Jung und broke: Wie eine Freiburgerin in die Schuldenfalle tappt Job & Karriere | 10.12.2025 | Till Neumann
Fast 6000 Euro Schulden. So viel Miese hat Alina Wagner (Name geändert). Die 24-Jährige hat das über Jahre angehäuft. Da sie alleine nicht weiterwusste, wandte sie sich an die Jugendberatung Freiburg. Nun hat sie neue Hoffnung, aus der Schuldenfalle rauszukommen. Ihr Weg: kleine Ziele setzen.
„Den Überblick verloren“
5,7 Millionen Deutsche haben so viele Schulden, dass sie das Geld nicht mehr zurückzahlen können. Auch junge Menschen trifft das. Eine relativ neue Gefahr: „Buy now, Pay later“-Angebote (BNPL). Online-Dienste wie Klarna oder PayPal locken damit viele in die Falle. Das zeigt der „Schuldneratlas 2025“. Demnach verpasst die Hälfte der 18- bis 25-Jährigen BPNL-Nutzenden die Zahlungsfrist, Mahngebühren werden fällig.
Auch Alina Wagner kennt das Problem. Tausende Euro Schulden hat sie. Und kein festes Einkommen. Über Jahre hinweg hat sich die Summe angehäuft. „Seit ich 18 bin oder so“, erinnert sich Alina. Sie hat Mietschulden, Shopping-Schulden, Bahnschulden und vieles mehr. Wie viel genau? „Ich habe den Überblick verloren“, sagt die junge Frau mit den dunklen Haaren. „Vielleicht so 4000 bis 5000 Euro.“
„Hatte keine Hilfe“
Ihr Berater Philipp Geigis weiß es genau: „5900 Euro“, sagt Geigis beim Interview in den Räumen der Jugendberatung Freiburg. Sieben Gläubiger hat er aufgelistet. „Überschaubar“, sagt Geigis. Bei anderen jungen Menschen seien es deutlich mehr.

Hilft jungen Menschen wie Alina: Philipp Geigis von der Jugendberatung Freiburg
Zurück zu Alina: Sie ist mit 18 Jahren nach Berlin gezogen. Wollte dort auf eigenen Füßen stehen, machte eine schulische Ausbildung als Sozialassistentin. Ein festes Einkommen fehlte, sie konsumierte Drogen, leistete sich Klamotten und Co. „Ich hatte keine Hilfe, war komplett allein und habe mein Konto überzogen“, erinnert sich Alina. Ein Teufelskreis. Sie wurde depressiv, konsumierte noch mehr Drogen.
Angst, wenn es klingelt
„Ich glaube, damals hatte ich so 600 oder 800 Euro Schulden“, erzählt Alina. „Mir ging es schlecht, ich wollte mich ablenken.“ Dann kam Corona. Gelegenheitsjobs in der Gastronomie wurden weniger. Der Wohnungsmarkt schwieriger. Allein 1500 Euro Monatsmiete zahlte sie in Berlin. „Ich hatte Angst, obdachlos zu werden“, so Alina. Und: „Ich war irgendwie in diesem Loch drinne.“ Das Gefühl machte sich breit, mit eigener Kraft da nicht mehr rauszukommen. Geld gab sie weiter aus. Rechnungen beglich sie nicht.
Freunden vertraute sie sich zwar an. Ihrer Familie aber nicht. Der Grund: Sie war alleine nach Berlin gezogen, wollte es alleine schaffen. Doch die Sorgen wuchsen: „Ich hatte einfach nur Angst, dass jederzeit irgendwelche Gläubiger vor meiner Haustür stehen.“ Bei jedem Klingeln bekam sie einen Schreck.
Kleine Schritte
Irgendwann war klar: Das klappt nicht. Vor einem halben Jahr zog sie die Reißleine, kam zurück nach Freiburg. Sie wohnt nun bei ihren Eltern, wird von der Jugendberatung unterstützt. „Ich suche jetzt einen richtigen Job“, betont Alina. Mit kleinen Schritten will sie den Weg aus der Schuldenfalle schaffen.
Dass Philipp Geigis ihr hilft, gibt neue Kraft. „Das hat mir viel Motivation gegeben im Vergleich zu den letzten Monaten.“ Der Schuldenberg ist bereits etwas kleiner geworden. „Wichtig ist, das ganzheitlich in den Blick zu nehmen“, betont Geigis. Wie komme es dazu, dass jemand in so jungen Jahren schon so viele Schulden hat?
„Erstmal sortieren“
Rund 50 Menschen aus Freiburg haben er und das Team der Jugendberatung vergangenes Jahr geholfen. Tendenz steigend. „Die allermeisten Schulden junger Leute sind Konsumschulden. Vorwiegend bei Firmen wie Klarna“, berichtet Geigis. Saugefährlich seien Online-Dienste, bei denen man die Bezahlung einfach nach hinten schieben könne. Ein krasser Fall: „Ich hatte mal jemand, der sich eine komplette Wohnzimmereinrichtung für mehrere tausend Euro liefern lassen hat über Klarna – und der hatte keinen Pfennig Geld.“ Das sei für viele verlockend, aber folgenreich.
Sei jemand kaufsüchtig, müsse man erst die Sucht in den Griff bekommen, dann die Schulden. Wer bei ihm lande, komme manchmal mit einer Plastiktüte voller ungeöffneter Briefe an. „Weil Schulden oft als ständiger Begleiter erlebt werden, lastet das ganz schwer auf den Schultern der Menschen.“ Die größte Hilfe sei dann, erst mal zu sortieren, was alles im Raum stehe. Und das Gefühl zu vermitteln, nicht mehr machtlos zu sein. „Ganz viel ist schon getan, wenn man die Menschen wieder ins Tun bringt“, so Geigis. Briefe öffnen, gemeinsam schauen: Wie viel Schulden sind es eigentlich? Oft schätzen die Betroffenen den Schaden größer als er ist.
Nächtes Ziel: fester Job
Die Statistik zeigt: Junge Frauen sind häufiger verschuldet als junge Männer. Auch Geigis bestätigt das. Der Druck von Idealbildern, die auf Social Media vorgelebt werden, sei dabei unverkennbar. Das sorge für mehr psychische Erkrankungen – und auch Geldsorgen.
Für Alina ist noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Doch die Richtung stimmt. Sie möchte sich kleine Ziele setzen. Das nächste: ein fester Job bis zum Endes des Jahres. Egal wo.
Hilfe holen
Kostenlos und vertraulich: Die Jugendberatung Freiburg ist erreichbar per Telefon unter 0761 273487, per Mail an beratemich@jugendberatung-freiburg.de. Zudem gibt es ein Kontaktformular auf www.jugendberatung-freiburg.de/kontakt








