Auf der Suche nach wilden Orchideen in der REGIO Freizeit in der Region | 12.05.2019 | Wolfgang Speer

Brandknabenkraut

Seit Jahrhunderten bezaubern Orchideen die Menschen. Bis heute haben sie nichts von ihrem Reiz verloren. Auch die REGIO bietet wildwachsenden Orchideen noch viele Lebensräume.

Wer in Südbaden wilde Orchideen sucht, darf sich freuen, denn die Landschaft vom Rhein über Kaiserstuhl, Vorbergzone und zum Hochschwarzwald bietet für die filigranen Pflanzen ideale Bedingungen. Dies sind Trockenwiesen und Magerrasen, aber auch magere Feuchtwiesen, Ränder der Moorgebiete und naturnahe Waldsäume. Viele bekannte Orchideen lassen sich bereits im April auffinden: die ersten Knabenkräuter, später die Ragwurze und im Sommer die Stendel- und Händelwurze.

Doch wer kennt sie alle? Schlau- machen zahlt sich aus, gerade bei wilden Orchideen. Mit etwas Wissen über diese Pflanzen lassen sich deren Lebensräume gezielt entdecken und die Arten sicher bestimmen. So sind Zeichnung, Form und Farbe für die Bestimmung maßgebend. Doch die wilden Schönheiten bilden ähnliche Unterarten, hier erleichtern praktische Taschenbücher die Einordnung.

Schon im März zeigen sich die ersten Anzeichen von Orchideen. Auf vielen Magerwiesen haben sich tief im Gras die Blattrosetten der bekannten Knabenkräuter gebildet: Kleines-, Brand-, Helm-, Affen- und Pyramidenknabenkraut. Die Pflanze versorgt sich von Knollen, die sogenannten Ausdauerungsorgane, die das Überleben der Orchideen sichern. Um sie ranken sich so manche Weisheiten, die bis auf die griechische Mythologie zurückreichen: Orchis war der Sohn eines Satyrs und einer Nymphe, der in jungen Jahren wegen eines Fehltritts in viele Teile zerrissen wurde. Durch Gebete des Gottes Dionysos wurde er in eine Pflanze verwandelt, die seinen Namen trägt. Dass Frauen die saftigen Knollen essen sollen, um einen Knaben zu gebären, lässt sich in alten Schriften finden, und bis ins späte Mittelalter galten die Knollen als Aphrodisiakum.

Orchideen im Taubergießen

Ein guter Ausgangspunkt für die Suche nach den wilden Schönheiten ist der Orchideenweg im Taubergießen. In Kappel-Grafenhausen steuert man den Parkplatz Saukopfbrücke an. Eine Infotafel verweist auf den Themenweg. Schon nach wenigen Metern überraschen hier erste Orchideen. Bereits Mitte April lassen sich Helmknabenkräuter finden oder – ähnlich aussehend – eine Gruppe des Kleinen Knabenkrauts. In warmen Jahren kann man schon frühzeitig das Breitblättrige Knabenkraut, das Pyramiden- oder das mit rotem Schopf auffallende Brandknabenkraut entdecken.

Der April ist auch der Startmonat für die kleine Spinnenragwurz. Ein Grund ist die südliche Lage, wo sich der Boden zeitiger erwärmt und das Wachstum anregt. Um Ragwurze zu finden, geht es auf den Wegen des Orchideenpfads weiter in Richtung Rheindamm. An den Schrägen des Dammes wachsen sie im Gras versteckt. Nach längerem Suchen steht sie da, zierlich und weniger bunt als erwartet. Der Stängel tarnt sich grün, die Blütenblätter heller. Die Lippe ist braun mit gelbem Rand und wird von einem dezenten, silberglänzenden „H“ geschmückt. Blütenform und Duftstoffe locken männliche Insekten an. Sie übertragen Pollen auf andere Orchideen und bestäuben diese.

Mit Beginn des Sommers darf man sich auf weitere bildschöne Arten im Taubergießen freuen: zum Beispiel das Gefleckte Knabenkraut, die Mücken-Händelwurz und ab Juli die seltene Breitblättrige Stendelwurz, die bis in den August blüht. Sie überrascht durch ihren langgestreckten Blütenstand und eine Größe von bis zu 80 Zentimetern. Die Pflanze liebt schattige Plätze und wird deshalb manchmal übersehen. Die attraktiven Hummel- und Bienenragwurze lassen sich ab Ende Mai in den Wiesen und am Rheindamm finden.

Wer im Taubergießen den Ohnsporn entdeckt, hat großes Glück, denn die unscheinbare Orchidee ist selten. Die Rispen sind länglich, die Blütenfarbe kann je nach Standort zwischen Gelb und dunklem Rot variieren. Die Blüte erinnert zunächst an einen runden Helm. Zusammen mit der Lippe entsteht jedoch eine Form, die an eine Puppe erinnert. Das hat dieser Pflanze auch den Namen Puppenorchis eingebracht.

Der Kaiserstuhl und das Liliental

Um Mitte Mai die Fliegenragwurz zu finden, muss man an die Südhänge des Kaiserstuhls, denn diese frühe Art gedeiht auf Halbtrockenrasen mit deutlich warmem Klima. Fliegenragwurze sind die zartesten Orchideen, die in der REGIO wachsen. Sie werden bis zu 35 Zentimeter hoch, mit schlanker Blütenform. Die dunkel-rötliche Lippe ist gespalten und trägt ein grau-bläuliches Mal. Nur ein gutes Auge findet diese Schönheit in der Tiefe der Gräser. Auch sonst geizt der Kaiserstuhl nicht mit Orchideen. So lassen sich hier eine Vielzahl der bekannten Knabenkräuter und Ragwurze finden, darunter auch das Männliche Knabenkraut oder die Waldvögelein-Arten.

Frauenschuh

Der Frauenschuh gilt als schönste heimische Orchidee.

Andere attraktive Orchideen sind im Liliental zu Hause. Eine große Wiese mit Schönheiten wie dem Großen Zweiblatt und der Violetten Dingel findet sich in Richtung Neunlindenturm. Um das Große Zweiblatt zu finden, gilt es genau hinzuschauen. Diese Pflanze ist überwiegend grün, lediglich die Blüten haben eine gelbliche Färbung. Sie zu bestimmen fällt leicht: Der Stängel treibt aus der Mitte zweier Blätter und die Lippe ist zweigespalten. Hier oben ist auch dem Waldrand Beachtung zu schenken: Wenn schneeweiße Blüten im Schatten leuchten, dann hat sich hier das Schwertblättrige Waldvögelein angesiedelt. Ein Höhepunkt für Orchideenliebhaber ist die Breitblättrige Stendelwurz, die hier an schattigen Stellen nicht selten ist. Da sie später austreibt, lohnt sich eine Tour etwa Anfang Juli.

Die schönste heimische Orchidee ist jedoch der Gelbe Frauenschuh. Doch leider ist der „Schuh“ am Kaiserstuhl verschwunden. Kleine Gruppen sind nur noch in Waldbereichen um Hüfingen zu finden. Interessant ist die lange Entwicklung zur blühenden Pflanze: Erst nach etwa vier Jahren zeigt sich ein erstes grünes Blatt, frühestens nach sieben Jahren beginnt die Bildung von Blüten.

Trotz der noch so zahlreichen Orchideenarten, die in der Region siedeln, sind alle Arten gefährdet. Der Rückgang der Feuchtgebiete hat zum Beispiel das Breitblättrige Knabenkraut oder die Sumpf-Stendelwurz deutlich reduziert. Auch Klimaveränderungen und Trockenzeiten wirken sich auf diese Pflanzen aus. Trotzdem lohnt es sich, die verschiedenen Orchideen-Reviere zu besuchen. Ohne Ausnahme stehen alle wildwachsenden Orchideen unter Naturschutz: Deshalb sollte man die Wege nicht verlassen und die Finger von den Pflanzen lassen, auch wenn sie noch so verführerisch aussehen. Man belohnt sich damit selbst, um auch zukünftig diese Schönheiten bestaunen zu können.

Fotos: © Wolfgang Speer