Einst bühnenscheu, jetzt Slam-Champ – Antonia Prassers ungewöhnlicher Weg Kultur | 20.10.2026 | Till Neumann

Gewonnen: Antonia Prasser ist Freiburgs Slam-Meisterin Gewonnen: Antonia Prasser ist Freiburgs Slam-Meisterin

Texte schreibt die Freiburgerin Antonia Prasser (35) schon lange. Doch bis vor rund zwei Jahren traute sie sich damit nicht auf die Bühne. Dann zwang ihre eigene Lyrik sie ins Rampenlicht. Neuerdings ist die Psychologin Slam-Poetry-Stadtmeisterin. Ein Weggefährte lobt ihren Mix aus Humor und Schärfe.

„Ich bin als Studentin viel im Publikum gesessen“, erinnert sich Antonia Prasser. Sie habe viel selbst geschrieben, aber nie gedacht, mal auf einer Bühne zu stehen. Der Grund: Sie traute sich nicht. Kurz: „Ich war das Gegenteil einer Rampensau.“

Es kam anders. 2024 nahm sie an einem Lyrik-Wettbewerb der Heinrich-Böll-Stiftung teil. Sie gewann und bekam die Bitte aus Stuttgart: Sie soll ihren Text vortragen. Das erzählte sie dem Freiburger Comedian und Moderator Ansgar Hufnagel. Der schlug ihr vor: Üb das doch mal in der Theaterbar. Prasser sagte zu und stellte auf der Bühne fest: „Das hat richtig Spaß gemacht – und es ist schön, wenn einem Leute zuhören.“

Seit diesem Moment der Erkenntnis tritt die Psychologin regelmäßig auf. Im Sommer konnte sie das krönen mit dem Sieg bei der Freiburger Slam-Poetry-Meister·innenschaft. Im finalen Stechen brillierte sie mit dem Text „Unsichtbar“ – lyrische Kost zum Thema People Pleaserinnen. Prasser: „Es geht darum, warum sind viele Frauen so sozialisiert und was kann man tun, um da irgendwie rauszukommen?“

Antonia Prassers

Der erste Platz „fühlt sich gut an“, sagt sie. Vor allem, weil sie damit qualifiziert ist für die BaWü-Meisterschaften im kommenden Jahr. Ein nächster Schritt Richtung ihres kleinen Traums, einmal an den deutschsprachigen Meister·innenschaften teilzunehmen.

Ideen für Texte kommen Prasser meist spontan. Die schreibt sie auf und bastelt irgendwann aus vielen kleinen Teilen ihr nächstes Werk. Thematisch mag sie Feministisches. Aber auch Trauer und Verlust widmet sie sich häufiger. „Ich kann nicht den kompletten Klamauk schreiben“, betont Prasser. Themen müssen sie berühren, sie muss dafür brennen.

Ihre Entwicklung verfolgt Ansgar Hufnagel schon länger. Der Künstler und Kleinkunstveranstalter ist begeistert: „Sie kann einfach gut schreiben.“ Mit fast jedem Text komme eine neue Facette hinzu. Sie traue sich heute mehr, auf der Bühne aus sich rauszugehen, sich als Frau ihren Platz zu nehmen. Und schaffe es bravourös, Themen mit viel Humor anzugehen – und dabei nicht an Schärfe zu verlieren.

Prasser ist es wichtig, unvorhersehbar zu sein. Die Zuhörenden überrascht sie gerne mit Wendungen in ihrer Poesie. Und sich selbst auch hin und wieder: Den Text fürs Finale der Stadtmeisterschaften hat sie in allerletzter Sekunde ausgewählt. Und damit ins Schwarze getroffen.

Sie feiert das Gefühl, wenn ein Text fertig ist. Oder wenn sie Feedback erreicht, dass ihre Poesie jemanden berührt. Sich als Frau auf Bühnen mit ernsten Texten zu etablieren, nimmt sie als Herausforderung wahr.

Ihr Talent fürs Schreiben, Reden und Psychologie möchte sie verstärkt einsetzen: Prasser will sich beruflich selbstständig machen als freie Rednerin. Neben Poetry Slams ist sie so auch auf Hochzeiten, Trauerfeiern oder Firmen­events anzutreffen. 

Fotos: © Der letzte Gerhard, Sina Rappold