Bücher für den Gabentisch Kultur | 06.12.2020 | Erika Weisser und Stella Schewe

Kuh auf Weide

Ob badische Kindheitserinnerungen aus den 1950-er Jahren, die Geschichte der Augsburger Puppenkiste oder die abgeriegelten Grenzen der Schweiz in diesem Frühjahr – mit diesen Neuerscheinungen, zum Verschenken oder Selbstlesen, kann Weihnachten kommen.

Abgeriegelt – Schweizer Grenzen im Corona-Lockdown 2020

Ein wenig verwundert schaut die Kuh auf der zu Deutschland gehörigen Weide zu dem Fotografen hin, der von Schweizer Seite aus ein Bild von dem rot-weißen Absperrband macht, das kunstvoll zu einer Art flatterndem Schlagbaum verknüpft ist. Ein Schlagbaum, der freilich nicht wie üblich hinaufgezogen oder heruntergelassen werden kann, der trotz scheinbarer Leichtigkeit und der offenbaren Vergänglichkeit seiner behelfsmäßigen Konstruktion signalisiert: Hier, an dieser Stelle auf dem schmalen Weg von Riehen nach Lörrach, verläuft eine Grenze. Und sie, die man normalerweise ohne Weiteres überquert, ist jetzt bis auf Weiteres dicht – für Mensch und Tier.

An dieser Grenze fiel Jan Sulzer lediglich einer Kuh auf, die, während ihre Weidegefährtinnen unbeirrt weitergrasten, sogar für einen Moment ihr Wiederkäuen unterbrach. An anderen Stationen seiner Reise „durch ein seltsam verlassenes Land“ zu den im März über Nacht zu Sperrgebieten erklärten Landesgrenzen der Schweiz geriet der Basler Fotograf und Autor indessen ins Visier von weniger gelassenen Zeitgenossen: Einmal, schreibt er im Vorwort zu seinem Bildband „Abgeriegelt“, habe er sich „gar von fünf Bewaffneten umringt“ wiedergefunden – von Bewachern der Grenze, „den Hütern des Absperrbands“.

Nach dieser Erfahrung des übertriebenen Aufhebens um „ein paar Bilder von selbstgebastelten Grenzbarrieren“ besorgte Sulzer sich eine amtlich beglaubigte Bewilligung. Und die verhalf ihm zur freien Fahrt an sämtliche Enden der Schweiz, die, so schien es ihm, nur durch „ein rot-weißes Plastikband“ zusammengehalten wurde – „natürlich dreisprachig“. Zu seiner Überraschung fielen ihm im Laufe der Umrundung des Landes dennoch bald kantonale Unterschiede im Grenz-Baustil auf: Während im Baselbiet die leichten Drahtkonstruktionen überwogen, waren die improvisierten Installationen im Jura aus robustem Metall gefertigt. Und in Schaffhausen bestanden die neuen Barrikaden aus massiven Beton-
elementen.

In sprechenden Bildern hat Sulzer diesen „helvetischen Ausnahmezustand“ dokumentiert – er macht vergessene Grenzen sichtbar, die vor einem Hoftor oder über einen schmalen Waldweg verlaufen. Ergänzt werden die Fotos durch Essays von Corina Caduff, Christoph Ribbat und Georg Seeßlen, die über Bildwelten der Pandemie, den Frühjahrs-Lockdown oder Assoziationen zum Thema „Grenze“ sinnieren. Ein von der Idee bis zur Umsetzung gelungenes Projekt – idealer Nachdenk-Stoff für jetzige Zeiten.

Abgeriegelt Buchcover

Abgeriegelt
Schweizer Grenzen im Corona-Lockdown 2020
von Jan Sulzer

Verlag: Benteli, 2020
142 Seiten, gebunden
Preis: 22 Euro

 

Die Kraft der Fantasie

Was haben wir sie als Kinder geliebt: Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer, Prinzessin Li Si, Kater Mikesch oder Urmel aus dem Eis. Als Marionetten erwachten sie in der Augsburger Puppenkiste zum Leben, und auch im neuen Roman von Thomas Hettche sind sie quicklebendig – jedenfalls für ein zwölfjähriges Mädchen, das ihnen nach einer Vorstellung der Puppenkiste auf einem märchenhaften Dachboden begegnet.

Dort trifft sie auch auf jene Frau, die die Figuren einst geschnitzt hat: Hannelore Oehmichen, genannt Hatü. Deren Kindheitserinnerungen bilden die zweite Ebene des Romans. Hatü berichtet von ihrem Vater, dem Schauspieler Walter Oehmichen, der während des Zweiten Weltkriegs ein Marionettentheater baute. Nachdem es 1944, in der Augsburger Bombennacht,  verbrannt war, ließ sie es nach dem Krieg zusammen mit ihren Freunden wieder auferstehen. „Herzfaden“ – übrigens der wichtigste Faden einer Marionette, der sie lebendig scheinen lässt – erzählt die spannende Geschichte dieser kleinen Bühne, erzählt aber auch von der Deportation der Augsburger Juden, vom Krieg und den Nachkriegsjahren. Und davon, was Fantasie in dunklen Zeiten bewirken kann

Herzfaden Buchcover

Herzfaden
von Thomas Hettche
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 2020
288 Seiten, gebunden
Preis: 24 Euro

 

 

 

Schwarzwald

Eine Seifensiederin, die „echt verliebt“ ist in ihre Produkte. Ein Betriebswirt, der als Miso-Hersteller japanische mit badischer Esskultur verbindet. Eine Milchbäuerin, der es weniger um Ertrag als um den Erhalt der fast ausgestorbenen Hinterwälder Rinder geht. Ein Schauspieler und Kabarettist, der mit seinem aus Traktor und Waldarbeiterwagen bestehenden Wohnmobil durch das Land tourt. Diese und 20 andere Menschen der Region porträtiert Gabriele Hennicke in ihren sehr lesenswerten Alltagsgeschichten.

Echte Schwarzwälder Buchcover

Echte Schwarzwälder
von Gabriele Hennicke

Rombach Verlag, 2020
168 S., Broschur, 18 Euro

 

 

 

Badische Kindheitsgeschichten

Günter Neidinger weiß noch genau, was er mit dem Zehnerle machte, das ihm die Großmutter manchmal zusteckte: Er verschaffte sich „einen spannenden Nachmittag“ beim Fußballspiel des VfB Bühl. Nicht wie sonst als Hinter-dem-Zaun-Gast, sondern direkt am Spielfeld. In seinen besinnlich-heiteren Kindheitserinnerungen aus der Ortenau haben auch die Lausbubengeschichten seines Schwarzwälder Großvaters ihren Platz. Und er gibt sie so wieder, wie Johann-Peter Hebel vom Zundelheiner und Zundelfrieder erzählte.

Was_tun mit Omas Zehner? Buchcover

Was tun mit Omas Zehner?
Badische Kindheitsgeschichten aus den 50er-Jahren
von Günter Neidinger
Silberburg Verlag, 2020
128 S., Broschur, 14,99 Euro

 

 

 

Der Mittelpunkt der Welt

Der 23. August 1920 war ein ganz besonderer Tag im Leben des Schangele, den wir schon in „Die Linden von Lautenbach“ kennengelernt haben: An jenem Tag kommt er nämlich als Jean Egensperger zur Welt, im knapp zwei Jahre zuvor wieder französisch gewordenen Elsass. Zu diesem 100. Geburtstag hat der Kehler Verlag Morstadt nun sein zweites, in Frankreich im Jahr 1984 erschienenes Buch „Der Hans im Florival“ übersetzen lassen und herausgebracht. 

In dem ihm eigenen, mit einer gehörigen Prise Selbstironie gewürzten, ungemein satirischen Schreibstil blickt der damals schon längst in Paris lebende „Elsässer vom Montmartre-
Hügel“ auf so manches Kindheitserlebnis in dem als Florival bekannten Tal der Lauch zurück. Er erzählt von den Ferien bei der Großmutter und den Onkeln Nicolas und Fuchs, von ersten zarten Gefühlsregungen für die Nachbarstochter Marguerite mit den vergissmeinnichtblauen Augen oder fantastischen Abenteuern mit seinem Bruder Pierri – an dem Ort, der für ihn lange „der Mittelpunkt der Welt“ blieb.

Der Hans im Florival Buchcover

Der Hans im Florival
von Jean Egen
Verlag: Morstadt, 2019
152 Seiten, gebunden
Preis: 24,80 Euro

 

 

 

Das erste Wort

„Zăpadă“ ist das rumänische Wort für Schnee. Und es ist das erste Wort, das Samuel in seinem Leben äußert. Da ist er schon fast drei Jahre alt, und alle Leute im Dorf hegen längst große Zweifel daran, dass das Kind überhaupt jemals etwas sagen wird. Auch sein Vater, der Dorfpfarrer Hannes, ist bereits unruhig geworden. Einzig die Mutter Florentine „konnte warten“. Und traut dennoch kaum ihren Ohren, als der Junge, mit dem sie ein ganz eigenes Kommunikationssystem entwickelt hat, an einem leicht schneerieselnden Wintertag zu sprechen beginnt.

„Zăpadă“ lautet auch der Titel des ersten Kapitels von „Die Unschärfe der Welt“, in dem die Freiburger Autorin Iris Wolff die drei zentralen Figuren des Romans porträtiert, anhand derer sie knapp 100 bewegte Jahre Familien- und Zeitgeschichte samt gegenseitiger Wechselwirkungen beleuchtet. Eine Geschichte, die in Siebenbürgen, am Schwarzen Meer, an der Nordsee und in Süddeutschland spielt und die viel mit geschlossenen, überwundenen und offenen Grenzen zu tun hat.

Die Unschärfe der Welt Buchcvoer

Die Unschärfe der Welt
von Iris Wolff
Verlag:
Klett Cotta, 2020
215 Seiten, gebunden
Preis: 22 Euro