Ausgefeiert: Freiburgs Clubsterben ist auf dem Höhepunkt STADTGEPLAUDER | 19.08.2016
Passage 46, QU, BalzBambii und Klangraum mussten ihre Türen schon schließen. Schmitz Katze hat neulich Insolvenz angemeldet. Der ehemalige Club Kamikaze stand – nach Klagen der Anwohner – jahrelang leer und wird jetzt nur noch als Bar weitergeführt. Und nun hat auch BarTasia, eine Bar mit regelmäßigen Tanzveranstaltungen am Wochenende, dicht gemacht. Der nächste Club, der seine Diskokugel abhängen muss, könnte das White Rabbit sein – vom Rotteckring-Umbau bedroht. In Freiburg herrscht Katerstimmung. Rigides Baurecht und kaum Fördermöglichkeiten machen den Clubs zu schaffen. Auch Freiburgs Diskobesuchern scheint die Lust auf Party vergangen zu sein.
Freitagnacht. HipHop-Party im White Rabbit. Eardrum-DJ Christian Koch alias DJ Kefian steht an den Plattentellern und legt US-Rap-Platten der 90er auf. Der Kopf nickt, doch keiner tanzt: Gegen Mitternacht ist das „Rabbit“ gähnend leer. Am Eingang warten ein paar Versprengte und schlürfen Bier. Will keiner mehr feiern?
Freiburg hat aktuell neun Diskotheken und neun Gaststätten, in denen regelmäßig getanzt werden darf. Doch die Zahl sinkt schon seit Jahren: Clubs wie 18 month – einigen wohl noch besser bekannt als F-Club –, Harmonie, KGB Klub, Klangraum oder der Cult Club unter dem Kaufland existieren heute nur noch in der Erinnerung. Sie wurden nicht – wie so viele andere – von einem neuen Club verdrängt, sondern sind heute zu mieten, stehen leer oder haben dem Einzelhandel Platz gemacht.
Die Bewegung setzt sich auch in jüngerer Zeit fort: Auf Kamikaze, QU und Passage 46 soll ebenfalls kein Club mehr folgen. Das Baurecht schiebt hier einen Riegel vor. „Wir werden die Passage 46 jetzt nicht wieder verpachten, sondern verschiedene Formate testen“, sagt Barbara Mundel, Intendantin des Freiburger Theaters.
Im sonst geschlossenen QU-Club darf momentan einmal im Monat gefeiert werden. Die wohl letzte QU-Party steigt am 27. August, Mitte September will Filipos Klein hier eine Shisha-Bar eröffnen. Auch das ehemalige Kamikaze wandelt sich vom Club zur Bar. Boris Gröner, ehemaliger Barchef der Passage und der Hemingway Bar, will im Herbst eine klassische Cocktailbar mit selbst kreierten Drinks und Klassikern à la Manhattan eröffnen. Zwar ist geplant, dass auch im „One Trick Pony“ am Wochenende DJs auflegen, allerdings nur zur Untermalung: Eine Tanzfläche soll es nicht geben.
Pfeift Freiburg auf sein Nachtleben? „Wenn es – wie in Teilen der Innenstadt – um eine Stärkung der Wohnnutzung geht, ist es auch zur Vermeidung von Konflikten erforderlich, Vergnügungsstätten inklusive Diskotheken auszuschließen“, sagt Rathaussprecherin Edith Lamersdorf. „Gesteuert wird dieses Ziel unter anderem durch den Ausschluss von Vergnügungsstätten in Bebauungsplänen.“
„Ich habe das Gefühl, dass die Stadt die Interessen der Anwohner überhöht“, so Sergio Schmidt, Stadtrat für Junges Freiburg. Oft drifte die Diskussion in eine Opfer-Täter-Darstellung ab, mit den bösen Clubbetreibern auf der einen Seite und den lärmgeplagten Opfern auf der anderen. Anstatt beide Seiten gegeneinander auszuspielen, sei jedoch eine Lösung nötig, wie man die Interessen aller wahren könne. Hinzunehmen sei das Clubsterben nicht: „Der Rückgang der Clubs ist dramatisch, schließlich sind sie eine wichtige Alternative zur Hochkultur, die ja massiv staatlich gefördert wird.“
Förderungen – etwa in Form eines Mietzuschusses wie ihn das Jazzhaus oder das Crash erhalten – sind in Freiburgs Nachtleben die Ausnahme. Und das, obwohl auch Clubs wie Schmitz Katze mit seinen Theaterveranstaltungen und Konzerten sicherlich eine Rolle in der Kulturlandschaft spielen. Kulturlisten-Stadtrat Atai Keller sieht den Gemeinderat in der Pflicht, das zu überdenken: „Im Moment fehlen uns die Kriterien, um zu beurteilen, wann ein Club eine Förderung bekommen sollte. An das Thema müssen wir als Gemeinderat ran, Freiburg darf kein ruhiges Paradies für alternde Menschen werden.“
Eine Studie der HafenCity Universität Hamburg zeigt: Sowohl als touristischer Anziehungspunkt als auch bei der Wahl für einen Studienort spielt das Nachtleben eine Rolle. Ob eine Stadt als urban oder provinziell wahrgenommen wird, hängt stark mit ihrem Nachtleben zusammen.
In welche Richtung sich Freiburg entwickelt, wird momentan in sogenannten Stadtteilleitlinien festgehalten. Während die Handlungsempfehlungen für die Innenstadt noch in Arbeit sind, kann man bei den Linien für den Stühlinger bereits feststellen, dass hier von einer Förderung des Nachtlebens keine Rede ist. Im Gegenteil: „Die Begrenzung der Öffnungszeiten von Vergnügungs- und Gaststätten aus Rücksicht auf die Anwohner“ oder „Die Vermeidung der Verlagerung der lärm- und nachtlebenbedingten Probleme aus der Innenstadt (Bermudadreieck) in den Stühlinger“ sind nur zwei formulierte Forderungen. „Man kann nicht die Clubs schließen und gleichzeitig die jungen Menschen von der Straße treiben – wo sollen die denn hin?“, moniert Keller.
Freiburg ist nicht die einzige Stadt, der die Clubs wegsterben. „Das Kölner Clubsterben scheint nicht aufzuhalten zu sein“ heißt es aus der Rheinmetropole, „Ausgerockt im Talkessel“ titelt die Taz über Stuttgart, und in Düsseldorf fragt man sich: „Nachtclubs – wo seid ihr alle hin?“ Bundesweit ist immer wieder vom Clubsterben die Rede.
Sind Diskos out? Flirtet man heute lieber per App als in der Disko? Laut aktuellem Freizeit-Monitor der Stiftung für Zukunftsfragen besuchen 59 Prozent der jungen Erwachsenen mindestens einmal im Monat eine Diskothek – Singles mehr als doppelt so häufig wie Paare. Doch die Zahl ist seit Jahren rückläufig: 2010 gingen noch 70 Prozent regelmäßig tanzen.
Auch der neueste Todesfall im Freiburger Nachtleben hatte mit ausbleibenden Gästen zu kämpfen: die BarTasia, vormals bekannt als Guten Abend oder Freiburg Bar. Hier wird die Schließung zwar auf Facebook noch mit einer „Sommerpause“ erklärt, auf chilli-Anfrage bestätigt der Besitzer, Mekong-Gastronom Le Van Hoang, jedoch, dass der Pachtvertrag gekündigt sei.
Die Insolvenz von Schmitz Katze führt deren Inhaber Gerrit Kossmann ebenfalls auf die niedrigen Besucherzahlen zurück. Bis Ende September sei der Betrieb gesichert, so Insolvenz-Sachbearbeiterin Ines Vogelsang, darüber hinaus sei noch alles offen. Der Eigentümer des Geländes, Jürgen Lange-von Kulessa, einer der Verpächter des Katze-Areals, bestätigt, dass der Mietvertrag momentan noch läuft. „Wir würden uns freuen, wenn es weitergeht“, so Lange-von Kulessa. „Schmitz Katze war für das Areal eine Bereicherung.“
Des einen Leid könnte des anderen Freud sein: Das Jugendkulturzentrum Artik sucht seit Monaten fieberhaft einen neuen Standort. Seit dem Auszug aus der Unterführung am Siegesdenkmal Ende März hat das Team um Geschäftsführer Konstantin Rethmann übergangsweise Obdach im ADAC-Gebäude am Karlsplatz gefunden. Schmitz Katze wäre eine gute Option, sagt Rethmann. Ende Juli hat der Gemeinderat die Stadtverwaltung beauftragt, die Räumlichkeiten zu prüfen. Artik-Mitglied Sergio Schmidt ist hin- und hergerissen: „Für das Artik wäre es eine tolle Möglichkeit. Man muss aber auch bedenken, dass dadurch ein weiterer Club wegfällt.“ Auch Rethmann hätte beim Aus von Schmitz Katze ein weinendes Auge. Selbst wenn das die Existenz seines Vereins retten könnte.
Er, der zuletzt Demos für Freiräume in Freiburg organisiert hat, sieht die Entwicklung kritisch: „Wenn es in Freiburg ein Verständnis für Party- und Szenekultur gibt, dann ist das sehr rudimentär.“ Das merke man bei allem, was man aufbauen wolle.
Doch auch das Partyvolk selbst trägt zum Untergang der Clubs bei: Laut einer Befragung des Portals virtualnights gibt ein Großteil der Unter-Dreißigjährigen im Monat weniger als 50 Euro fürs Ausgehen aus. Den Trend hat auch Rainer Trüby ausgemacht. „Die Akzeptanz, für einen namhaften DJ zehn bis zwölf Euro auszugeben, ist nicht mehr so groß“, sagt das Freiburger DJ-Urgestein. Das Internet tue der Partykultur nicht gut. „Durch Spotify und illegale Downloads scheint Musik kostenlos verfügbar“, findet der Rootdown-Macher. Die Leute kauften sich lieber im Supermarkt ein paar Drinks und feierten mit eigenen Boxen im Freien. In der Schweiz seien 25 Franken für einen DJ-Abend kein Problem. „Irgendwie sind die Freiburger da schon etwas knausrig“, sagt Trüby.
Festival-Veranstalter Bela Gurath kann sich darüber nicht beklagen. Sein Sea-You-Festival am Tunisee im Juli war bestens besucht: Rund 20.000 Leute in zwei Tagen. Die Tagestickets gab’s für rund 40 Euro. „Dass die Freiburger knausrig sind, kann ich nicht unterschreiben“, sagt Gurath. In seinem Line-up sind Stars wie Robin Schulz, die Gagen seien in den vergangenen Jahren aber extrem gestiegen. 20.000 Euro könne sich kaum ein Clubbetreiber leisten. In der Freiburger Bar- und Clublandschaft sieht Gurath eine „Einöde“. Die Stadt sei zurzeit unterversorgt. „Es braucht mutige junge Leute, die aufstehen und das Risiko nicht scheuen“, fordert er. „Es braucht neue Trübys und Guraths.“
Auch Eardrum-DJ Kefian sieht Veränderungen in der Feierkultur: „Die Leute sind etwas faul geworden“, sagt der 40-Jährige. Acht Minuten mit dem Rad ins Waldsee seien manchen schon zu weit. „Sie wollen lieber, dass Revolverheld zu ihnen ins Wohnzimmer kommt – am besten mit 20 Liter Freibier.“
Feiernde wollten von der Infrastruktur der Clubs profitieren, seien aber nicht bereit, sechs oder sieben Euro für einen guten Act zu zahlen, findet Kefian. „Sie bringen ihren Alk mit, deponieren ihn um die Ecke und saufen sich mit Sprudel und Korn zu.“ Zudem pflege Freiburg sein Saubermann-Image. „Man geht schon gerne früh zu Bett und will durchschlafen. Da wird Rücksicht drauf genommen.“
„In Freiburg werden alle Ecken und Kanten geschliffen“, stimmt Stadtrat Keller zu. „Viele, die eine Nische besetzt haben, gehen dabei unter.“ Geschliffen wird derzeit auch am Rotteckring: Die Straßenbahn fährt bald vom Fahnenbergplatz ans Siegesdenkmal. Aus diesem Grund musste das Artik die Unterführung verlassen. In selbiger ist auch das White Rabbit. Ein weiteres Opfer? „Die Zeichen mehren sich, dass es nicht mehr auf ewig gut gehen kann. Noch ist aber nichts konkret für das Rabbit“, heißt es dort. Und weiter: „Wer weiß, wie’s weitergeht, wenn erst das Motel 0815 fertig ist?“ Gemeint ist das Motel One, das im Februar am Siegesdenkmal eröffnen soll und dann Freiburgs größtes Hotel wird.
„Wer weiß, wie lange es in Freiburg überhaupt noch Clubs gibt und somit auch uns?“, hatte DJ Kefian vor der Eardrum-Party im White Rabbit auf Facebook gepostet. Seine HipHop-Party am Abend lässt aber hoffen. Gegen 1 Uhr strömen immer mehr Leute in den Club. Um 2 Uhr ist die Tanzfläche brechend voll. Beerdigt wird hier höchstens der Stress von der Arbeitswoche.
Update am 7. September 2016: Auch dem Rufuetto droht nun das aus. „Die Stadtverwaltung hat jetzt dem kleinen Kellerclub Ruefetto in der Oberau den Diskobetrieb verboten“, berichtet die Badische Zeitung. Grund ist eine fehlende Konzession als Vergnügungsstätte.
Text: Tanja Bruckert & Till Neumann / Fotos: © Till Neumann & Laura Wolfert











