Grosse und dunkle Zeiten: Das Illenau Arkaden Museum in Achern Kultur | 29.02.2020 | Stella Schewe

IllenauArkadenMuseum

Erst Psychiatrie, dann französische Kaserne, heute Rathaus, Wohnungen und Werkstätten – die Illenau in Achern hat eine wechselvolle Geschichte. An sie erinnert ein ganz besonderes Museum, das im März seinen fünften Geburtstag feiert.

„Von Bürgern für Bürger“ – diese Überschrift im Museumsflyer bringt es auf den Punkt: Ohne den Einsatz der Bürgerinitiative, die sich 1992 angesichts des bevorstehenden Abzugs der französischen Streitkräfte gebildet hatte, wäre das Museum nie entstanden. Und vermutlich wäre das parkähnliche Areal auch nicht in Besitz der Stadt gelangt, die Illenau nicht das, was sie heute ist: ein lebendiger kleiner Stadtteil mit einer Begegnungsstätte als Herzstück. In ihr bilden ein Bistro, in dem Menschen mit und ohne Handicap arbeiten, und das Museum eine räumliche Einheit.

Errichtet haben beides engagierte Bürger in Eigenregie, ohne städtische Mittel. Mit dabei war der ehemalige Arzt und Psychotherapeut Winfried Hoggenmüller, der heute mit anderen Mitgliedern des Förderkreises Forum Illenau Museumsführungen anbietet. „Wir möchten an beides erinnern: an die große Zeit dieser Klinik, aber auch an ihre dunkle Seite“, beschreibt er die Intention. Ihre große Zeit hatte die Illenau unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahr 1842 durch den Heidelberger Arzt Christian Roller. Zuvor waren psychisch Kranke teilweise „ganz schlimm in Zucht- oder Arbeitshäusern untergebracht“, berichtet Hoggenmüller. Roller baute hingegen eine Heil- und Pflegeanstalt auf, denn er war überzeugt: „Geisteskrankheiten sind Krankheiten des Gemüts – und deswegen muss man auf das Gemüt einwirken.“

Museum Illnau Arkaden

Hier wird die Geschichte der Psychiatrie lebendig.

Zu seinem Konzept gehörte die Unterbringung in dem schlossartigen Gebäude ebenso wie sportliche Betätigung, etwa im Schwimmbad der Anstalt, und ein geregelter Tagesablauf mit Arbeit in der zur Illenau gehörenden Landwirtschaft, Webstube oder Bäckerei. Auch Musik habe eine große Rolle gespielt, erzählt der frühere Arzt: „Sie galt als wichtigstes psychisches Heilmittel.“ Es gab eine Musikkapelle, einen Chor und sogar ein eigenes Liederbuch. Jahrzehntelang galt die Illenau als Reform- und Musteranstalt, zahlreiche Psychiater aus dem In- und Ausland ließen sich bei Besuchen inspirieren.

„Wo bringt ihr uns hin?“

Doch es gibt auch eine dunkle Seite der Geschichte, an die im zweiten Stock des Museums erinnert wird. „Wo bringt ihr uns hin?“, steht auf der dunklen Wand am Ende der Treppe – dahinter ein Gedenkraum mit kleinen Holztafeln an den Wänden.

Darauf finden sich die Namen der 260 Patienten, die 1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb ermordet wurden. „Unter den Nationalsozialisten galten sie als unwürdige Existenzen, als Belastung im Volkskörper“, so Hoggenmüller. Dass es nicht noch mehr waren, sei dem damaligen Direktor Hans Roemer zu verdanken. „Er war ein Gegner der sogenannten Euthanasie, beantragte seinen Ruhestand und riet Angehörigen, sie mögen ihre verwandten Patienten abholen.“

Nach 1940 wurde die Illenau als „Reichsschule für Volksdeutsche“ genutzt. Und im „Haus der unruhigen Männer“ waren polnische Waisenmädchen zwangsinterniert, die aufgrund ihres „arischen“ Aussehens als „wertvoller Bevölkerungszuwachs“ aus dem besetzten Nachbarland verschleppt worden waren. Die meisten gingen nach dem Krieg nach Polen zurück, wenige blieben hier, traumatisiert waren sie alle – auch das ein dunkles Kapitel, das mit Texten, Fotos und Hörbeispielen für die Besucher lebendig wird. Zum Nachdenken laden der Illenauer Gedächtnisweg und der idyllische alte Friedhof ein. Auf diese Weise hat die Vergangenheit in Achern ihren Platz in der Gegenwart. „Wir wollen an das Schicksal früherer und heutiger psychisch kranker Menschen erinnern und Verständnis für sie wecken“, betont Hoggenmüller.

Info

Illenau-Arkaden-Museum
Illenauer Allee 75,
77855 Achern
Öffnungszeiten: Di. bis So.,
9 bis 22 Uhr, Eintritt frei
www.illenau-arkaden.de

Fotos: ©  Florian Hofmeister, Illenau Arkaden Museum