Menschliche Abgründe: Beyeler zeigt erstmals Bacon und Giacometti zusammen Kultur | 28.04.2018 | Valérie Scholten
Sie sind beide Protagonisten der Klassischen Moderne. Freunde und Rivalen gleichermaßen. Bei Francis Bacon war es das gemalte Porträt, bei Alberto Giacometti die dreidimensionale Figur, welche die figurative Darstellung des Menschen immer wieder aufgriff.
Ihre Werke haben die Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich verändert. Zum ersten Mal widmet sich eine Museumsausstellung beiden Künstlerpersönlichkeiten gemeinsam und zeigt Parallelen – aber auch Unterschiede ihres Schaffens.
Mit Giacometti und Bacon präsentiert die Fondation Beyeler diesen Sommer zwei Grenzgänger von Kunst und Gesellschaft, die erst auf den zweiten Blick zusammenpassen. Die Idee für die einzigartige Sommerausstellung entstand schon vor rund drei Jahren im Caffè Florian auf dem Markusplatz in Venedig. Die Kuratoren Catherine Grenier, Direktorin der Fondation Giacometti in Paris, Michael Peppiatt, Bacon-Kenner und persönlicher Freund des Künstlers, und Ulf Küster, Kurator an der Fondation Beyeler, möchten in der etwa 100 Werke umfassenden Ausstellung nun die Intentionen Giacomettis und Bacons sichtbar, erfahrbar machen.

Grand Tête Mince (1954), Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris © Succession Alberto Giacometti / 2018, ProLitteris, Zurich
„Beide haben immer an der menschlichen Figur festgehalten“, beschreibt Co-Kurator und Kunsthistoriker Ulf Küster eine besondere Parallele beider Künstler, die sich von Anfang an als „Realisten“ verstanden haben. Obgleich auch ihr Verständnis über die Darstellung der Wirklichkeit unterschiedlich war: Giacometti etwa versuchte die Dinge zu reproduzieren, wie er sie sah. Bacon hingegen wollte menschliche Emotionen durch Verfremdung und Verzerrung seiner Motive darstellen. Dennoch verbindet beide die Suche nach der einmaligen und unabänderlichen Wahrheit in ihrem Schaffensprozess.
Die Schlüsselrolle, wenn es um die Gemeinsamkeiten beider Künstler geht, spielte die Malerin Isabel Rawsthorne. Sie unterhielt mit beiden Künstlern eine enge Freundschaft und war zeitweilig die Geliebte Giacomettis. Sie stand beiden Modell und arrangierte das erste Treffen in London.

Triptychon, Three Studies for Portraits (Including Self-Portrait) (1969), Private Collection, © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved / 2018, ProLitteris, Zurich
Bacon und auch Giacometti interessierten sich für die Probleme der zweidimensionalen und dreidimensionalen Darstellung von Raum und Bewegung.
Beide isolierten ihre Figuren von der Umgebung, indem sie käfigartige Gebilde in ihre Werke einbezogen. Beide beschäftigten sich mit dem fragmentierten und deformierten Körper und beide nutzten das Porträt als Stilmittel, um die menschliche Individualität darzustellen. Die dunklen Seiten der Sexualität, Einsamkeit und Melancholie sowie der Hang zu menschlichen Abgründen faszinierte sie. „Bacon ist sehr expressiv. Er hat seine Modelle stark verfremdet“, so Küster, „Giacometti hingegen hat Emotionen wie Schmerz subtiler gezeigt, indem er seine Figuren bis auf ihre zeichenhafte Struktur reduzierte.

Portrait of Michel Leiris (1976), Centre Georges Pompidou, Musée National d‘Art Moderne, Schenkung Louise und Michel Leiris, 1984 © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved / 2018, ProLitteris, Zurich Photo: © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand-Palais / Bertrand Prévost
Neben Skulpturen wie „Grand Tête Mince“ (Zweites von oben), „Le Nez“ oder „Femme de Venise“ von Alberto Giacometti und dem bekannten „Triptychon“ (Erstes von oben) von Francis Bacon wird es auch multimediale Ausstellungselemente geben. Durch übereinander gelegte Fotografien bekommen die Besucher einen Eindruck der Ateliers beider Künstler. Der niederländische Mediendesigner Christian Borstlap projiziert die kleinen und chaotischen Künstlerateliers in Echt-Maß in die Ausstellungsräume der Fondation Beyeler und macht so den Künstler-Kosmos ein Stück greifbarer.
Info:
Bacon – Giacometti
29. April bis 2. September
Fondation Beyeler, Riehen/Basel









