Buch-Tipp: Die Lücken – Detektivische Geister Kultur | 15.10.2026 | Erika Weisser
„Wenn wir es gewusst hätten, was hätte es geändert? Hätte unsere Mutter die Fenster geöffnet und der Sonne misstraut? Unser Vater aufgehört, den alten Nachbarn zu grüßen? Vielleicht wären du und ich aus Protest nicht mehr in dieses eine Bekleidungsgeschäft gegangen, auch wenn es das einzige im Ort war, in dem es Levi’s Hosen zu kaufen gab.“
Mit diesen unbequemen Fragen beginnt der Roman, der Shida Bazyar am 5. Oktober den deutschen Buchpreis 2026 einbrachte. Die namenlose Ich-Erzählerin, die bereits verstorben und ein Geist ist, spricht mit ihrer Schwester über das, was verschwiegen wurde in dem Dorf im Hunsrück, in dem die beiden in den 1990er-Jahren aufgewachsen sind. Als Kinder von Geflüchteten aus dem Iran.
Heimesbach ist der Name des fiktiven Orts, der überall in Deutschland angesiedelt sein könnte. Denn es geht um das Unrecht, das hier etwa lange eingesessenen jüdischen Familien angetan wurde, deren Häuser und Geschäfte „arisiert“ wurden, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Und es geht um die Mechanismen, die dazu führten, dass dieses Dorf sich bald rühmen konnte, ein judenfreies Musterdorf zu sein. Und um die oft so hartnäckig verteidigten „Lücken der Erinnerung“, die die beiden nun zu füllen versuchen.

Die Lücken
von Shida Bazyar
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 2026
512 Seiten, gebunden
Preis: 25 Euro









