Ernährung als Chance? – Neue Studie zu ADHS und Autismus macht Hoffnung Gesundheit | 06.03.2026 | Marianne Ambs
Am Universitätsklinikum Freiburg wird derzeit ein spannender Ansatz erforscht, der vielen Familien neue Hoffnung geben könnte: Kann eine gezielte Ernährungsumstellung die Symptome von ADHS und Autismus lindern? Genau dieser Frage geht eine deutschlandweit einzigartige Studie nach – und sucht dafür noch teilnehmende Kinder und Jugendliche.
Im Mittelpunkt steht die sogenannte oligoantigene Diät, eine zeitlich begrenzte Weglassdiät. Untersucht wird, wie sich eine veränderte Ernährung nicht nur auf die Verhaltenssymptome, sondern auch auf die Mundgesundheit sowie auf Entzündungswerte im Blut und Speichel auswirkt. Teilnehmen können Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 18 Jahren mit einer gesicherten ADHS- und/oder Autismus-Diagnose, die derzeit nicht medikamentös behandelt werden oder bereit sind, ihre Medikation für die Studiendauer zu pausieren.
Wenn der Alltag zur Herausforderung wird
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist die häufigste psychiatrische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. In Deutschland sind schätzungsweise rund fünf Prozent der Drei- bis 17-Jährigen betroffen, Jungen etwa viermal so häufig wie Mädchen. Konzentrationsprobleme, Impulsivität und starke Unruhe prägen den Alltag vieler Familien. Konflikte in Schule und zu Hause sind keine Seltenheit. Nach der Diagnose folgt häufig eine medikamentöse Behandlung – ein Schritt, mit dem sich nicht alle Eltern wohlfühlen.
Autismus hingegen ist eine angeborene neurologische Entwicklungsstörung, die Betroffene ein Leben lang begleitet. Erste Anzeichen zeigen sich meist vor dem dritten Lebensjahr. Autistische Kinder haben häufig Schwierigkeiten, komplexe Informationen zu verarbeiten, was sich besonders im sozialen Miteinander bemerkbar machen kann. Auch hier sind Jungen zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Mädchen.
Kann Ernährung Symptome beeinflussen?
Viele Eltern berichten von einem Zusammenhang zwischen Ernährung und Verhalten ihres Kindes. Tatsächlich wurde dieser Zusammenhang bereits in verschiedenen Studien beschrieben. Das Forschungsteam um Professor Christian Fleischhaker, kommissarischer Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter am Universitätsklinikum Freiburg, möchte nun genauer untersuchen, welchen Einfluss bestimmte Lebensmittel auf die Symptome haben.
„Die Veränderung der Ernährung kann bei nahezu zwei Drittel der Kinder mit ADHS zu einer deutlichen Verbesserung der Symptome führen. Durch Erkennen von individuellen Lebensmittel-Unverträglichkeiten und Vermeidung dieser Lebensmittel kann eine sehr deutliche Besserung im Verhalten und der Aufmerksamkeit erzielt werden“, so Professor Fleischhaker.

Pommes oder Gemüse? Die Ernährung beeinflusst die Symptome bei ADHS.
Die oligoantigene Diät gilt als gut erforschter Ansatz, um mögliche Nahrungsmittelunverträglichkeiten aufzudecken. Frühere Untersuchungen zeigten, dass rund 60 Prozent der teilnehmenden Kinder mit ADHS von einer deutlichen Verbesserung ihrer Symptome profitierten. Auch bei Autismus wurden bereits positive Effekte auf Verhaltensauffälligkeiten beobachtet. In der aktuellen Studie wird erstmals systematisch geprüft, ob bestimmte Nahrungsmittel auch bei Autismus als Auslöser oder Verstärker von Symptomen infrage kommen.
So läuft die Studie ab
Zu Beginn steht eine vierwöchige, streng kontrollierte Diät mit ausgewählten Lebensmitteln, die nur selten allergische Reaktionen auslösen. Zeigt sich in dieser Phase eine deutliche Verbesserung – mindestens 30 Prozent weniger Symptome –, beginnt der zweite Schritt: Nach und nach werden gewohnte Lebensmittel wieder eingeführt. So lässt sich beobachten, ob einzelne Nahrungsmittel eine Verschlechterung des Verhaltens oder des allgemeinen Befindens auslösen.
Nach etwa 16 Wochen erhalten die Familien eine individuelle Ernährungsempfehlung. Lebensmittel, die sich als problematisch erwiesen haben, sollen für etwa ein Jahr gemieden werden. Anschließend ist eine Nachuntersuchung geplant.
Die Veränderungen der Symptome werden mithilfe verschiedener Fragebögen dokumentiert, die sowohl von den Eltern als auch von den Kindern ausgefüllt werden.
Wer kann teilnehmen?
Gesucht werden Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 18 Jahren mit gesicherter ADHS- und/oder Autismus-Diagnose, die mindestens die zweite Klasse einer allgemeinbildenden Schule besuchen. Da es sich derzeit um eine individuelle Gesundheitsleistung (iGeL) handelt, entstehen den Familien Kosten.
Unabhängig von der Studienteilnahme ist das Diätprogramm grundsätzlich auch unter fachärztlicher und ernährungsmedizinischer Begleitung möglich.
Für viele Familien, die sich Alternativen oder Ergänzungen zur medikamentösen Therapie wünschen, könnte dieser Forschungsansatz neue Perspektiven eröffnen – und vielleicht zeigen, wie groß der Einfluss unserer täglichen Ernährung tatsächlich ist.
INFO
Kontakt für betroffene Familien: Prof. Dr. Hans-Willi Clement
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter Universitätsklinikum Freiburg
Telefon: 0761/270 69040
E-Mail: hans-willi.clement@uniklinik-freiburg.de









