Spielräume für alle – Das internationale Festival „Performing Democracy“ startet im Mai 4Event | 01.05.2026 | Erika Weisser

Der Bleiche Baron

Was hat Demokratie mit Tanz zu tun? Oder mit Performance? Und generell mit Bewegung oder Musik? Wie bringen Kulturschaffende eine Gesellschaftsordnung auf die Bühne, in der die Würde und Gleichwertigkeit aller Menschen als unantastbare Grundprinzipien umgesetzt, gewahrt und nötigenfalls verteidigt werden? Mit welchen dramaturgischen Mitteln spiegeln sie ein Gemeinwesen, das nicht auf Volk, Nation, Herkunft und Abstammung basiert, sondern von der Teilhabe und aktiven Mitwirkung der Beteiligten lebt?

Auf diese und viele andere Fragen gibt es Antworten beim Freiburger Festival „Performing Democracy“, das alle zwei Jahre in einer Kooperation des Theaters Freiburg mit dem E-Werk und dem Theater im Marienbad organisiert wird. Es ist 2022 aus dem früheren Freiburg Festival für darstellende Künste hervorgegangen und dient als Plattform, um den Zustand der Demokratie und sich daraus ergebende gesellschaftliche Herausforderungen künstlerisch zu verhandeln. Und da das immer wichtiger wird, ist der frühere Untertitel seit 2024 Headline.

Fampitah Fampita Famitana

Fünf internationale Ensembles sind in diesem Jahr mit von der Partie, die vom 6. bis 13. Mai über die Bühnen der drei beteiligten Spielstätten geht. Als zusätzliche Spielfläche kommt das Stadion der Freiburger Turnerschaft 1844 hinzu. Dort entsteht gemeinsam mit weiteren Freiburger Vereinen ein großformatiges Sport-Kunst-Mitmach-Spektakel, das partizipative Erfahrung in den Mittelpunkt stellt.

Kuratorinnen der diesjährigen Ausgabe des Festivals sind Sonja Karadza und Ricarda Reuter vom Theater im Marienbad, Sofie Anton und Stephanie Moers vom E-Werk sowie Adriana Almeida Pees und Katrina Mäntele vom Theater Freiburg. Sie haben sich vorgenommen, „künstlerische Arbeiten zu zeigen, die sich nicht im Schrecken verlieren, sondern Handlungsspielräume eröffnen“, wie sie bei der Präsentation des Programms betonten. Ziel sei die „vitale Einmischung“: aussprechen, was ist – und gleichzeitig visionäre Gegenwelten entwerfen.

Songs of the Wayfarer Frau mit Krücken

Die ausgewählten Gastspiele seien so konzipiert, dass „Menschen sich wieder als Teil dieser Gesellschaft fühlen und aus der Vereinzelung herausfinden“ können, so Sonja Karadza: „Unser Festival soll Mut machen, hoffnungsvoll sein, Utopien und Ideen entwickeln.“

Diesem Gedanken folgend eröffnet es am 6./7. Mai mit einer Performance, die Inklusion als zentrales künstlerisches Prinzip versteht: In ihrer Soloarbeit „Songs of the Mayfarer“ unternimmt die Choreografin Claire Cunningham (Schottland) eine Wanderung in unbekanntes Terrain. Mutig und geleitet von ihren Erfahrungen als mobilitätseingeschränkte Person navigiert sie, singend und an Krücken tanzend, durch eine Landkarte, die sich langsam auf dem Boden abzeichnet.

Ringen um demokratische Denkprozesse

All'arme Personen in schwarzer Kleidung auf der Bühne

Um Hoffnung und Zusammenhalt geht es in „Back­yard (A field to Search) – The Lecture“ (8./9. Mai). Darin thematisieren die mexikanischen Performerinnen Laura Uribe und Sabina Aldana das gewaltsame Verschwinden von mehr als 130.000 Menschen in ihrem Land – und stellen die Kraft der Gemeinschaft in den Vordergrund.

Aus Belgien kommt das Kinderstück „Der Bleiche Baron“ von Anna Vercammen und Joeri Cnapelinckx (9./10./11. Mai). In dessen autoritärem Unterwasser-Staat wird Jagd auf alles gemacht; verboten sind vor allem die Poesie und Fragen, die die Kinder trotzdem stellen. Dieses Plädoyer für die Freiheit der Menschen und der Kunst richtet sich gleichermaßen an altes und junges Publikum.

zwei Männer hängen sportlich an Mast

Fragen bringen Despoten wie den „Bleichen Baron“ in Bedrängnis, während Bewegung (o.) und selbstbestimmte Auseinandersetzung mit Gewalterfahrungen im konkreten wie übertragenen Sinn Wege öffnen und Zusammenhalt erzeugen kann.

Ein Glanzpunkt des Festivals ist das bereits erwähnte Spektakel „Die Bewegung“ (10. Mai) von Aktionskünstler Julian Warner. Hier wird Beteiligung großgeschrieben – und kann in zuvor stattfindenden öffentlichen „Trainings“ eingeübt werden – bei Kampfsport, Hula-Hoop sowie „Ringen & Denken“ mit Mario Sabatini und Klaus Theweleit.

Das Spannungsfeld zwischen Ermächtigung und Unterdrückung beleuchtet das Tanzstück „All’Arme“ von Ginevra Panzetti und Enrico Ticcone (Kroatien), das am 12. Mai aufgeführt wird. Und schließlich endet das Festival mit zwei Präsentationen der Tanzperformance „Fampitaha, fampita, fampitàna“ von Soa Ratsifandrihana aus Madagaskar. Sie erinnert an die koloniale Gewalt und außerdem daran, dass Vielfalt keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung ist – sofern Gleichberechtigung herrscht.

Info

performing-democracy.de

Fotos: © Phile Deprez, Tale Hendnes, Dansens Hus, Britt Schilling, Nina Durdevic, Harilay Rabenjamina