Mutige Inszenierung ganz ohne Hexenhäuschen – Engelbert Humperdincks orchestrale Pracht, versetzt in einen verlassenen Vergnügungspark Veranstaltungstipp | 13.12.2025 | Marianne Ambs

Hänsel und Gretel

Das Märchen „Hänsel und Gretel“ nach den Brüdern Grimm begeistert seit über hundert Jahren Jung und Alt. Traditionell zu Weihnachten wird das Kultmärchen auf der Opernbühne gespielt: Engelbert Humperdinck entfaltet mit großem Sinn für das Wunderbare eine farbenreiche und fein gearbeitete Partitur, die Volkslieder, wagnerische Leitmotive und lyrische Momente miteinander verbindet.

Die LOpéra national du Rhin verdankt ihre Einzigartigkeit den drei Städten, in denen sie zu Hause ist: Straßburg, Mulhouse und Colmar. Für die Oper „Hänsel und Gretel“ kommt der Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Pierre-Emmanuel Rousseau an die Opéra zurück und präsentiert eine neue, ungewohnte Lesart von Humperdincks Meisterwerk. „Wer sagt denn, dass Märchen nur für Kinder sind?“, fragt er – und knüpft an die ursprüngliche Grausamkeit des Stoffes an. Das 2020 erstmals als Online-Premiere gezeigte Stück verzichtet auf das klassische Hexenhäuschen aus Lebkuchen und führt in eine rauere, zeitgenössische Welt. „Ich habe mich gefragt, wovon Jugendliche träumen, die nichts haben“, erklärt Rousseau. Der Wald wird so zu einem verlassenen Vergnügungspark – zugleich faszinierend und unheimlich.

Hänsel und Gretel

Anstelle der üblichen alten Hexe entwirft Rousseau eine gefährlich-verführerische Figur, inspiriert von Marlene Dietrich. Gesungen von einem Tenor in Travestie, beherrscht diese ambivalente Hexe ein dekadentes, schillerndes Kabarett voller Versuchungen und Täuschungen. Unter der musikalischen Leitung von Christoph Koncz entfaltet die Oper die ganze orchestrale Pracht Humperdincks in einer Vorstellung ohne Pause, konzipiert als kontinuierlicher musikalischer Fluss. Ein Erlebnis für die ganze Familie, Empfohlen ab 8 Jahren. Achtung: Einige Szenen könnten die Sensibilität jüngerer Zuschauer beeinträchtigen.

Hänsel und Gretel

Mutige Inszenierung ganz ohne Hexenhäuschen
L’Opéra national du Rhin
Straßburg: 15. & 17. Dezember, 20 Uhr
Mulhouse: 9. Januar 2026, 20 Uhr & 11. Januar 2026, 15 Uhr
www.operanationaldurhin.eu

Fotos: © Opéra national du Rhin