Von Hollywood ins Holzfällerdorf – Roadtrip Kanada, Teil I: Von Toronto über Ottawa nach Montreal Reise-Special | 26.07.2026 | Lars Bargmann
Toronto
Er ist schon lange vor der Landung nicht zu übersehen und eines der sieben modernen Weltwunder: Der CN Tower ist das mit 553 Metern höchste freistehende Gebäude des amerikanischen Doppelkontinents, städtebauliche Dominante und Wahrzeichen von Toronto. Auf dem Weg nach Downtown wettert der Taxifahrer unaufhörlich gegen die Uber-Konkurrenz, bis der Fahrgast dem ein Ende macht: „Ich sitz ja nun in deinem Wagen, erzähl mir lieber was über deine Stadt.“
Toronto, herrlich gelegen am Lake Ontario, ist die größte Stadt Kanadas mit rund drei Millionen Einwohnern. Die Metropolregion zählt knapp sieben Millionen. T.O. ist weltweit einer der führenden Finanzplätze, hat nach London und New York City die drittgrößte Theaterszene im englischsprachigen Raum. Und das „Hollywood des Nordens“ hat nach New York und Mexiko-City auch das drittgrößte öffentliche Nahverkehrssystem Nordamerikas. Und nach New York auch noch die meisten Hochhäuser auf dem nordamerikanischen Kontinent.

Kanadas Nordosten: Der St.-Lorenz-Strom entwässert die Großen Seen zum Atlantik. Mit einem Abfluss von rund 10.000 Kubikmetern pro Sekunde.
Aktuell im Bau ist etwa der Pinnacle SkyTower: 106 Stockwerke, 352 Meter vom Scheitel bis zur Sohle. Wenn er fertig ist, ist er das höchste bewohnbare Gebäude Kanadas. Spitze müssen allerdings auch die Vermögen derjenigen sein, die dort ein Apartment kaufen wollen. Allein in Downtown gibt es mehr als 100 Wolkenkratzer, die höher als 100 Meter sind. Durchaus beeindruckend. Nicht nur, wenn man von den Bahamas aus anreist.

Toronto
Ich drücke dem Taximann noch einen Schein in die Hand und stehe vor meinem Hotel (Soho) – mit nur 15 Stockwerken ist das hier vergleichsweise eine schnucklige Wiehre-Villa. Später Richtung Waterfront, über die Gleise vor der durchaus sehenswerten Union Station. Mir kommen Tausende Menschen in blauen Trikots und breitem Grinsen entgegen. Die Blue Jays spielen direkt neben dem CN Tower im Rogers Centre. Baseball. Hinter Eishockey und Football der beliebteste Sport der Kanadier. An diesem Abend haben die Jays die Minnesota Twins mit 10:4 aus dem Stadion gehauen. Die Fans singen laute Lieder in den Nachthimmel.

Die Waterfront mit ihrem „Music Garden“ ist ein sehr attraktiver Anziehungspunkt in der Stadt. Von hier aus kann man mit kleinen Wassertaxis zu den Toronto Islands übersetzen – und hat vom anderen Ufer aus den besten Blick auf die Skyline. Bissiger Wind weht dem Fahrgast ins Gesicht. Der Captain erzählt, dass vor wenigen Wochen noch 20 Grad minus herrschten. Macht das Gesicht aber auch nicht wärmer. Am nächsten Tag sind in T.O. 23 Grad, zwei Tage später robbt sich das Thermometer mühevoll auf 3 Grad.
Auf der Insel, auf der auch der City-Airport liegt, ist es Ende März außerhalb der Saison ruhig. Auf der Südseite ragt eine Seebrücke in den Lake Ontario. Von hier aus sieht es so aus, als stünde man am Ufer eines Ozeans. Der See ist mit 18.960 Quadratkilometern Fläche etwa 35-mal so groß wie der Bodensee – oder fast so groß wie Hessen. Und dabei nur der kleinste der fünf Großen Seen im Grenzgebiet zwischen den USA und Kanada.

Über die Niagara-Fälle fließt das Wasser in den Lake Ontario, den Haus-See Torontos. Der ist übrigens 19 Mal so groß wie der Bodensee.
Gespeist wird er aus dem Eriesee, der seine Wassermassen durch die Niagara-Fälle in den Lake Ontario donnert. Einen Abstecher dahin muss man machen. Rund um die beiden Fälle haben Vergnügungsfixierte aber so etwas wie ein Little Vegas gebaut. Immer stark gewöhnungsbedürftig, wenn die „Kultur“ der Natur so sehr auf die Pelle rückt.
Zurück in die Stadt der Neighbourhoods. Neben der Old City sicher sehenswert: der Distillery District. Mitte des 19. Jahrhunderts florierte das Backstein-Viertel, dann verlotterte es, dann wurde es Filmkulisse, heute ist es wieder hip mit Galerien, Boutiquen und Bars und gilt als besterhaltenes Gebäudeensemble industrieller Architektur aus der viktorianischen Zeit in ganz Nordamerika. Nur einen Kilometer entfernt lockt der St. Lawrence Market – die National Geographic kürte ihn mal zum „weltbesten Lebensmittelmarkt“ – Tag für Tag Hunderte Hungrige.

Waterfront Toronto: Wo gläserne Türme auf historische Gebäude treffen.
Auch sehenswert ist das Viertel Kensington Market, im frühen 20. Jahrhundert ein armes jüdisches Viertel, nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Immigranten von den Azoren, aus der Karibik, Ostasien, Vietnam, Lateinamerika und Afrika. Heute ist die mithin in doppelter Hinsicht farbenfrohe Nachbarschaft ein vitaler Tummelplatz der Kreativen mit kleinen Kneipen, trendigen Boutiquen, Galerien.
An der Waterfront ist das Amsterdam Brewhouse eine der raren Institutionen, in denen man direkt am Wasser gut trinken und essen kann. Das geht auch im 360-Grad-Restaurant im CN-Tower auf 351 Metern Höhe – mit der beeindruckendsten Aussicht auf die Metropole. Die im politischen Sinne keine ist, denn Kanadas Hauptstadt liegt 450 Kilometer nordöstlich. Und ist ein krasser Gegensatz zu T.O.

Toronto
Wir sind auf dem Weg nach Ottawa, fahren lange am Ufer des Lake Ontario bis nach Kingston, wo der Sankt-Lorenz-Strom in den See mündet. Wer hier Halt machen möchte, sollte hoch aufs Fort Henry und wenn dort der Sonnenuntergang naht, gibt es eine sowohl sehens- als auch hörenswerte Zeremonie. Nur die Älteren werden sich daran erinnern, dass Kingston sogar mal Kanadas Hauptstadt war – von 1841 bis 1844. Über Smith Falls geht es in die aktuelle Hauptstadt.

Der CN Tower ist mit 553 Metern das höchste freistehende Gebäude Amerikas.
Ottawa strahlt Ruhe und Beschaulichkeit aus. Der dichte Nebel, der die Stadt seit zwei Tagen fest im Griff hat, verstärkt das auf wundersame Weise. Mit einer langen Liste von Sehenswürdigkeiten kann Kanadas Kapitale nicht aufwarten. The Heart of the City ist der Parliament Hill. Nicht nur im Nebel erinnern die neogotischen Gebäude mit dem 98 Meter hohen Peace Tower an eine Harry-Potter-Szenerie.
Auf dem Platz vor dem Regierungsgebäude steht ein Brunnen, der tatsächlich Feuer und Wasser spuckt und damit einheimische Jugendliche und Touristen anlockt. Die Ottawa Locks (eine Schleusenkaskade) verbinden den die Stadt durchfließenden Rideau Canal mit dem 25 Meter tiefer liegenden Ottawa River. Im Winter friert der Kanal zu und ist dann, so heißt es, die längste Eisbahn der Welt.

Hauptstadt: Queen Victoria verlieh Ottawa Mitte des 19. Jahrhunderts dieses Privileg.
Über die kunstvolle Alexandra Bridge kann man auf die andere Seite nach Gatineau gehen, der zwar kleinen, aber nachtschwärmerischeren Schwester von Ottawa, wo die Besucher das architektonisch (Douglas Cardinal) beeindruckende Canadian Museum of History empfängt. Über die Portage Bridge, vorbei an Victoria Island, die gerade neu als Konzertstätte kreiert wird, geht es zurück in die Stadt, die von Queen Victoria 1857, Ottawa war damals nicht viel mehr als ein Holzfällerstädtchen, kurzerhand zur Hauptstadt erklärt wurde – zum Schrecken fast aller Kanadier. Nicht zuletzt der Presse.
Das Beste an Ottawa, sagten Regierungsvertreter noch bis in die 10er Jahre hinein, sei die Zugverbindung nach Montréal. Doch erstens war es eine durchaus weise Entscheidung der Königin, weil Ottawa genau auf der Grenze zwischen dem sich eifersüchtig beäugenden englischen und dem französischen Kanada liegt. Und zweitens hat sich das „Mauerblümchen“ Ottawa in den vergangenen 10, 15 Jahren rasant entwickelt und eine Museumslandschaft, die so gar nicht mauerblümchenlike ist.

Blickfang: Der beeindruckende Peace-Tower vor dem Centre Block auf dem Parliament Hill wird derzeit renoviert.
Von Ottawa nach Montréal. Wer die Gaudi liebt, kann zwei Stunden nordwestlich von Ottawa nach Beachburg fahren und findet sich im Rafting-Mekka Ostkanadas wieder. Wir aber fahren weiter ostwärts, im Norden recken sich die Laurentides in die Höhe, der höchste Gipfel auf knapp 1000 Metern ist am Mont-Tremblant. Im Winter ein beliebter Ski-Hotspot. Der Parc national du Mont-Tremblant hat über 500 (!) kleine, teilweise miteinander verbundene Seen: Kanu, Kajak und Camping gehören hier zum Alltag wie schnelle Wetterwechsel. Die felsige Berglandschaft wurde vor 10.000 Jahren durch das Abschmelzen der Gletscher geschliffen.
Auf der Weiterfahrt nach Montreal gibt es viele kleine unaufgeregte Städtchen mit nicht weniger großartigen Gasthäusern. Im Dumont-Reiseführer heißt es, es gebe „eine so hohe Dichte erstklassiger Restaurants wie man es in Europa eigentlich nur aus dem Elsass kennt“.

Versponnen: Das Kunstwerk „Maman“ ist mit neun Metern Höhe die größte Skulptur der Künstlerin Louise Bourgeois.
Um den Lac des Sables arrondieren sich die herrschaftlichen Villen des kanadischen Geldadels, am Lac Rond findet man in Sainte-Adèle ein Künstlerdorf, in Saint-Sauveur-des-Monts eine Mischung aus Künstlerkolonie und deutschem Luftkurort, bis wir von Norden unser nächstes Etappenziel, bis wir Montréal erreichen. Spätestens ab hier wird in Kanada französisch parliert.









