„Eigene Impulse setzen“ – Roland Meder über Führung, Integration und Freiburger Museen Kultur | 27.03.2026 | Lars Bargmann & Till Neumann

Roland Meder sitzt an seinem Schreibtisch. Er hat einen Bart und trägt eine schwarze Brille und einen schwarzen Anzug. Packt es an: Roland Meder wird Bürgermeister für Soziales, Integration und Kultur. Im chilli-Interview erzählt er von seinen Plänen.

Kfz-Elektriker, Abi über den zweiten Bildungsweg, Student der Forstwissenschaften, SPD-Fraktionsgeschäftsführer, auf die Seite der Stadtverwaltung ins Büro des Kultur- und Sozialbürgermeisters Ulrich von Kirchbach gewechselt, dort Büroleiter, dann Leiter des Haupt- und Personalamts (HPA) und ab 1. April Bürgermeister für Kultur, Soziales und Integration in Freiburg: Das ist der beachtliche Werdegang von Roland Meder. Die chilli-Redakteure Lars Bargmann und Till Neumann haben dem 58-jährigen Sozialdemokraten einen ersten Besuch abgestattet.

chilli: Herr Meder, was hat Sie überhaupt gereizt am Bürgermeister-Posten? Als Chef des HPA haben sie einen guten Posten und einen übersichtlicheren Terminkalender.

Meder: Auch als Personalchef einer Stadtverwaltung mit 4300 Mitarbeitenden hat man ein straffes Programm. Was jetzt für mich dazukommt sind Repräsentationsaufgaben. Repräsentation ist eine wichtige Aufgabe und ein Zeichen der Wertschätzung. Und die ist die Basis dafür, dass wir eine lebendige Bürgergesellschaft haben. Mich reizt besonders, dass das neue Amt ein Zusammenführen von verschiedenen Tätigkeiten ist, die ich teilweise bereits davor gemacht habe. Das war mal viel Politik und wenig Verwaltung, mal viel Verwaltung und weniger Politik. Was in den vergangenen fünf Jahren dazukam, ist Führung. Jetzt habe ich auch Lust, in der ersten Reihe zu stehen und meine Führungserfahrung mit dem politischen Gestaltungswillen zu verbinden.

chilli: Brücken bauen und Kompromisse erarbeiten.

Meder: Als Dezernent ist man wie zwischen Baum und Borke. Auf der einen Seite muss ich an der Seite des Oberbürgermeisters Verwaltung organisieren und auf der anderen mit den Gemeinderäten arbeiten, wo es darum geht, Mehrheiten zu finden. Und es gibt die Erwartung, eigene Impulse zu setzen.

chilli: Ulrich von Kirchbach ist sehr beliebt in der Bürgerschaft. Sind Sie auch ein Nice Guy?

Meder: Ich schätze Uli von Kirchbach sehr für seine Bürgernähe, seine Bodenständigkeit, seine Integrität und seine Verlässlichkeit. Das sind Eigenschaften, die auch für mich zählen.

chilli: Sie sind als Brückenbauer zwischen Stadtspitze, Gemeinderat und Stadtgesellschaft gefragt. Haben Sie schon eine Diplomatie-Fortbildung gemacht?

Meder: Brücken baue ich schon 20 Jahre. Was ich zuletzt gelernt habe, ist, auch mal klar Position zu beziehen und nicht nur zu verhandeln.

chilli: Sie sitzen nun mit am Steuerrad. Wohin lenken Sie?

Meder: Es ist sehr wichtig, einschätzen zu können, welche Entwicklungen auf uns gesellschaftlich zukommen. Wo werden wir in fünf oder zehn Jahren stehen? Es ist eine maßgebliche Aufgabe, insbesondere im Bereich der Integration, aber auch des Sozialen, zu überlegen, was sind die richtigen Antworten auf die Fragen der Zukunft.

chilli: Integration ist ein Marathonlauf und die Zahl der Flüchtlinge nimmt nicht ab.

Meder: Weil wir LEA-Standort (Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge) sind, müssten wir sinkende Zahlen in der Unterbringung haben. Haben wir aber nicht. Wir hatten zum Jahresende 420 in Wohnungen und 2541 Menschen in Gemeinschaftsunterkünften. Es gibt nichts, was weniger integrationsfördernd ist als eine Unterbringung im Flüchtlingsheim. Vor der Ukraine-Krise hatten wir dort eine durchschnittliche Verweildauer von sieben Jahren. Das ist zu lange. Wir müssen die Situation nutzen, die wir durch die Entwicklung von Baugebieten wie Kleineschholz, Dietenbach oder Zinklern haben. Wir müssen die Menschen aus den Unterkünften rausbekommen. Die öffentlich-rechtliche Unterbringung in Wohnheimen ist die teuerste Form.

chilli: Wie viele Menschen aus der Ukraine sind unter den knapp 3000?

Meder: Etwa 1800. Wenn Sie mich heute fragen, ob sie wieder zurück gehen, wenn der Krieg vorbei ist, dann ist es wahrscheinlich, dass ein Teil der Menschen hier bleibt. Es wird viele geben, die dann schon so lange hier leben, hier Kinder bekommen haben, zur Schule gehen, ein fester Teil unserer Gesellschaft sind und die wir hier auch brauchen.

chilli: Im Sozialbereich?

Meder: Da beschäftigt mich sehr die zunehmende Wohnungslosigkeit.

chilli: Woran machen Sie „zunehmend“ fest?

Meder: Über die Post-Ersatzadressen. Wenn Sie keine Wohnungen haben, können Sie die Post etwa an die Pflasterstub schicken oder an die Oase. Wir sind aktuell bei fast 1000 Menschen, die eine Postersatzadresse haben.

chilli: Dazu kommen die, die einfach keine Adresse haben wollen…

Meder: …so ist es. Nach der letzten Schätzung aus 2024 leben rund 200 Menschen auf der Straße, die restlichen sind in der verdeckten Wohnungslosigkeit. Wir sind mit unseren Angeboten permanent am Limit. Wir mussten jetzt erneut eine Winter-Notschlafstelle schaffen. Hier müssen wir unsere Infrastruktur weiterentwickeln. Für mich zählt das Prinzip „Housing first“. Ich kann etwa bei einem Drogensüchtigen nicht zur Voraussetzung machen, dass er erst dann eine Wohnung bekommt, wenn er clean ist. Nein, er muss erst eine Wohnung bekommen und alles andere kommt danach. Das ist eine große Herausforderung. Wir haben jetzt im Neubauviertel Innere Elben in St. Georgen ein Projekt mit Kleinstwohnungen mit 20, 25 Quadratmetern eingeleitet. Das ist ein wichtiger erster Schritt.

chilli: Wo sind die Baustellen im Kulturbereich?

Meder: Wir haben gerade ein großartiges Augustinermuseum eröffnet. Ich würde diesen Moment gerne nutzen, gemeinsam mit den Bürgermeistern und den Gemeinderäten zu überlegen, wie es mit unseren Museen weitergehen soll? Wo wollen wir mit der Museumslandschaft in zehn Jahren stehen? Wir haben noch ein Museum für Neue Kunst, das in einem unzureichenden Gebäude ist. Und ich würde gerne gemeinsam mit den Mitarbeitenden in der Stadtbibliothek, mit dem Gemeinderat und der Stadtgesellschaft die Stadtbibliothek als dritten Ort weiterentwickeln.

chilli: Was ist ein dritter Ort?

Meder: Der erste ist Zuhause, der zweite der Arbeitsplatz, der dritte einer, an dem ich mich gerne aufhalte, der konsumarm oder konsumfrei ist.

„Wir sind mit Angeboten permanent am Limit“

chilli: Die Fläche hinter der Stadtbibliothek böte Raum für eine bessere Nutzung …

Meder: Ja, aber auch vor der Stabi am Münsterplatz. Raum ist aber nur das eine. Das andere ist der Inhalt. Ich habe mir die Bibliotheken in Oslo und Dresden angeschaut, die diesen Weg schon gegangen sind. Was da passiert, hat wenig mit dem zu tun, was wir manchmal mit Bibliothek assoziieren. Es sind extrem lebendige Orte, an denen es Kultur und Bildungsangebote gibt, wo bürgerschaftliches Engagement Raum hat, wo ich meinen Hobbys nachgehen kann. In diese Diskussion würde ich gerne einsteigen.

chilli: Der Mangel an Proberäumen ist ein Dauerdiskussionsthema. Die Container im Eschholzpark, die bald mit sieben Räumen am Start sind, werden das Problem nicht beheben. Es braucht wohl mindestens 30 davon …

Meder: Wenn wir das Rettungszentrum an der Eschholzstraße fertig haben, müssen wir über das Grundstück an der Schönauer Straße reden. Das ist politischer Konsens. Die Themen Subkultur, Clubkultur und Förderung von Popularmusik haben heute einen ganz anderen Stellenwert als vor 20 Jahren.

chilli: Herr Meder, vielen Dank für dieses Gespräch.

Foto: © tln