Sehr scharf, sehr gefährlich – Die Hot-Chip-Challenge und ihre Folgen News & Trends | 26.12.2023 | Till Neumann

Frau mit Chilli im Mund

Er kommt in einer Tüte in Sargform. Nur ein einziger Chip ist drin. Auf der Verpackung ist ein Totenkopf. Sogar ein Latexhandschuh liegt bei. Wer traut sich, das hammerscharfe Ding zu verputzen? Auf TikTok und Co. machte die Hot-Chip-Challenge zuletzt die Runde. Mit fatalen Folgen. Baden-Württemberg hat den Verkauf der „schärfsten Chips der Welt“ gerade verboten. Und das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt eindringlich.

In Videos auf Social-Media-Plattformen bieten Menschen anderen Geld, wenn sie vor laufender Kamera einen „Hot Chip“ essen und dabei nichts trinken. Speziell junge Menschen springen auf den Trend an. Und gerade für die erwies sich die Mutprobe als besonders riskant. Sie führte zu Notarzteinsätzen an Schulen und forderte laut Medienberichten sogar ein Todesopfer: Ein 14-Jähriger soll in den USA nach dem Verzehr eines „Hot Chips“ gestorben sein. An einer Schule in Euskirchen (NRW) musste ein Notarzt kommen, nachdem zwölf junge Menschen nach dem Verzehr gesundheitliche Probleme hatten.

Hot Chip Verpackung

Mittlerweile verboten: Die „Hot Chip Challenge“-Chips sind nicht mehr im Handel.

Angespornt hatte sie der Hersteller selbst: Die Produzenten des „Hot Chip Challenge“-Snacks riefen unter dem Slogan „Glaubst du, dass du es draufhast?“ dazu auf, den Chip zu essen, sich zu filmen und das Ergebnis ins Netz zu stellen. Doch die Liste der möglichen Beschwerden ist lang: Übelkeit, Erbrechen, Bluthochdruck, brennende Augen, gereizte Schleimhäute und Kreislaufprobleme. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt auch vor Lebensgefahr für Kinder. Der Hersteller der tschechischen Marke „Hot Chip Challenge“ liefert das Produkt seit November aufgrund der bestehenden Gesundheitsgefahren nicht mehr nach Deutschland. Im Verkauf war es zuvor für Menschen ab 18 Jahren erhältlich.

Von einem „sehr gefährlichen Hype“ spricht Landesverbraucherschutz-Minister Peter Hauk (CDU). Und zwar auch deswegen, „weil der Schärfegehalt bei jedem Chip unterschiedlich ist“. Die Schärfe sei allerdings für die Konsumenten nicht zu erkennen. Der Verkauf der „Hot Chips“ ist in Baden-Württemberg mittlerweile verboten. Auch das bayerische Amt für Lebensmittelsicherheit hat einen Verkaufsstopp veranlasst.

1,6 bis zu 2,2 Millionen Scoville findet man als Schärfeangaben zu den Tortilla-Chips im Netz. Im Vergleich dazu: Der Klassiker Tabasco hat einen Wert von etwa 2500 Scoville. Der Wert wird also fast vertausendfacht. „Das ist wie wenn du Pfefferspray konsumierst“, erklärt Heinz-Wilhelm Esser die Folgen des Konsums gegenüber T-Online. Er ist Oberarzt für Innere Medizin sowie Leiter der Pneumologie am Klinikum Remscheid und betont: Der Konsum „ist medizinisch gesehen bekloppt“. Sein Tipp
an Minderjährige: „Die Finger davon lassen.“

Youtube Video

Viraler Trend: Wer sich traut, bekommt Cash für die Mutprobe – wie hier im Video.

Geschärft werden die Tortilla-Chips mit Capsaicin. Das ist in Chilischoten vorhanden und sorgt für deren scharfen Geschmack. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt vor „übermäßigem Verzehr des Alkaloids“. In der Vergangenheit seien immer wieder Fälle bekannt geworden, bei denen unerwünschte Wirkungen wie Schleimhautreizungen, Übelkeit, Erbrechen und Bluthochdruck beobachtet wurden. Auch das BfR sagt: Die Höhe der konsumierten Capsaicin-Dosis sei bei Schärfewettbewerben wie der Hot-Chip-Challenge oft unbekannt gewesen.

Gerade bei Minderjährigen seien die Reaktionen auf scharfe Chili-Produkte riskant, so das BfR: „Es sind schwerwiegende Vergiftungen bei kleinen Kindern durch die Aufnahme von Chilizubereitungen in der internationalen Literatur beschrieben.“ Es geht davon aus, dass die Schärfe, die traditionell von Erwachsenen bei einer Mahlzeit akzeptiert wird, maximal einer Dosis von fünf Milligramm Capsaicin je Kilo Körpergewicht zugeordnet werden kann. Das entspräche einer Aufnahme von 300 Milligramm Capsaicin durch einen 60 Kilo schweren Erwachsenen über eine Mahlzeit.

Zu viel Schärfe ist also gefährlich. Wer dennoch zu viel abbekommt, sollte nicht mit Wasser kontern. Sinnvoller ist, Milch zu trinken, raten Expertinnen. Auch Joghurt oder Käse könnten helfen. Der Grund: Fett- und Eiweißhaltiges hält Capsaicin davon ab, sich an die Schärferezeptoren zu binden. Und dort entsteht der Schmerz.

Das Schärfste der Welt

Schärfe wird in Scoville Heat Units gemessen (SHU). Eine Paprika bespielsweise hat einen Wert von 0 bis 10. Eine Jalapeño-Schote kommt auf etwa 5000 Scoville. Eine Habenero-Schote schon auf mehr als 100.000. Sie galt vor 25 Jahren als die schärfste Paprikaschote der Welt.

Das Guinness-Buch der Rekorde listete noch bis zu diesem Jahr die „Carolina Reaper“ als schärfste Schote des Globus. Sie kam auf 1,64 Millionen Scoville. Die neu gezüchtete Sorte „Pepper X“ schaffte es jedoch im Oktober schon auf rund 2,69 Millionen Scoville. Ein neuer Rekord. Gezüchtet hat sie Ed Currie aus South Carolina.

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