Spion am Handgelenk: Wie sinnvoll sind smarte Uhren für Kinder? Erziehung | 24.03.2024 | Carola Weyers

Zwei Mädchen sind in der Schule im Unterricht und das linke Mädchen guckt auf ihre Smartwatch am Handgelenk

Smartwatches gehören heute zum Lebensalltag, bei Erwachsenen, bei Jugendlichen – und oft auch bei Kindern.  Die Möglichkeiten dieser Wearables sind vielfältig: Die Smartwatch für „Teenager ab 5 Jahren“ bietet Eltern beispielsweise eine „umfassende Analyse der Schlafqualität“ ihres Kindes. Sie verfolgt seine zurückgelegten Schritte, nennt die dabei verbrannten Kalorien und erinnert das Kind daran, Wasser zu trinken. Sinnvoller Schutz oder überflüssige Überwachung?

In jedem zweiten Haushalt in Deutschland, in dem junge Menschen aufwachsen, gibt es mittlerweile Wearables. Das geht aus der aktuellen JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) hervor, der seit 25 Jahren den Medienalltag von Jugendlichen in Deutschland untersucht. Fast jeder dritte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren verfügt demnach über eine eigene Smartwatch. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Designs, mit nur wenigen bis etlichen Funktionen. Allen gemein ist: Sie ermöglichen ihrem Träger oder ihrer Trägerin, mit anderen zu kommunizieren. Und das macht sie bei Eltern jüngerer Kinder, die noch kein eigenes Handy besitzen, attraktiv.

„Ich wollte eine Möglichkeit haben, mit meinem Sohn zu kommunizieren, wenn er alleine unterwegs ist“, erzählt Hannah, Mutter eines Zehnjährigen. Die Uhr trägt er seit einem Jahr. Mit der Frage der Anschaffung hat sich Hannah bereits deutlich früher beschäftigt. „Das begann, als Luke anfing, Wege und Orte allein erkunden zu wollen. Also, alleine zum Freund gehen. Ich weiß, andere Leute sind da entspannter. Mir aber war es wichtig, dass ich ihn jederzeit erreichen kann und im Zweifel weiß, wo sich das Kind gerade befindet.“ Letzteres ermöglichen die Uhren anhand der integrierten Tracking-Funktion. Wie gut das Tracking ist, darüber wird seit Jahren auf Elternseite debattiert, teilweise sehr emotional. Für die einen bedeutet es Sicherheit und Freiraum, für die anderen steht es für Überwachung und mangelndes Vertrauen ins Kind.

Gespräche auf Augenhöhe

Torsten Krause ist Politik- und Kinderrechtswissenschaftler und arbeitet bei der Stiftung Digitale Chancen als Referent im Projekt „Kinderschutz und Kinderrechte in der digitalen Welt“. Er kennt die Diskussion und sieht die Vor- und Nachteile beider Perspektiven. Für ihn ist das Wichtigste das Gespräch auf Augenhöhe: „Eltern und Kind sollten sich gemeinsam darüber austauschen, welche Zwecke und Ziele mit der Smartwatch oder dem Smartphone erreicht werden sollen. Sinnvoll ist es auch darüber zu sprechen, was die Alternative wäre, wenn das besprochene Ziel nicht erreicht werden kann. Auf Seiten der Eltern steigt schnell der Blutdruck, wenn sie anhand der Lokalverfolgung feststellen, dass das Kind vom vorgegebenen Weg abweicht. Sie können in dem Moment nicht wissen, dass das Kind vielleicht den Fußweg in der Parallelstraße nutzen muss, weil auf dem verabredeten Weg ein Kran aufgestellt wird.“

SOS-Anrufe sorgen für Panik

„Ruhig Blut“ sagt man beiläufig – aber es fällt dann oft doch schwerer als gedacht. Schulen, vor allem Grundschulen, können ein Lied davon singen. Grundschulbetriebe leiden, wenn wieder einmal aufgeregte Väter oder Mütter im Sekretariat anrufen, weil sich der Nachwuchs nicht wie verabredet gemeldet und verkündet hat, dass er bei der Schule angekommen ist. Vergessen wurde, dass Schulen sich bei den Erziehungsberechtigten melden, wenn sie ein Grundschulkind vermissen. Oder wenn besorgte Eltern auf den SOS-Anruf der Uhr reagieren – versehentlich ausgelöst und gar nicht bemerkt vom Kind. „Wir haben mit Luke die Absprache getroffen, dass wir uns zurückmelden, wenn der SOS-Anruf zwei- oder dreimal abgeschickt wird, vorher nicht“, berichtet Hannah.

Hannah wollte für Luke eine Uhr, die unauffällig ist, gut zu tragen und ohne zu viele Apps. Viele Eltern hingegen begrüßen die vielen Funktionen. Was ist richtig, was falsch? „Smartwatches können die Entwicklung eines Kindes fördern, wenn sie bewusst dafür eingesetzt werden, das Erkennen und Verstehen bestimmter Handlungen und Prozesse zu unterstützen. So könnten Kinder gut feststellen, dass sie mehr Kalorien verbrauchen, wenn sie das Treppenhaus statt des Aufzugs nutzen. Auch können solche Wearables Kindern Sicherheit vermitteln, wenn der Weg zur Schule erstmals ohne Eltern zurückgelegt werden soll. Um jedoch festzustellen, dass das Herz schneller schlägt, wenn Sport getrieben wird, ist keine Smartwatch notwendig“, sagt Torsten Krause. Und: Je mehr Apps aktiviert sind, umso mehr Daten werden gesammelt.

Die Sache mit dem Datenschutz

Doch nur wenige Nutzer lesen und verstehen die Datenschutzerklärungen ihrer Geräte, weil sie langwierig und schwierig verfasst sind. Dadurch nehmen sie mitunter ihre Rechte zum Widerspruch der Datenerhebung und -verarbeitung nicht wahr. Aber, so Krause, „Eltern tragen die Verantwortung dafür, die Daten ihrer Kinder hinreichend zu schützen, bis diese selbst dafür verantwortlich sind.“ Das Schutzrecht erstreckt sich gemäß der VN-Kinderrechtskonvention bis zum 18. Lebensjahr des Kindes. Kritisch ist, „dass die gesammelten Daten in der Regel auf dem jeweiligen Gerät, im Zweifel aber auch auf dem Server des Anbietenden nicht hinreichend geschützt sind und somit Unberechtigte den Zugriff darauf erhalten können. Diese verfügen dann über einen sehr sensiblen Einblick in das Leben der Nutzenden. Mit der Nutzung einer Smartwatch verfolgte Schutz- und Sicherheitsinteressen der Eltern gegenüber ihrem Kind könnten dadurch ad absurdum geführt werden.“

Hannah ist sich dieser Situation bewusst. Sie arbeitet im IT-Bereich eines großen Unternehmens. Bei der Auswahl der Smartwatch für ihren Sohn hat sie darauf geachtet, dass der Server des Herstellers in Deutschland steht. „Ein Datenmissbrauch kann immer vorkommen“, sagt sie. „Aber in Deutschland haben wir strikte Datenschutzvorgaben und IT-Richtlinien. Und das gibt mir ein besseres Sicherheitsgefühl.“

Aufsichtsplicht & Forschergeist

Das Sicherheitsgefühl – da sind wir wieder. Es ist ein Spagat zwischen der elterlichen Aufsichtspflicht und dem Forschergeist des Kindes, zwischen den Kinderrechten auf Schutz und auf Privatsphäre. Das war auch früher so, in der analogen Welt. Mit den digitalen Möglichkeiten und Gefahren ist es nur noch weiter gefächert. „Damit das Schutzrecht nicht zu Lasten der kindlichen Privatsphäre geht“, rät Krause, „gilt es, in der Familie darüber zu sprechen, welche Funktionen aus welchen Gründen genutzt werden. Das Nachverfolgen von Wegen des Kindes ohne dessen Wissen sollte ebenso tabu sein wie das Mithören oder Mitlesen der Kommunikation des Kindes, wenn dieses damit nicht einverstanden ist.“

Hannah und Luke finden den GPS-Tracker ihrer Uhr beide gut. Schon oft konnte Hannah im Homeoffice das Mittagessen vorbereiten, wenn sie sah, dass Luke gleich da sein wird. Und Luke zeigt seiner Mutter ab und an abends, wo er am Tag überall gewesen ist. Das digitale Leben, es findet statt, ebenso wie das Gespräch darüber.

Weiterführende Infos:

www.digitale-chancen.de

www.kinderrechte.digital

www.invidas.gi.de

www.kinder-ministerium.de

www.dkhw.de/schwerpunkte/kinderrechte

Foto: © iStock.com/Kalinovskiy