Freispielen: Freiburger Häftlinge kicken gegen Fußballer von außen SPECIALS | 28.10.2016

Die zwei Fußballmannschaften des Freiburger Gefängnisses haben zum Turnier geladen und vier Teams von außerhalb sind gekommen. Für die Fußballer der JVA geht es um viel mehr als die Titelverteidigung. Sie wollen sich für einen Tag freispielen.

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Nur auf dem Fußballplatz der freie Mann: Kapitän Serdar* sitzt seit 18 Jahren

Vor den roten, mit Stacheldraht bepflanzten Sandsteinmauern des Freiburger Gefängnisses steht eine Gruppe junger Männer in Trainingsanzügen und mit Sporttaschen; sie wollen hinein. Ein Beamter hinter Sicherheitsglas kontrolliert die Ausweise. Er überprüft, wer auf der Liste steht. Es geht in einen Vorraum. Dort wieder warten, Smartphones und Geld ablegen und einschließen. Dann durch eine Sicherheitstür, durch eine Sicherheitsschleuse, durch eine zweite Sicherheitstür in einen zweiten Vorraum.

Die Fußballer von außerhalb sind angespannt. Sonst werden vor den Spielen nur die Stollen kontrolliert. Die Witze überspielen das. Wenn einer in den Kontrollen länger braucht, wird er gefragt: »Behalten sie dich da?«

Eine uniformierte Beamtin führt die Gruppe auf den Gefängnishof, dort hat das Turnier schon angefangen. Man weiß, dass es dauern kann, bis die Gäste drinnen sind. Auf einem eingezäunten Tartanplatz geht’s zur Sache: Fünf gegen Fünf. Dahinter sind Schachtische, Tischtennisplatten, ein Tennisfeld, ein Basketballplatz. Auch dort werden heute die Besten gesucht. In den Zellen, die ein Fenster zum Hof haben, sind die Gefangenen auf die Heizungen gestiegen, um zuzuschauen. Das Sportfest der JVA ist für die Insassen ein besonderer Tag. Nur dieses eine Mal im Jahr verbringen sie mehrere Stunden unter freiem Himmel. Sonst muss eine Stunde Hofgang am Tag reichen.

Auf dem Platz im Gitterkäfig steht Serdar*. Der hagere Kapitän der Gefängnismannschaft ist mit Mitte 40 der Älteste. In seinen schwarzen Haaren zeigen sich die ersten grauen Stellen. »Er ist der Mann zwischen mir und den übrigen Häftlingen«, sagt Harald Lorkowski, der Sportverantwortliche der JVA. Lorkowski schiebt in seiner blauen Adidas-Jacke eher eine ruhige Kugel. Er ist für einen Scherz mit seinen Jungs zu haben, sagt aber klar an, wann der Spaß vorbei ist.

Seit 18 Jahren sitzt Serdar, seit 10 ist er Sportwart des Fußballteams. Er weiß genau, wie wichtig der Fußball für die Jungs im Gefängnis ist: »Irgendwann gehst du ein, wenn du nicht schaust, dass du was machst, dass du aktiv bist.«

Nur wer in der gefängniseigenen Wäscherei oder Tischlerei mitarbeitet, darf auch beim Gruppensport mitmachen. Jeden Donnerstagabend trainieren die Jungs in der Gefängnissporthalle. Gemeinsam mit Lorkowski sucht Serdar dann die Spieler aus; nicht jeder schafft es ins Team für das Turnier. Es zählt nicht nur, wie gut jemand spielt, sondern auch wie fair man auf dem Platz ist. Ein Foul wiegt hier drinnen schwerer als draußen. Wer einmal verwiesen wurde, muss eine Zeit lang daran kauen, bevor er von Lorkowski eine zweite Chance bekommt. Trotzdem sind die Erwartungen groß, die letzten acht Mal hat das erste Team der JVA das Turnier gewonnen.

Fußball im Gefängnis

Hinter Gittern: Mit Mord trägt Serdar besonders schwer.

Wofür seine Mitspieler eingewandert sind, möchte Serdar gar nicht mehr wissen. Er hat wie alle hier sein eigenes Päckchen zu tragen. Die Wenigsten wollen das der anderen mitschleppen. Mit Mord trägt Serdar besonders schwer. Sich selbst konnte er durch den Glauben vergeben: »Nur wenn mir Gott vergibt, kann ich mir auch selbst vergeben.« Nach 9/11 beginnt er, sich mit dem Islam auseinanderzusetzen, seiner Religion. Er kann nicht verstehen, wie jemand im Namen seines Gottes so etwas tun kann. Er gründet im Freiburger Gefängnis einen Gebetskreis. Es gibt in Baden-Württemberg zwar Gefängnispfarrer, Gefängnisimame aber keine. Serdar findet, das ist längst überfällig.

Das Gefängnis Freiburg ist für solche Gruppen und Bildungsangebote bekannt. Hier kann man Schulabschlüsse nachmachen, sogar ein Fernstudium beginnen. Haidar*, ein Teamkollege aus der Mannschaft der JVA, sagt im Scherz: »Wir Häftlinge hier in Freiburg sind alle gebildeter als unsere Wärter.«

Aber die Gruppen sind nicht unproblematisch. Das Bedürfnis der Gefangenen nach sozialer und körperlicher Aktivität ist groß, die Ressourcen sind beschränkt. Nicht jeder Insasse kann teilnehmen. Ein Antrag muss gestellt und dieser angenommen werden. Durch neue Zellenverschlusszeiten, also Zeiten, in denen die Häftlinge auf der Zelle eingeschlossen werden, finden die Gruppenaktivitäten seit Kurzem später am Abend statt. Gruppen wie die für Theater fallen weg, weil die ehrenamtlichen Mitarbeiter von außerhalb zu den Zeiten nicht mehr kommen können. Es habe sich zwar einigermaßen eingependelt, trotzdem seien die neuen Schließzeiten noch ein heikles Thema, so Lorkowski.

Heute merkt man den schweren Jungs aber nichts an von den täglichen Knastsorgen. Sie sind ziemlich leichtfüßig, auf und neben dem Platz. Es gibt ganze gegrillte Hähnchen, die sonst viel zu teuer wären. Es wird gescherzt: »Der Hauptpreis des Turniers ist Haftentlassung.« Am Mittag dürfen die Familien der Gefangenen zu Besuch in den Hof. Dort werden Runden gedreht, untergehakt im Kreis um den Platz: der Knastspaziergang.

Für Frederik Winkelkotte, der mit dem Team der Katholischen Hochschule Freiburg gekommen ist, sind seine Gegner auf dem Platz aus der JVA ganz normale Menschen: »Ich denke da nicht daran, was für ein Verbrechen die begangen haben. Es gibt keinen Grund, etwas vorsichtiger zu spielen als sonst.«

Und dann reicht es am Ende nicht ganz für den »1. FC JVA«. Das Team der »Athleten für Christus« ist dieses Mal zu stark. Für den zweiten Platz gibt es trotzdem einen Preis, den Lorkowski aus den Gefängniswährungen Kaffee und Zigarettentabak zusammengestellt hat. Bei der Übergabe nimmt Haidar das Mikrophon und ruft: »Freies Kurdistan!« Lorkowski lächelt ein wenig und sagt dann: »Na, keine Politik hier.«

Vogelperspektive: Der Freiburger Knast von oben

Vogelperspektive: Der Freiburger Knast von oben

Nach dem Turnier bleibt nur noch wenig Zeit für die Gäste. Die Gefangenen müssen wieder auf die Zellen. Serdar wischt ein paar Bänke vom Regen frei und lädt seine Besucher ein, sich zu setzen. Er tut es wie jemand, der seine Gäste bei sich zu Hause empfängt.

Am Abend spielt Deutschland gegen Italien, EM-Viertelfinale. Das Spiel muss jeder für sich auf der Zelle schauen. Der gefängnisinterne Tipp steht bei 7:1, mit einem Augenzwinkern, so wie vieles an diesem Tag. Dann führen Justizvollzugsbeamte die Besucher hinaus. Erst nachdem die Zellen verschlossen und alle Insassen gezählt sind, dürfen sie durch die Kontrollen zurück durch das Haupttor auf die Straße, auf die freien Füße. Erst draußen, erst auf dem Fahrrad, erst beim Eisessen auf der Theatertreppe wird klar, was es bedeutet, so einfach aus den Mauern herausspazieren zu können.

* Die Namen der Häftlinge wurden geändert

Text: Hannes Currle; Fotos: Hannes Currle & Felix Holm