REGIOschönheit: Die Stadt Neuenburg und ihre wechselvolle Geschichte Freizeit in der Region | 18.07.2019 | tas

Ob man Neuenburg in drei Jahren noch wiedererkennen wird? Eine umgestaltete Innenstadt, ein Rheinufer mit Liegewiesen und natürlich nicht zuletzt das Landesgartenschaugelände, das bis zur Ausrichtung 2022 die Stadt an den Rhein heranrücken soll – die Markgräflergemeinde ist im Wandel wie wohl kein anderer Ort in der REGIO.

Sonntagmittag. Auf dem Rathausplatz sitzen Familien unter den Platanen und essen Eis. Eine ganze Gruppe älterer E-Bike-Fahrer stellt die Räder ab und macht es sich an den Tischen vor einem Bistro bequem. Kinder spielen im Brunnen. Der Platz ist an diesem Tag gefüllt mit Ausflüglern, immer wieder stoßen neue hinzu. Die Platanen, die plätschernden Brunnen, die autofreien Bereiche – das hat Flair. Urlaubsstimmung. Und das, obwohl Neuenburg am Rhein mit keiner historischen Altstadt punkten kann, keinen Fachwerkhäusern, keinen charmanten alten Gebäuden.

Warum das so ist, wird Besuchern im Museum für Stadtgeschichte schnell klar. Regelmäßig begrüßt Stadtführer Daniel Orth hier Gruppen und erzählt die tragische Geschichte der „Pechstadt“. Um 1175 gegründet, war Neuenburg eigentlich eine Zähringerstadt, wurde aber nur wenige Jahrzehnte später von den Habsburgern übernommen. Damals war Neuenburg nicht eines von vielen Örtchen im Markgräflerland, sondern hat in einer Liga mit Freiburg gespielt. Die Freie Reichsstadt war ziemlich wohlhabend: Markt-, Münz- und Fischereirecht, ein beeindruckendes Münster, politische Bedeutung weit über die Region hinaus.

Dann, 1525, das erste große Unglück: Ein Rheinhochwasser – Neuenburg lag direkt am Ufer des damals noch nicht begradigten Flusses – spült ein Drittel der Stadt weg, darunter auch das Münster. Es folgt 1618 der Dreißigjährige Krieg, nach dem nur 76 Bewohner in ihrer Heimat verbleiben. Und die Pechsträhne geht weiter: 1675, der Holländische Krieg, Neuenburg wird zerstört. 1704, der Spanische Erbfolgekrieg, Neuenburg wird abermals zerstört. Diesmal wird die Stadt dem Erdboden gleichgemacht, kein Stein steht mehr auf dem anderen. Zehn Jahre lang ist es den Bewohnern verboten, ihre Stadt wiederaufzubauen. Danach ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Trotzdem erholt sich das Gemeinwesen, selbst der Tourismus hält Einzug: Bis 1940 ist Neuenburg ein gern besuchter Ort, wie es heute etwa Staufen ist.

Das alles ändert sich wieder schlagartig, als in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1940 die Bomben fallen. Neuenburg ist die erste Stadt, die im Zweiten Weltkrieg bombardiert wird. Der Ort versinkt im Chaos, es brennt an allen Ecken und Enden, nur eine Handvoll Häuser übersteht den Angriff. Und trotzdem: Wie schon so viele Male bauen die Neuenburger ihre Stadt wieder auf. Heute führt Orth seine Gruppen aus dem Museum zu den wenigen alten Gebäuden, die überdauert haben – das alte Schul- und Rathaus, in dem heute die Stadtgeschichte gezeigt wird, ist eines davon.

Noch ist Neuenburg 800 Meter vom Rhein entfernt. Die Landesgartenschau 2022 soll das ändern.

Es geht jedoch noch älter. Nur ein paar hundert Meter neben dem belebten Rathausplatz klafft ein großes Loch im Boden. Was zunächst nach verlassener Baustelle aussieht, offenbart auf den zweiten Blick eine Besonderheit: Alte Mauern erheben sich aus der trockenen Erde. Eine paar Eidechsen huschen darüber, dazwischen haben sich schon wieder die ersten Pflänzchen ausgebreitet. Ab 2014 hat ein Team der archäologischen Denkmalpflege Freiburg hier vier Jahre lang ehemalige Gebäude freigelegt, die teils bis auf die Gründungszeit der Stadt zurückgehen.

Ein Teil der Fundstücke ist archiviert und gesichert, ein anderer Teil wird in die neue Bebauung integriert, denn ab kommendem Jahr soll an dieser Stelle ein Wohn- und Geschäftsgebäude hochgezogen werden. Das Besondere: eine acht Meter breite Passage, mit Glaselementen, durch die man auf den ältesten Keller blicken kann. Es ist nicht die einzige Stelle, an der Bürgermeister Joachim Schuster die Geschichte der Stadt wieder aufleben lassen möchte. Um den Verkehr möglichst weit aus dem Ort herauszuhalten, plant er eine Tiefgarage nördlich der Innenstadt, nahe einem See mit Park: dem Wuhrloch. Das Gebäude soll die alte Silhouette der Stadt widerspiegeln – den Teil, der einst durch das Hochwasser fortgerissen wurde.

Auf der Garage ist ein Platz geplant, der den Umriss des ehemaligen Münsters zeigt. Von hier aus geht es dann über eine Brücke und einen Turm über die B378, sodass man bequem zu Fuß den Rhein erreichen kann. Das Parkhaus ist nur Teil einer groß angelegten Stadtentwicklung. Neuenburg hat ehrgeizige Pläne: Vier große städtebauliche Maßnahmen stehen in den nächsten drei Jahren an. Sie alle sollen ineinandergreifen und nicht nur die Innenstadt attraktiver machen, sondern den ganzen Ort wieder näher an den Rhein rücken.

Die ersten Bauarbeiten haben bereits begonnen, Ende 2021 ist Deadline. Schließlich will die neu gestaltete Gemeinde im Jahr darauf mit der Landesgartenschau rund 750.000 Besucher anlocken. „Wir haben uns entschlossen, alle vier Projekte zu bündeln“, erzählt Schuster. „So haben wir in drei Jahren alles kombiniert, anstatt auf lange Zeit immer wieder Baustellen.“ Zwar laufe alles planmäßig, die vielen Bauarbeiten seien aber durchaus ein Kraftakt für die kleine Gemeinde: „Jetzt kommt es knüppeldick.“ Eines der Projekte ist Neuenburgs alte Mülldeponie. Sie schließt sich an das Gelände der Schau – zwischen Rhein und Autobahn – an. Seit 15 Jahren ist sie stillgelegt, die Renaturierung läuft seit Langem. In den nächsten Jahren soll der Hügel nun für die Öffentlichkeit zugängig werden.

Geplant sind Wanderwege, ein Trimm-dich-Pfad, eine Aussichtsplattform oder ein Haus der Begegnung, in dem die Besucher über Mülltrennung und Umweltschutz informiert werden. Wer von hier aus weiterschlendert, erreicht bald das Rheinufer – ebenfalls eines der Projekte. Hier hat sich schon am meisten getan. Die anfallenden Ausgleichsmaßnahmen des Integrierten Rheinprogramms zur Renaturierung und zum Hochwasserschutz, die entlang des kompletten Oberrheins anfallen, hat Neuenburg gebündelt. So sind bereits Liegewiesen, eine Aussichtsbrücke und Terrassen zum Ufer entstanden. Daneben wurden die dichten Gehölze ausgelichtet, sodass man den alten Bauhafen erkunden kann.

Das Gelände wird angenommen: Kinder plantschen an diesem heißen Sommermittag im Wasser, Hundehalter führen ihre Tiere Gassi, Radfahrer treten auf den topfebenen Wegen in die Pedale. „Uns war es wichtig, diese Maßnahme vorzuziehen“, sagt Schuster, „wir wollten schon mal zeigen, was entstehen kann.“ Das Ergebnis sei eine gute Grundstimmung in Bezug auf die Landesgartenschau. „Ich habe das Gefühl, die Leute freuen sich darauf, was kommt.“

Auch wenn die Schau die Gemeinde einen ordentlichen Batzen Geld kostet. Allein in die Umgestaltung des Geländes fließen fünf Millionen Euro aus der Stadtkasse. Das Land beteiligt sich mit demselben Betrag. Reichen wird es vermutlich trotzdem nicht. Denn dort, wo momentan noch der Mohn leuchtend rot blüht, haben Experten bereits auf knapp 40 Hektar das Gelände auf Kampfmittel untersucht. Und sie sind fündig geworden: 4,5 Tonnen an Granaten und Munition mussten sie beseitigen. „Wir hatten befürchtet, dass einiges gefunden wird, aber diese Dimension hat uns auch überrascht“, sagt Schuster. Mehr als eine Million Euro hat allein die Kampfmittelbeseitigung gekostet – Geld, das die Stadt von ihrem Budget abzweigen muss.

Dazu kommen die Kosten für die Durchführung wie Veranstaltungen und Schaugärten. Auch hierfür rechnet die Stadt mit rund fünf Millionen Euro, wobei die Hälfte davon durch Eintrittsgelder, Sponsoring oder Gastronomielizenzen wieder eingespielt werden soll. Dass die bisher geplanten 7,5 Millionen aus der Stadtkasse ausreichen, erwartet Schuster nicht mehr: „Wir werden weitere Kredite aufnehmen müssen.“ Lohnen sich die Kosten? Der Bürgermeister ist davon überzeugt. Denn auch wenn die Schaugärten nach sechs Monaten verblüht und die mehr als 3000 Veranstaltungen von Insektenschutz bis Elektromobilität vorbei sind – das Gelände bleibt erhalten. Es wird die Stadt sicherlich nicht nur für seine Bewohner aufwerten, sondern auch für die Besucher. Wahrscheinlich werden die Eiscafés auf dem Rathausplatz noch ein paar Tische mehr aufstellen müssen: Neuenburg ist auf dem besten Weg von der Pech- zur Glücksstadt.

Veranstaltungen

7. Juli, 11.15 Uhr Stadt- und Museumsführung
ab Museum für Stadtgeschichte, kostenlos

12. bis 15. Juli, 11 bis 1.30 Uhr Nepomukfest
Feststraße mit Musik der Musikvereine und Tanzbands

21. Juli, 11.15 Uhr Brunnenführung
ab Brunnen „Monument“ auf dem Rathausplatz, kostenlos

27. Juli bis 17. August, je samstags 19.30 Uhr

26. Sommergarten

27.7. The Teddyshakers, 3.8. Panama Music,

10.8. Acoustic Fun Orchestra, 17.8. Freibier-Partyband

Fotos: © Geskes&Hack Berlin, © Stadt Neuenburg