»Starke Widerstände« – Kulturzentrum E-Werk in der Krise – PR-Offensive soll helfen Kultur | 02.09.2025 | Till Neumann & Philip Thomas

E-Werk

Das E-Werk steht vor enormen Herausforderungen in klammen Zeiten: Pro Jahr fehlen 100.000 Euro. Die Leitung zieht sich zumindest teilweise zurück, möchte aber eine Kommunikations-Offensive starten. Das Programm soll vorübergehend zurückgefahren werden. Der Kulturbürgermeister wartet auf ein Konzept.

„Das E-Werk sieht sich mit tiefgreifenden ideellen und strategischen Herausforderungen konfrontiert.“ Mit diesem Szenario hat sich das Team Mitte Juli an die Öffentlichkeit gewandt. Die Pressemitteilung hat es in sich: Es klafft eine „jährliche Deckungslücke von zirka 100.000 Euro“. Sie könne durch Einsparungen und Drittmittelakquise nur vorübergehend, aber keinesfalls dauerhaft ausgeglichen werden. 

„Die Mittel sind extrem knapp“, sagt Co-Vorsitzende Laurence Nagel dem chilli. „Wir müssen massiv Einsparungen vornehmen und Gegenmaßnahmen ergreifen.“ Die Pressemitteilung sei ein konstruktiv gemeintes Warnsignal: „Es muss sich was ändern.“ Alle Beteiligten sollten sich ein Stück zusammenraufen und gemeinsam in eine Richtung arbeiten. 

Gemeint ist das eigene Team. Aber auch Stadtverwaltung und Lokalpolitik. Schließlich sind die Fördergelder im Doppelhaushalt 2025/2026 weit unter den Erwartungen geblieben. Die jährliche Förderung lag 2024 noch bei 347.000 Euro. Eine Erhöhung um 150.000 Euro war beantragt. Freigegeben wurde aber lediglich ein Plus von 20.000 Euro. 

Damit bekommt das E-Werk nun jährlich 367.000 Euro. Hinzu kommt ein Mietkostenzuschuss von jährlich 361.000 Euro. Summa Summarum macht das für dieses Jahr 728.000 Euro aus der Stadtkasse. Zusätzlich gibt es 2026 einen Investitionszuschuss von 40.000 Euro.

Bleibt optimistisch: Laurence Nagel

Bleibt optimistisch: Laurence Nagel

Mit Kritik hält sich Nagel zurück: „Ich bin überzeugt, dass sich alle Verantwortlichen intensiv mit dem E-Werk auseinandergesetzt haben.“ Der Eindruck sei jedoch, dass viele momentan erschöpft wirken und deshalb zögern, in die Zukunft des Hauses zu investieren – auch weil eine Weiterentwicklung bisher nicht stattgefunden hat, aber dringend angestrebt wird. Zudem sei es trauriger Gesamttrend, dass finanzielle Spielräume enger werden: „Frische Mittel stehen nur in sehr begrenztem Umfang zur Verfügung.“ Auch andere ­Antragsteller·innen seien im Doppelhaushalt nicht in höherem Maße zum Zuge gekommen.

Die Ausgangslage hält Nagel für schwierig: „Es gibt im E-Werk Konflikte, die seit Jahren unter dem Teppich schwelen – vom Gebäude her, aber auch von der Programmstruktur.“ Eine Herausforderung: Das E-Werk ist ein Zweispartenhaus mit Bildender und Darstellender Kunst. Das breit gefächerte Angebot hält Nagel für schwerer vermittelbar als in Häusern mit einspuriger Ausrichtung. „Programmvielfalt kann schnell zum Gemischtwarenladen werden“, sagt ein Freiburger Kulturkenner. „Das E-Werk hat ein Imageproblem“, sagt ein anderer. Und: „Junge Leute finden es zu arriviert, dabei ist es cooler als angenommen.“

„Zwei Sparten sind Segen und Fluch zugleich“, beschreibt Nagel. Mit ihrem Team möchte sie einiges ändern: „Wir brauchen clevere Kommunikationskonzepte und Strategien, um diese Vielfalt nicht nach einer Beliebigkeit aussehen zu lassen.“ Es soll ein neues Corporate Design geben. „Ein kompletter Relaunch“, betont Nagel. Und eine Herausarbeitung des Profils. Das Team sei sich trotz Gegenwinds einig, dass es genau das brauche.

Zudem plant der Verein, das Programm zu reduzieren. „Wir müssen zirka fünf bis zehn Prozent in jedem Bereich runterfahren.“ Bei 300 Veranstaltungen im Jahr seien es 30 weniger. So verschaffe man sich „Luft, um Neues zu schaffen“. Ein verstärktes Fundraising soll helfen, finanziell mehr Spielraum zu bekommen.

Schmerzhaft aber notwendig sei, „manches zu reduzieren, was einfach kostenmäßig im Moment nicht zu stemmen ist.“ Als Beispiel nennt sie einzelne Großkonzerte, bei denen nur für ein Event Licht- und Tontechnik zu installieren sind. Das bringe das Team an seine Grenzen. Allein der Bühnenauf- und abbau koste 2000 Euro, heißt es im E-Werk-Umfeld.

Enorm viel Arbeit stecke hinter dem Programm, berichtet Nagel. Manchmal auch zu viel: „Es gibt ein gewisses Maß an Grenzüberschreitungen, was die Arbeitsbelastung angeht.“ Dauerhaft sei das nicht leistbar. Daher hat sie sich entschieden, Ende kommenden April vom Vorstand zurückzutreten. Ihre Kollegin Manuela Kowatsch ist zudem seit August in Elternzeit. Gezwungenermaßen wird sich die Vereinsspitze neu formieren. „Es braucht definitiv mindestens ein oder zwei weitere Menschen, die das Haus in die Zukunft führen“, betont Nagel. Sie könne sich vorstellen, in neuer Funktion dazu beizutragen. 

Ein Mitverschulden bei der Misslage sieht sie nur bedingt. „Ich würde auf keinen Fall sagen, dass das Team irgendwas versäumt hätte.“ Es werde unglaublich viel geleistet. Dennoch seien über Jahre hinweg strukturelle Probleme nicht angegangen worden. Das sei jedoch nicht so einfach: „Es gibt sehr starke Widerstände – ob von innen oder außen.“ Das E-Werk sei eine sehr komplexe Geschichte.

Hat der Gemeinderat dem E-Werk zu wenig Geld zugesprochen? „Wir haben nicht abgelehnt, irgendwelche Mittel freizugeben“, sagt Timothy Simms. Der Kulturexperte der Grünen-Fraktion sieht diese Aufgabe anderswo: „Die Stadt selber hat nicht vorgeschlagen, dem E-Werk mehr Geld zu geben. Weder der Oberbürgermeister noch der Kulturbürgermeister noch das Kulturamt.“ Seine Fraktion finde das E-Werk wichtig, sei aber nicht tief genug im Thema, um die Details zu kennen. „Die Verantwortung liegt nicht beim Gemeinderat.“

Für den Doppelhaushalt habe es im Kulturbereich Wünsche über zwei Millionen Euro gegeben. „Wir mussten priorisieren“, sagt Simms. Er betont, dass das E-Werk über die vergangenen Jahre eine enorme Etatsteigerung erhalten habe. Es sei Aufgabe des E-Werk-Teams, damit zurechtzukommen: „Ein Kulturbetrieb ist auch ein Wirtschaftsbetrieb.“

»durch Kompetenz möglich«

Auch Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach stellt das heraus: „Der Verein ist verantwortlich für eine vorausschauende Wirtschaftsplanung.“ Lob fürs Team hat er trotzdem: „Der Vorstand ist erst seit gut einem Jahr in dieser Funktion und hat die defizitäre Finanzlage übernommen.“ Dem Vorstand sei es gelungen, die Lage zu konsolidieren. „Das war nur durch Kompetenz, Stringenz und hohen Arbeitseinsatz möglich.“ Auf die Neuausrichtung ist er gespannt: „Ein konkretes Konzept liegt uns noch nicht vor.“

Von Kirchbach betont einen steten Austausch zwischen E-Werk und Kulturverwaltung. Das Haus werde auf mehreren Ebenen unterstützt: zum Beispiel bei Beratung, Kontaktvermittlung, Controllingaufbau, Drittmittelakquise und Austausch auf Landesebene. Sein Wunsch fürs E-Werk: „Eine stabile Betriebsstruktur, personell, finanziell und strukturell.“ 

Kulturkenner Atai Keller, bis 2024 stolze 25 Jahre im Gemeinderat, sieht das Engagement der Bürgermeister dennoch kritisch: „Die Stadt hat sich keine Lorbeeren verdient.“ Das E-Werk bekomme viel zu wenig Geld. Er wirft der Rathausspitze vor, „keine Haltung“ zum Haus zu haben.

Bestürzt ist auch die ­Musikinitiative Multicore. „Die Situation im E-Werk steht exemplarisch für das, was bundesweit passiert: steigende Kosten, wegbrechende Förderung, reduzierte Programme – und dadurch letztlich kultureller Rückzug aus der Öffentlichkeit“, betont Vereinsvorstand Franck Mitaine. Er hat eine Erklärung verschiedener Akteure vorbereitet. Sie appelliert an die gemeinsame Verantwortung von Kommunen und Kulturszene. „Es geht um mehr als eine Institution – es geht um kulturelle Räume, die auf dem Spiel stehen.“ 

Nagel ist optimistisch, diese Räume neu zu beleben. Die Besucherzahlen – rund 40.000 pro Jahr – seien stabil. Mit neuem Schwung und neuen Angeboten hofft sie auf 10 bis 20 Prozent Zuwachs. „Ich sehe Potenzial, dass ein Neustart gelingen kann“, sagt Nagel. Schon seit einigen Monaten bewege sich etwas. Mit viel Power und guten Ideen soll das E-Werk zurück in die Spur finden. Im nächsten Doppelhaushalt werde man einen neuen Anlauf für mehr Fördergelder starten. Bei der Akquise brauche es starke Konzepte und manchmal einfach auch ein wenig Glück.

»Werden Millionen brauchen«

Clubkultur-Sprecher Samuel Rettig im Interview

Während Stadiontouren ausverkauft sind, haben kleinere Bühnen Probleme, ein Publikum zu finden. Samuel Rettig (27), Sprecher von Clubkultur Baden-Württemberg, erklärt im Interview mit chilli-Redakteur
Philip Thomas, woher dieser Trend kommt, was Rathäuser tun können und was Algorithmen damit zu tun haben.

Fordert mehr Förderung: Samuel Rettig, Sprecher von Clubkultur Baden-Württemberg

Fordert mehr Förderung: Samuel Rettig, Sprecher von Clubkultur Baden-Württemberg

chilli: Wie steht es um die Bühnen im Land?
Rettig: Live-Spielstätten und die Livekultur in Deutschland stehen seit Corona und der Energiekrise finanziell unter großem Druck. Eine insgesamt schwächelnde Wirtschaft hat diese Lage weiter verschärft. Zwar könnte man diese Belastung verkraften, doch hinzu kommen enorm gestiegene Kosten in allen Bereichen der Veranstaltungsproduktion. Viele Spielstätten sind kleinteilige oder gemeinnützige Betriebe und haben kaum Rücklagen.

chilli: Woran liegt das?
Rettig: Publikumsverhalten und Livekultur tendieren zu „Mega-Events“: Während Clubformate Probleme haben, zahlendes Publikum zu finden, sind etwa Taylor-Swift-Tourneen weltweit praktisch dreifach ausverkauft. Dahinter stecken Influencer und Algorithmen. Früher gab es klare Subkulturen mit kleinen Stars, doch durch Kurzvideopromoter wie TikTok und Instagram werden diese immer stärker fragmentiert. Das erschwert es kleinen bis mittelgroßen Bühnenformaten, Publikum zu gewinnen und sinnvoll zu buchen. Gleichzeitig vermitteln Großevents das Gefühl gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Spielstätten müssen sich weiterentwickeln, zumal jetzt auch noch KI-produzierte Medien hinzukommen. Deshalb ist es wichtig, lokale Formate zu stärken und New­comern eine Bühne zu bieten.

chilli: Was können Rathäuser tun?
Rettig: Am wichtigsten ist, dass die Kommunen die Kulturszene vor Ort kennen, ihre Probleme wahrnehmen und in den Dialog treten. Bei soziokulturellen Häusern, Zentren, Live-Spielstätten und Clubs sind die Herausforderungen meist sehr individuell. Eine One-Fits-All-Lösung gibt es nicht.

chilli: Viele Kommunen sind klamm …
Rettig: Die Frage ist nun, ob die Kommunen bereit sind, Verantwortung für ihre Bürgerinnen und Bürger zu übernehmen, sich mit den Häusern zusammenzusetzen, Probleme zu analysieren und gezielt Lösungen zu finden. Konkret benötigt man ergänzende Förderung vom Land, so wie das Freiburger E-Werk sie als soziokulturelles Zentrum erhält. Auf landespolitischer Ebene muss viel mehr gefördert werden. Insgesamt werden wir in den nächsten Jahren Millionen brauchen, das ist klar.

chilli: Bis Juli hat das Land die „Perspektive Pop 2.0“ ausgerollt. Bis zu 400.000 Euro für Live- und Musikschaffende wurden über diesen Topf vergeben. Reicht das?
Rettig: Zum Glück. Wir hoffen, dass die Landesregierung 2026 das Problem ebenfalls erkennt. Aus unserer Sicht müssten diese Fördertöpfe aber noch größer sein. Dann lohnt es sich auch für Spielstätten, einen Antrag zu stellen. Die Antragstellung ist derzeit ziemlich kompliziert und langwierig.

chilli: Was steht auf dem Spiel?
Rettig: Es ist wichtig, gute lokale Formate zu haben, in denen sich Menschen treffen, die vielleicht nicht zu 100 Prozent ihrem Algorithmus entsprechen, und dort gesellschaftlichen Zusammenhalt erleben. Jede mittelgroße Stadt in Baden-Württemberg hat ein unglaubliches Angebot, das teilweise im Ehrenamt und von der Bürgerschaft getragen wird. Es wäre sehr schade, wenn uns diese Kultur verloren ginge. Das darf nicht passieren.

Fotos: © tln; E-Werk; Clubkultur Baden-Württemberg