima getan zu haben. Wenigstens für das in der Gruppe.

Eine scharfe Schamschote an alle Schamleeren. Shame on you.

Schamvoll, Euer Volkmar Staub

Foto: © privat