Der Lack ist ab: Der Isenheimer Altar in neuem Glanz Kultur | 09.08.2022 | Erika Weisser

Isenheimer Altar

Fast vier Jahre dauerte die Restaurierung des Isenheimer Altars im Musée Unterlinden in Colmar. Nun ist Matthias Grünewalds 500 Jahre altes Meisterwerk wieder vollständig und in frischen Farben im Kirchenraum des ehemaligen Dominikanerinnenklosters zu sehen.

Zu Füßen des Heiligen Antonius, der wie ein Herrscher in der zentralen Nische des um 1490–1500 von Nikolaus von Hagenau geschaffenen Skulpturenschreins des Isenheimer Altars thront, kauern zwei Figuren; eine hält ein Huhn in den Händen, die andere trägt ein Ferkel in den Armen. Sie symbolisieren die Gaben, mit denen die im elsässischen Isenheim gelegene Präzeptorei des Antoniter-Ordens unterstützt wurde: In ihrem Klosterspital behandelten die heilkundigen Mönche Menschen, die am Antoniusfeuer litten – jener im Mittelalter gefürchteten Epidemie, die bei den Infizierten höllische Schmerzen und das Absterben von Gliedmaßen verursachte. Und da diese durch den hochgiftigen Getreidepilz Mutterkorn ausgelöste und meist tödlich verlaufende Krankheit eher die Armen traf, die ihre Behandlung nicht selbst bezahlen konnten, war der Orden auf Spenden aller Art angewiesen.

Restaurierungseffekt am Bart des heiligen Antonius

Vorher, nachher: Am Bart des heiligen Antonius wird der „erhellende“ Effekt der Restaurierung sichtbar.

Lange Zeit fehlten diese beiden Gabenbringer in dem kunstvoll aus Lindenholz geschnitzten „inneren“ Teil des weltberühmten Altars. Nach der Auflösung des Klosters im Jahr 1783 wurden seine Teile an verschiedenen Orten auf- und wieder abgebaut oder in Tresoren aufbewahrt. Dabei, gibt Chefrestaurator Anthony Pontabry Auskunft, seien etliche Teile des ursprünglichen Retabels verschwunden, andere an anderer Stelle aufgetaucht, so wie die Gabenbringer: Sie dienten eine Zeit lang als Dekoration für die Weihnachtskrippe in einer Colmarer Kirche und landeten irgendwann in Deutschland, wo sie 1912 in einer privaten Münchner Sammlung aufgefunden wurden. Das Landesmuseum Karlsruhe überließ die beiden Kleinskulpturen 1977dem Musée Unterlinden im Austausch gegen eine bedeutende gotische Figur aus dem Konstanzer Raum als Dauerleihgabe.

Der Skulpturenschrein ist nun also wieder so, wie er einst war, mit restaurierten – genauer: konservierten – Farben, mit erneuertem Blattgold und einem in himmlischem Blau gehaltenen Hintergrund, der wohl dem Original entspricht und obendrein die Figuren sichtlich besser zur Geltung bringt als das bisherige Beige. Und auch die Farben an den von Matthias Grünewald geschaffenen Gemälden sind nun, da der alte Lack ab ist, heller, frischer, transparenter. Etwa am Hauptteil des Altars (Foto links): Der Himmel der Kreuzigungsszene ist zwar immer noch düster – wie es der in den Evangelien festgehaltenen Finsternis zu Christi Todesstunde entspricht. Doch jetzt dämmert ein schwacher lichter Schein herauf, der gleichsam schon die bevorstehende Auferstehung ankündigt. Dieser Hoffnungsschimmer war lange unter den inzwischen entfernten Firnisschichten verborgen.

Fotos: © Erika Weisser, Musée Unterlinden