Ein einsamer Zauberer – Paveł Pawlikowski begleitet Thomas Mann bei seiner ersten Reise nach Deutschland Kinonews | 01.09.2026 | Erika Weisser

Vaterland

Mit „Vaterland“ legt Paveł Pawlikowski einmal mehr einen Film vor, der sich mit den Wirren der Geschichte, mit dem Exil und mit dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit beschäftigt. Doch während die Figuren seiner bisherigen Arbeiten fiktiv waren, verbindet der Oscar-Preisträger in diesem Werk „einen dramatischen historischen Moment mit einer ganz besonderen persönlichen Geschichte“: Im Mittelpunkt stehen Thomas Mann und seine eigensinnigen ältesten Kinder Erika und Klaus, die in ein komplexes familiäres Dreiecksdrama verstrickt sind.

Im Juli 1949, zu Johann Wolfgang Goe­thes bevorstehendem 200. Geburtstag, verleiht die Stadt Frankfurt am Main dem Schriftsteller Thomas Mann den Goethe-Preis. Aus diesem Anlass kehrt der Literaturnobelpreisträger und wichtigste deutsche Autor des 20. Jahrhunderts nach 16 Exiljahren in der Schweiz und den USA zum ersten Mal in sein Heimatland zurück – in Begleitung seiner ältesten Tochter, der Schauspielerin, Autorin und Kabarettistin Erika Mann.

Vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs reisen die beiden durch ein gespaltenes Land: Nach der Preisverleihung geht die Reise im imposanten schwarzen Buick über Stuttgart und Nürnberg aus der amerikanischen weiter in die sowjetische Besatzungszone: In Weimar nimmt Mann den dort verliehenen Goethe-Nationalpreis entgegen. Die Reise durch das in Trümmern liegende Land ist trostlos, zumal man sich auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze Worte des Trostes und der Vergebung erhofft. Ausgerechnet von dem Schriftsteller, der ausgebürgert wurde und der vom Exil aus unermüdlich in Reden, Artikeln und Radiosendungen zum Widerstand gegen das Naziregime aufgerufen hatte.

Zwischen euphorischen Wagner-Erben, literarisch versierten Generälen und völkischen Goethe-Verehrern wird Thomas Mann hofiert und manchmal auch beschimpft, kommt mit seiner ehemaligen Heimat nicht mehr zurecht. Zumal das Drama seiner eigenen Familie leise eskaliert: Die Nachricht vom Suizid des ebenfalls ins Exil gejagten und als Befreiungssoldat zurückgekehrten ältesten Sohns Klaus Mann in Cannes erschüttert ihn zusätzlich. Doch darüber sprechen kann er nicht. Erika, die ihrem Bruder näher stand als allen anderen Familienmitgliedern, leidet indessen sichtlich an dem beredten Beschweigen seines Tods, der bereits im Mai erfolgte, im Film jedoch erst während der Reise geschieht.

Wie Pawlikowski selbst sagt, habe er sich bei der Bearbeitung und Darstellung des Stoffs „einige Freiheiten hinsichtlich der historischen Fakten und ihrer Chronologie genommen“. Er und sein Team hätten sich indessen „bemüht, der emotionalen und intellektuellen Wahrheit der Geschichte treu zu bleiben“. Die Jury der Filmfestspiele in Cannes 2026 hat der Film, der Persönliches, Historisches und Fiktives auf sich gegenseitig bereichernde Weise miteinander verbindet, jedenfalls überzeugt: Sie verlieh ihm einen der Hauptpreise: den Preis für „Beste Regie“. 

Vaterland

Vaterland
Polen, Deutschland 2026
Regie: Paweł Pawlikowski
Mit: Hanns Zischler, Sandra Hüller, August Diehl, Devid Striesow, Joachim Meyerhoff, Fritzi Haberlandt u.a.
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 82 Minuten
Start: 3. September 2026

Fotos: © Neue Visionen