Keine Lust auf Hinterherheulen – Fritzi Haberlandt brilliert in der Rolle einer unerschütterlichen Pragmatikerin 4Film | 29.07.2025 | Erika Weisser
Wilma ist Mitte vierzig und lebt in einem Dorf, dessen Name nicht einmal eine Erwähnung wert ist. Zu öde ist es hier, zu menschenleer, zu strukturschwach. Und der Ort ist auch gleichsam typisch für die ganze brandenburgische Lausitz Ende der 1990er-Jahre: Riesige stillgelegte Tagebau-Kohlegruben prägen die wie tot wirkende Landschaft, dazwischen ragen längst verlassene Produktionshallen und andere ruinöse Industriebauten trostlos in den Himmel.
In einem dieser ehemaligen VEB-Kombinate hat Wilma einst gearbeitet, wurde zur Elektrikerin, zur Schlosserin und zur Maschinenführerin ausgebildet. Doch jetzt ist der Betrieb seit Jahren geschlossen. Anders als ihr arbeitsloser Ehemann Alex und ihre Freundinnen, mit denen sie im Blaumann Revierführungen für eher erhoffte denn anwesende Touristen anbietet, hatte sie noch Glück: Aufgrund ihrer zahlreichen Qualifikationen ist sie als Regaleinräumerin in einem Baumarkt beschäftigt. Doch der schließt auch irgendwann – mangels Kundschaft.

Die Entlassene wischt sich mit dem Unterarm ein paar Tränen aus den Augen und rennt zu ihrer besten Freundin Doris. Freilich kommt sie nicht wirklich bei ihr an: Durch das offene Küchenfenster erblickt sie diese beim Spaghetti-Kochen – ebenso splitternackt wie Ehemann Alex. Sie macht kehrt, wischt wieder kurz über die Augen und lässt sich nichts anmerken, als sie die beiden später unabhängig voneinander trifft. Sie teilt ihnen lediglich mit, dass sie nun auch keinen Job mehr hat.

Und sie haut ab. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen fährt sie nach Wien, wo sich ihr früherer Lover Martin eine selbstständige Existenz aufgebaut hat. Der kann ihr zwar eine Wohnmöglichkeit in einem Gartenhaus bieten, aber keine Arbeit: Wie sich bald herausstellt, gehört „seine“ Firma seiner eifersüchtigen Ehefrau. Und er ist finanziell auf sie angewiesen. Die pragmatische Wilma lässt sich indessen nicht beirren. Obwohl sie kaum mit den Wienern, ihrer Sprache und deren Spitzfindigkeiten zurechtkommt, nervt die eigentlich wortkarge, in bürokratischen Dingen Erfahrene eine Mitarbeiterin des Jobcenters so lange, bis sie ihr eine Sprechstunde gewährt. Und ihr nach der Aufzählung all ihrer Zertifikate verrät, wo der „Handwerkerstrich“ für Schwarzarbeiter ist.

Als einzige Frau stellt sie sich dort an – und landet prompt wieder in einem Baumarkt.
Und von dort in allen möglichen anderen Jobs. Doch sie gibt nicht auf, beißt sich durch und mietet sich in eine freakige, ziemlich trinkfeste WG ein. Und lernt bei einem ihrer Jobs irgendwann Anatol kennen, mit dem wohl mehr anzufangen ist als mit Alex. Mit dem sie – spröde wie immer – am Ende ebenso abrechnet wie mit Doris. Eine gleichermaßen wundersame wie selbstverständliche Selbstbehauptung – brillant gespielt von Fritzi Haberlandt.

Wilma will mehr
Deutschland 2024
Regie: Maren-Kea Frese
Mit: Fritzi Haberland, Xenia Snagowski, Thomas Gerber, Meret Engelhardt, Valentin Postlmayr u.a.
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 112 Minuten
Start: 31. Juli 2025











