Rolle rückwärts in Baden-Württemberg – Die Rückkehr zu G9 ist beschlossene Sache Pädagogik | 08.07.2025 | Reinhold Wagner

Kinder in der Schule

Für das Land Baden-Württemberg und seine Schülerinnen und Schüler steht nun fest: Mit dem Start ins neue Schuljahr 2025/2026 ist das neunjährige Gymnasium (G9) wieder die Regel. Damit gehört – zumindest für die meisten – das zuvor eingeführte achtjährige Gymnasium (G8) wieder der Vergangenheit an. Es sei denn, einzelne Gymnasien bieten einen eigenen G8-Zug an, der parallel zur Reform weitergeführt wird.

Die grundlegende Änderung sieht eine schrittweise Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium, mehr Sprachförderung in Kitas und Grundschulen und eine verbindlichere Grundschulempfehlung vor.

Bereits seit einigen Jahren besteht bei Schulkindern ein immer höherer Förderbedarf in Deutsch – auch für Muttersprachler. Mit einem millionenschweren Förderpaket will die Landesregierung diesem Defizit entgegenwirken, und das bereits durch gezielte Sprachförderung an Kitas und Grundschulen. Neben Deutsch sollen auch weitere Grundlagenfächer wie Mathematik und die erste Fremdsprache schon früh gefördert werden. Die sogenannten MINT-Fächer – Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – sollen insgesamt mehr Gewicht bekommen. Dasselbe soll für künftig gefragte Kompetenzen gelten, wie etwa den Umgang mit Medien oder Künstlicher Intelligenz. Auch Demokratiebildung, berufliche Orientierung und ein individuelles Unterstützungsprogramm für Schüler und Schülerinnen gehören mit zur neuen G9-Reform. Damit soll die Schule die Kinder fit für die Zukunft machen.

Viel Diskussionsbedarf gab es um die Einführung einer verbindlicheren Grundschulempfehlung, die jetzt mit dem Gesetz verabschiedet wurde. Anstelle des reinen Elternwillens gibt es künftig ein Modell aus drei Teilen: Die Lehrerempfehlung, ein Kompetenztest, der sogenannte Kompass-4-Test, und der Wunsch der Eltern. Stimmen zwei davon überein, soll das den Ausschlag geben. Wollen die Eltern ihr Kind dennoch aufs Gymnasium schicken, soll das Kind künftig einen weiteren Test absolvieren müssen. Verbindlich ist die Empfehlung allerdings nur für das Gymnasium.

Viele offene Fragen werden zunächst den Praxistest durchlaufen müssen, bevor es gegebenenfalls Nachbesserungen geben wird. Bis dahin sollten sich alle – Schüler·innen ebenso wie Lehrer·innen, Eltern und Nachhilfelehrer – auf die neuen Gegebenheiten einstellen und versuchen, die Chancen zu nutzen, die sich durch die Reform bieten.

Das neue G9 fasst fünf zentrale Punkte:

1. Basiskompetenzen: Das Beherrschen der Grundlagen ist essenziell. Darum wird ein Schwerpunkt auf die Grundlagenfächer in der Unterstufe gelegt. Konkret: Jeweils eine Stunde mehr in den Klassen 5 und 6 für die Fächer Deutsch, Mathematik und die erste Fremdsprache mit Diagnostik und Förderung in Gruppen mit passendem Leistungsniveau („flexible grouping“).

2. Die MINT-Fächer: Die Fächer Mathematik, Physik und Chemie werden besonders gestärkt. Für Klasse 7 ist ein projekthaft angelegter naturwissenschaftlicher Unterricht in Physik vorgesehen. Zudem werden die Kompetenzen im Bereich Informatik/Künstliche Intelligenz und Medienbildung in einem eigenen Schulfach für alle Schüler verankert.

3. Demokratiebildung: Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt braucht es bei jungen Menschen ein besonderes Verständnis und Achtung für die Demokratie und ihre im Grundgesetz verankerten Werte. Daher wird dieser Bereich in Klasse 11 im Fach Gemeinschaftskunde vertieft.

4. Berufliche Orientierung: Für ein besseres Verständnis der eigenen Fähigkeiten und Perspektiven wird die berufliche Orientierung im Fach Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung ausgebaut und um neue verbindliche Praktikums- und Praxiselemente ergänzt.

5. Individuelles Schüler-Mentoring: An den Übergängen von der Unter- zur Mittelstufe sowie von der Mittel- zur Oberstufe sollen Schüler in den entscheidenden Entwicklungsphasen künftig besser unterstützt werden.

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